Marx lobt Resolution zu Völkermord an Armeniern

Der Bundestag spricht nun offiziell von einem Genozid an den Armeniern. Kardinal Marx nannte die Entscheidung "wichtig und verdienstvoll". Die Türkei reagiert hingegen gereizt auf das demokratische Votum.

Bundestag | Bonn/Berlin/Istanbul - 02.06.2016

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat die Resolution des Bundestags zu den Massakern an den Armeniern vor rund 100 Jahren gewürdigt. Es sei "wichtig und verdienstvoll", dass das Parlament sich mit diesen "furchtbaren Ereignissen" befasst habe, sagte Marx am Donnerstag in Bonn.

Die Redlichkeit gebiete es, die Geschehnisse als "systematische Vernichtungsaktion" zu bezeichnen, so Marx weiter. Zuvor hatte der Bundestag die Resolution mit einer Gegenstimme und einer Enthaltung verabschiedet und die Taten des Osmanischen Reiches damit als Völkermord bezeichnet. Zugleich wiesen die Parlamentarier in dem Antrag von Union, SPD und Grünen auf die Mitschuld des damaligen Deutschen Kaiserreichs hin. Marx betonte, die Deutschen eigneten sich angesichts ihrer eigenen Geschichte "am allerwenigsten als Lehrmeister anderer Völker". Das Deutsche Reich habe jedoch genaue Kenntnisse von den damaligen Ereignissen gehabt, aber nichts unternommen, um die Regierung in Konstantinopel zu beeinflussen.

Marx: Rolle des Deutschen Reiches gibt uns Anlass zur Scham

"Diese kalte Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Armenier gibt uns Deutschen auch heute noch Anlass zur Scham", fügte Marx hinzu. Der Blick in die Vergangenheit dürfe niemals zur Anklage anderer Völker dienen, sondern solle "eine Zukunft des Miteinanders eröffnen". Es komme jetzt darauf an, Dialog, Zusammenarbeit und Versöhnung zwischen der Türkei und Armenien zu fördern. "Wenn Deutschland dazu einen Beitrag leisten kann, sollte unser Land, in Freundschaft mit beiden Völkern, zur Stelle sein."

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Es gibt mächtige Staatsmänner, die sich das nicht trauen, weil sie die Türkei nicht verprellen wollen. Papst Franziskus hat es sich getraut: Er sprach vom "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts".

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Zwischen 1915 und 1918 wurden im damaligen Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Armenier, Aramäer, Assyrer und Pontos-Griechen getötet. Historiker sprechen vom ersten Völkermord der Geschichte. Die Türkei widerspricht dem und räumt lediglich Massaker, Vertreibungen und beiderseitige Gewalttaten ein. Bislang hatten bereits rund 20 Staaten den Massenmord als Genozid bezeichnet. Auch der Papst sprach vom "ersten Völkermord im 20. Jahrhundert".

Özdemir in Sorge um Christen im Nahen Osten

Die Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland, Jaklin Chatschadorian, sieht in der Bundestags-Resolution eine große Hilfe. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur sagte sie, die Charakterisierung nütze den Armeniern sehr. Der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, erklärte, er mache sich mit Blick auf die aktuelle Situation in der Türkei große Sorgen "um das Ostchristentum". Ausgerechnet an der "Geburtsstätte des Christentums" sei die Religion vom Aussterben bedroht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Vizekanzler Sigmar Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (beide SPD) fehlten bei der Abstimmung im Bundestag wegen anderer Termine. Vor der Aussprache verurteilte Bundestagspräsident Norbert Lammert im Beisein von Vertretern der armenischen und türkischen Botschaft, die an der Debatte teilnahmen, Drohungen gegen Parlamentarier mit türkischem Migrationshintergrund. "Wir werden sie nicht hinnehmen und uns gewiss nicht davon einschüchtern lassen."

Durch Massaker und im Zuge von Vertreibungen kamen zwischen 1915 und 1917 im damaligen Osmanischen Reich mehrere hunderttausend Armenier ums Leben.
Durch Massaker und im Zuge von Vertreibungen kamen zwischen 1915 und 1917 im damaligen Osmanischen Reich mehrere hunderttausend Armenier ums Leben.
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Insgesamt betonten die Parlamentarier, es gehe nicht darum, die heutige türkische Regierung auf die Anklagebank zu setzen. Diese trage an den Verbrechen keine Schuld, sie trage aber eine Verantwortung, so der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, Rolf Mützenich. Die Resolution sei ein Appell zur Aufarbeitung dieser Vergangenheit des Osmanischen Reiches. Der stellvertretende Vorsitzende und religionspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Franz Josef Jung (CDU), betonte, nur wer sich zur Vergangenheit bekenne, könne die Zukunft gestalten. Zur Aufarbeitung wolle auch Deutschland seinen Beitrag leisten.

Türkei ruft Botschafter aus Berlin zurück

Als Reaktion auf die Entscheidung des Bundestages rief die Türkei ihren Botschafter aus Berlin zurück. Der Botschafter werde zu Beratungen nach Ankara reisen, sagte Ministerpräsident Binali Yildirim nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bestätigte das während einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz. Erdogan sagte, er habe wegen der Bundestags-Resolution mit Yildirim telefoniert.

Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmus hatte zuvor auf Twitter gewarnt, man werde "auf diese Entscheidung natürlich auf jeder Plattform die nötige Antwort geben". Die Entscheidung passe nicht zur Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland. Auch die große türkische Nationalversammlung hatte ihre Kritik an der Resolution erneuert. "Wir verurteilen diesen rechtswidrigen Antrag im Bundestag, wobei die historischen Realitäten in Bezug auf die Ereignisse in 1915 verzerrt wurden, scharf und weisen ihn zurück". (kim/KNA/dpa)

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