Kirchenvertreter über AfD-Erfolg besorgt

Was ist schuld am starken Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl? Die Angst vor Umbrüchen oder die religiöse Heimatlosigkeit vieler Ostdeutscher? Katholisch.de dokumentiert kirchliche Stellungnahmen zur Wahl.

Bundestagswahl | Bonn/Berlin - 25.09.2017

Vertreter der Kirchen in Deutschland haben sich am Montag besorgt über den Ausgang der Bundestagswahl und das starke Abschneiden der AfD geäußert. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch bezeichnete das Wahlergebnis als "große Herausforderung" auch für die Kirchen. "Wir dürfen nicht nachlassen im demokratischen Ringen um ein gedeihliches Miteinander", so Koch. Gerade im Erzbistum Berlin, wo man die Erfahrung der Teilung und der Trennung schmerzlich erlebt habe, "werden wir uns einem Auseinanderfallen der Gesellschaft entschieden entgegenstellen".

Angesichts des starken Abschneidens der AfD in Ostdeutschland diagnostizierte Koch bei einer zunehmenden Zahl von Menschen eine Angst vor Umbrüchen. Sie erlebten die Digitalisierung als Gefahr für ihre Arbeitsplätze und die Ankunft von Flüchtlingen und Migranten als Bedrohung ihrer Heimat. "Das Wahlergebnis zeigt mit Blick auf Ostdeutschland auch, dass die religiöse Heimatlosigkeit der meisten Menschen oft ihre kulturelle Obdachlosigkeit verstärkt", so der Berliner Erzbischof.

Boom: AfD-Erfolg macht nachdenklich

Der Würzburger Diözesanadministrator Ulrich Boom erklärte, dass das Abschneiden der AfD ihn sehr nachdenklich gemacht habe. "Wenn die Alternative für unsere Gesellschaft das Durchsetzen nationalistischer Interessen ist, dann führt dies in eine falsche Richtung", so Boom, der das Bistum Würzburg seit dem altersbedingten Rücktritt von Bischof Friedhelm Hofmann bis zur Wahl eines neuen Bischofs kommissarisch leitet. Wo immer Zäune und Mauern aufgerichtet würden, führe der Weg einer Gesellschaft "sicherlich nicht in ein friedliches Miteinander im nationalen, internationalen und globalen Sinn". Boom betonte, dass nun die Kirchen und alle Christen gefordert seien, ihren Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft zu leisten.

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch diagnostizierte angesichts des Wahlergebnisses in Ostdeutschland bei einer zunehmenden Zahl von Menschen eine Angst vor Umbrüchen.
 Walter Wetzler/Erzbistum Berlin

Für "unverantwortlich" hält es der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt, wenn Wahlen als Protest benutzt würden. Das sei "einer wirklichen demokratischen Kultur nicht angemessen". Die AfD verbreite Ängste, "die ich für irrational und schädlich für die europäische Einigung halte", so der Bischof. Er betonte, gerade in der ostdeutschen Grenzregion komme es darauf an, "mit unseren Nachbarn in Europa gemeinsam die Einheit unseres Kontinents zu gestalten und sich nicht abzuschotten oder gar Grenzen zu schließen". Er hoffe, dass "die Menschen in der kommenden Legislaturperiode manches etwas differenzierter sehen lernen". Zudem wünsche er sich mehr überzeugte katholische und evangelische Christen, die bereit seien, politische Verantwortung zu übernehmen.

Als "bedrückend" bezeichnete der Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, Thomas Arnold, gegenüber katholisch.de die Tatsache, dass die AfD in Sachsen ihr bundesweit bestes Ergebnis erreichen und sogar vor der CDU stärkste Partei werden konnte. Der Erfolg der AfD sei nicht nur mit einer Abneigung der Menschen gegenüber der Großen Koalition und der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu erklären. Vielmehr spielten auch die Transformationsprozesse nach der Wiedervereinigung noch immer eine wichtige Rolle.

"Teilweise fühlen sich die Menschen in Sachsen und Ostdeutschland noch immer nicht als gleichberechtigte Mitglieder der bundesrepublikanischen Gesellschaft", so Arnold. Zugleich warb der Akademiedirektor dafür, christliche Überzeugungen stärker in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen und auch mit AfD-Wählern das Gespräch zu suchen.

Der deutsche Bundestag mit der Glaskuppel im Hintergrund.
Bei der Bundestagswahl wurde die AfD mit 12,6 Prozent der Stimmen drittstärkste Partei.
 picture alliance

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) äußerte in einer Erklärung die Erwartung, dass die Abgeordneten des neugewählten Bundestags "schnell geeignete Strategien zum Umgang mit der AfD entwickeln". Parlamentarier und Vertreter der Zivilgesellschaft müssten zusammenstehen und mit Argumenten gegen die politischen Positionen und den Hass der Rechten angehen. Der BDKJ kündigte zudem an, sich in der neuen Legislaturperiode aktiv in die Politik einzubringen: "Wir werden weiter laut sein für ein Deutschland, in dem verschiedene Religionen und kulturelle Herkünfte gewollt sind, in dem Menschen wegen ihres Geschlechts oder ihrer Sexualität keine Benachteiligung oder Ausgrenzung widerfährt – weder online noch offline – und in dem die soziale Herkunft nicht die entscheidende Weiche für das Leben von jungen Menschen stellt."

Heße: Gestiegene Wahlbeteiligung ist ein Erfolg

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, bezeichnete das starke Abschneiden der AfD als "Weckruf" für alle, denen das friedliche und solidarische Miteinander in einem weltoffenen Deutschland am Herzen liege. Nun müssten alle zusammen helfen, "damit ausgrenzende und hasserfüllte Stimmen nicht das Leben in unserem Land vergiften", so Bedford-Strohm. Es bleibe abzuwarten, ob es die AfD schaffe, sich konstruktiv in den parlamentarischen Arbeitsprozess auf Bundesebene einzubringen und eine "Trennlinie zu den radikalen Rechtsaußen-Kräften in der Partei" zu ziehen.

Bereits am Sonntagabend hatte der Hamburger Erzbischof Stefan Heße die gestiegene Wahlbeteiligung als "Erfolg der Demokraten in Deutschland" bezeichnet. Die hohe Wahlbeteiligung zeige die solide Verfassung der Demokratie in der Bundesrepublik. Zugleich äußerte Heße die Hoffnung, dass es in den anstehenden Gesprächen der Parteien gelinge, eine stabile und handlungsfähige Regierung zu bilden. "Ich wünsche mir eine Regierung, die die Zukunftsthemen unseres Landes mutig angeht. Aus meiner christlichen Perspektive müssen soziale Gerechtigkeit und die Integration der Menschen, die zu uns kommen, einen festen Platz auf der politischen Agenda haben", sagte der Hamburger Erzbischof.

Von Steffen Zimmermann

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