Künftige Karrierefrauen steigen der Kirche aufs Dach

Das von den Bischöfen gewünschte Förderprogramm für Frauen in der Kirche geht in die nächste Runde. Zum Start steigen die Frauen auf das Dach des Kölner Doms. Birgit Mock erklärt im Interview, warum.

Arbeit | Bonn - 21.06.2018

Der Hildegardis-Verein, der das Mentoring-Programm durchführt, beginnt die Auftaktveranstaltung des Mentoring-Jahrgangs 2018-2020 am Donnerstag mit einer Besteigung des Kölner Doms. Die Geschäftsführerin des Vereins, Birgit Mock, berichtet über die Motivation der 34 weiblichen Fach- und Nachwuchskräfte und darüber, was sich in den Bistümern mit Blick auf Leitungspositionen noch ändern muss.

Frage: Frau Mock, zum Start der zweiten Runde von "Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf" steigen Sie am Donnerstagabend der Kirche aufs Dach…

Mock: Ja, wir haben die Gelegenheit zu einer Führung über die Dächer des Kölner Doms und sehen das als ein passendes Symbol für unser Programm. Dieses Erklimmen der Leiter nach oben ist ein schönes Zeichen für unser Frauenförderungsprojekt.   

Frage: Man könnte auch sagen, Sie steigen damit dem Kölner Erzbischof aufs Dach. Aber Ämter wie Papst, Bischof oder Priester wird es in absehbarer Zeit in der katholischen Kirche für Frauen nicht geben. Ist das nicht der wahre Knackpunkt, an dem das Mentoringprogramm nichts ändern kann?

Mock: Nein, unser Programm richtet sich an die Leitungsämter, die Frauen jetzt schon kirchenrechtlich offen stehen. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte sich im Jahr 2013 dazu verpflichtet und wir wollen mit unserem Programm dazu beitragen, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen merklich steigt. Für uns ist es ein Knackpunkt, dass Leitung in der Kirche in vielen Strukturen gewohnheitsmäßig mit Priestern besetzt wird, obwohl das nicht notwendig ist. So kam es, dass es 2002 eine absolute Sensation war, als im Bistum Osnabrück die erste Frau ein Seelsorgeamt leitete – inzwischen sind mehr als zehn Frauen in ihrer Diözese auf dieser Position. Wir wollen diese Gewohnheiten aufbrechen und Frauen ermutigen, genau diese Aufgaben anzutreten und sie verantwortungsvoll auszugestalten.

Frage: In der ersten Runde des Frauenförderprogramms wurden bereits 40 Frauen fortgebildet, nun werden es 34 sein. Wo sollen sie arbeiten – gibt es überhaupt so viele Führungspositionen in den Bistümern?

Mock: Es sollen Frauen aus allen Fachrichtungen qualifiziert werden. Neben Theologinnen haben wir Verwaltungsfachwirtinnen, Juristinnen, Naturwissenschaftlerinnen und Philosophinnen. Wir sehen den Bedarf nicht nur an der Spitze, sondern auch auf den Ebenen darunter. Wenn Leitungen von Finanzabteilungen in den Bistümern, von Rechtsabteilungen, katholischen Kindergärten und Schulen ausgeschrieben werden, sieht man, dass qualifizierte Bewerbungen – von Männern und Frauen – auf solche Führungsstellen rar sind. Es gibt also einen brennenden Bedarf an guten Kräften, die Lust haben, in der Kirche zu arbeiten und diese Stellen zu gestalten.

Birgit Mock, Hildegardis-Verein
Birgit Mock ist seit 2004 Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins.
 Hildegardis-Verein

Frage: Was signalisieren die Frauen, die am Programm teilnehmen, Ihnen mit ihrer Bewerbung?

Mock: Das erste, was die Frauen sagen, ist "Ich habe Lust auf Leitung und darauf, Verantwortung in der Kirche zu übernehmen". Wenn sie sich auf unser Programm bewerben, dann läuft nicht nebenher eine Bewerbung auf eine konkrete Führungsstelle, sondern sie begeben sich in einen Pool an Leuten, die sich als interessierte Führungskraft "outen". Nach dem Mentoring sind dann die Bistümer gefragt, im Sinne einer strategischen Nachwuchskräfteplanung und Stellenentwicklungsplanung.

Frage: Was sollen die Frauen lernen und wie vermeiden Sie, dass es im Kollegenkreis Neid gibt auf die eine aus dem Team, die an Ihrem Programm teilnimmt?

Mock: Eine der wichtigsten Lernerfahrungen ist für angehende Führungskräfte die Reflexion des eigenen Führungshandelns: "Wo will ich Vorbild sein, welche Werte begleiten mich und welche Besonderheiten stellen sich mir als Frau in diesem Kontext?" Neben den Kompetenzen, die wir vermitteln, wollen wir auch Netzwerke der Solidarität schaffen. Der Hildegardis-Verein ist überzeugt, dass die Frauen lernen müssen, sich gegenseitig zu vertrauen, und, dass sie sich auch gegenseitig in ihrer Entwicklung unterstützen. Im Arbeitsleben kommt es natürlich immer wieder zu Situationen, in denen eine Frau an einem Programm teilnimmt, die andere für eine konkrete Aufgabe angesprochen wird und die nächste leer ausgeht. Wir wollen die Frauen befähigen, sich in diesem Arbeitsszenario zurechtzufinden und die Solidarität mit den anderen Frauen nicht zu verlieren.

Aber wir machen uns natürlich auch Gedanken über die Frauen, die sich auf unser Programm bewerben und die wir ablehnen müssen. Den teilnehmenden Bistümern und Hilfswerken haben wir vermittelt, dass sie jede Bewerberin als Chance sehen können: Vielleicht können die Arbeitgeber mit den weiteren interessierten Frauen zusammen überlegen, ob zu ihrer derzeitigen Position vielleicht eine Fortbildung, ein Einzel-Coaching oder eine Stellen-Weiterentwicklung passt.

Frage: Braucht es das Programm als spezielles Angebot nur für Frauen noch oder anders gefragt: Warum gibt es das nicht auch für Männer?

Mock: Männlich geprägte Führungsstellen werden tendenziell mit Personen gleichen Geschlechts, einer ähnlichen Ausrichtung und Führungsqualität besetzt. Männer sind also sowieso schon lange im Fokus der Aufmerksamkeit. Unser Ziel als Hildegardis-Verein ist es, weibliche Führungskräfte auszubilden und sichtbarer zu machen, und wir wollen, dass die Führungsstellen diverser besetzt werden. Im Übrigen haben wir bewusst männliche Führungskräfte in das Programm als Mentoren aufgenommen und sie entwickeln sich zu großen Botschaftern einer Nachwuchs- und Frauenförderung.

Auftaktveranstaltung von "Kirche im Mentoring" in Köln
Birgit Mock (Mitte), der Kölner Generalvikar Markus Hofmann und einige Teilnehmerinnen von "Kirche im Mentoring" bei der Auftaktveranstaltung des Frauenförderprogramms.
 Hilgegardis-Verein

Frage: Ist die Kirche was Frauen in Führungspositionen angeht schlechter aufgestellt als der Rest der Gesellschaft?

Mock: In politischen Vertretungsgremien liegt der Frauenanteil bei rund 30 Prozent, in Vorständen und Aufsichtsräten von Wirtschaftsunternehmen wird über Quoten von 30 bis 50 Prozent heiß gestritten. In der katholischen Kirche haben wir Zahlen von 2013 und da betrug der Frauenanteil in der obersten Leitungsebene 13 Prozent und auf der mittleren Ebene 19 Prozent. Da ist noch viel Luft nach oben.

Frage: Viele junge Menschen arbeiten – auch in der Kirche – auf befristeten Arbeitsplätzen und können aus dem Grund keine Karriereplanung angehen. Kümmert sich der Hildegardis-Verein auch um dieses Problem?

Mock: Was wir mit dem Programm angehen wollen, ist, dass wir den Bistümern die Bedeutung der mittleren Leitungspositionen klarmachen. Führung entsteht aus Breite, der Mittelbau muss besetzt sein und die Mitarbeiter müssen an der Stelle gezielt gefördert und aufgebaut werden. Da sind befristete Stellen natürlich kontraproduktiv. Darüber haben wir als Verein nicht zu entscheiden, aber wir versuchen dennoch, Bistümer auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Frage: Wie machen Sie das?

Mock: Unser Mentoringprogramm beinhaltet verpflichtend eine Steuerungsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern aus jedem Hilfswerk und jeder Diözese, die Mentees entsenden. Sie kommen regelmäßig zusammen und sind inzwischen zu einem aktiven Austauschgremium geworden, die solche Themen wie Wertschätzung und Vergütung, Entwicklung von Stellen, Befristung, Leitung in Teilzeitmodellen und Familienfreundlichkeit diskutieren und nach Lösungen suchen. Wir freuen uns sehr, dass es auf dieser bundesweiten Steuerungsebene so einen regen Austausch gibt.

Von Agathe Lukassek

Weitere Informationen

Das Programm "Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf" wurde 2016 erstmals aufgelegt und will helfen, den Anteil von Frauen in kirchlichen Führungspositionen zu erhöhen. Es wird vom Hildergardis-Verein, der sich seit über 110 Jahren für die akademische Aus- und Weiterbildung von jungen Katholikinnen einsetzt, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bischofskonferenz organisiert. Bestandteile sind unter anderem mehrere Seminare und regelmäßige Gespräche zwischen den jeweiligen Tandempartnerinnenn. Die Mentees, die in der Regel bereits im Berufsleben sind, bringen außerdem ein konkretes Projekt ein, das sie innerhalb des Jahres umsetzen. Mehr zum Ablauf des Mentoring-Programms und die Kontaktdaten zu Ansprechpartnern finden sich auf der eigenen Homepage.

Zur Homepage "Kirche im Mentoring"

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