Missbrauch: Papst bereut Begnadigung von Priester

Papst Franziskus hat bereits häufig für die Fehler der katholischen Kirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch um Entschuldigung gebeten. Doch jetzt räumte der Papst ein persönliches Versäumnis ein.

Missbrauch | Vatikanstadt/Bonn - 22.09.2017

Papst Franziskus hat sich seit seinem Amtsantritt bereits mehrfach persönlich bei Opfern von sexuellem Missbrauch entschuldigt. Auch Versäumnisse der katholischen Kirche im Umgang mit dem Thema räumte er ein. Doch was Franziskus am Donnerstag vor Mitgliedern der päpstlichen Kinderschutzkommission im Vatikan sagte, stellte alles Bisherige in den Schatten: Der Papst gab zu, dass er einen wegen sexuellem Missbrauch vom Vatikan verurteilten Priester teilweise begnadigt habe – und dieser dann nach zwei Jahren rückfällig geworden sei.

"Ich habe daraus gelernt"

Er sei in diesem Fall "weich" geworden, als er das Gutachten des Ortsbischofs erhalten habe, sagte der Papst laut einem Bericht der katholischen Tageszeitung "Avvenire". "Das Urteil des Ortsbischofs war gut, klug, verbot jegliche Amtsausübung, sah aber nicht die Laisierung vor. Ich war neu, habe diese Dinge nicht richtig verstanden. Angesichts der beiden [Urteile] habe ich das mildere gewählt“, so Franziskus. Ob das zweite, offenbar härtere Urteil von der Glaubenskongregation stammte, bleibt offen. Wörtlich fuhr er demnach fort: "Das einzige Mal, dass ich so etwas gemacht habe. Und ich habe daraus gelernt." Gelernt habe er auch aus den Begegnungen mit Missbrauchsopfern und von Bostons Kardinal Sean Patrick O'Malley, dem Vorsitzenden der päpstlichen Kinderschutzkommission. Inzwischen wisse er, das Pädophilie eine schreckliche Krankheit sei.

Von ihm hat der Papst viel gelernt: Bostons Kardinal Sean Patrick O'Malley, der Vorsitzende der päpstlichen Kinderschutzkommission.
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Wie heikel dieses persönliche Eingeständnis des Papstes ist, zeigt nicht zuletzt das Schweigen der vatikanischen Medien: "Radio Vatikan" und der "L' Osservatore Romano" veröffentlichten diese Passage der freigehaltenen Rede des Papstes nicht. Die vatikanische Tageszeitung "L'Osservatore Romano" (Freitag) berichtete lediglich, der Papst habe den Anwesenden zusätzlich zu einem offiziell verbreiteten Redetext auch "einige Überlegungen ohne Manuskript vorgetragen". "Radio Vatikan", das die Rede aufgezeichnet hatte, zitierte aus der freigehaltenen Rede zumindest die Aussage, die katholische Kirche sei erst "recht spät" auf das Problem des Kindesmissbrauchs aufmerksam geworden.

Beobachter vermuteten zunächst, dass das vatikanische Staatssekretariat beiden Medien die Veröffentlichung untersagt hatte. Teilnehmer der Audienz für die Kinderschutzkommission berichteten jedoch später, der Papst selbst habe am Ende der Rede um Vertraulichkeit gebeten. Der Autor des "Avvenire"-Artikels zählte zu den Zuhörern.  Der "Avvenire" gehört sonst nicht zur Speerspitze des Investigativjournalismus, er ist die Tageszeitung der Italienischen Bischofskonferenz. Deshalb halten manche Beobachter es für unwahrscheinlich, dass das Blatt den Artikel ohne jede Rücksprache mit dem Vatikan veröffentlicht hat.

Aufsehenerregender Fall um "Don Mercedes"

Der Fall, zu dem der Papst in seiner Ansprache keine weiteren Angaben macht, hatte in den vergangenen Monaten Aufsehen erregt. 2014 hatte Franziskus ein Urteil der Glaubenskongregation gegen Priester Mauro Inzoli aus dem norditalienischen Bistum Crema wegen sexuellen Missbrauchs abgemildert. Statt der Entlassung aus dem Priesterstand, musste der wegen seiner Vorliebe für teure Autos auch "Don Mercedes" genannte Geistliche ein zurückgezogenes Leben in Gebet und Buße führen. Ein weltliches Gericht in Cremona verurteilte ihn im Juni 2016 in erster Instanz zu einer Haftstrafe von vier Jahren, sieben Monaten und zehn Tagen.

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Der Missbrauchsskandal erschütterte die katholische Kirche in ihren Grundfesten. Seit 2010 die ersten Fälle bekannt wurden, bemüht sich die Kirche um Aufarbeitung der Geschehnisse. Katholisch.de dokumentiert die wichtigsten Etappen.

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Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Inzoli zwischen 2004 und 2008 Jungen im Alter zwischen 12 und 16 Jahren missbraucht hatte. Ein Berufungsgericht in Brescia bestätigte das Urteil in den vergangen Tagen im Wesentlichen und milderte die Strafe nur um 50 Tage ab. Nach damaligen Medienberichten soll sich der Papst hierbei angeblich über ein gegenteiliges Urteil der Glaubenskongregation hinweggesetzt haben. Mit diesem Argument schürten einige Kommentatoren Zweifel an der "Null-Toleranz-Strategie" des Papstes in Sachen sexueller Missbrauch.

Im Jahr 2017, nachdem der Papst neues belastendes Material über Inzoli erhalten hatte, wurde der Geistliche abermals aus dem Priesteramt entlassen. Wie gravierend die Folgen der päpstlichen Milde tatsächlich waren, ist noch unklar. Denn Inzolis Strafverteidiger widersprachen der Darstellung von Franziskus, wonach ihr Mandant nach seiner kirchlichen Teilbegnadigung 2014 rückfällig geworden sei. Inzoli habe damals keine neuen Straftaten begangen. Hier sei der Papst offenbar "schlecht informiert". Tatsächlich sei die zweite Laisierung 2017 erfolgt, nachdem der Vatikan die Akten des ersten weltlichen Strafgerichtsprozesses zur Kenntnis genommen habe, so die Anwälte.

Franziskus hatte 2016 selbst in einem Erlass festgelegt, dass Bischöfe und Ordensobere ihres Amtes enthoben werden können, wenn sie bei der Verfolgung von sexuellem Missbrauch ihre Sorgfaltspflicht in schwerwiegender Weise verletzt haben.

Von Thomas Jansen

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