Missbrauch und Häresie: Kritik an Bayerns Kreuz-Beschluss

Das Kreuz als Bekenntnis zur Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern? Nicht nur der Würzburger Hochschulpfarrer sieht das anders. Sein Offener Brief an Markus Söder findet weite Verbreitung.

Gesellschaft | Bonn - 25.04.2018

Der katholische Studentenseelsorger im Bistum Würzburg, Burkhard Hose, übt scharfe Kritik am Beschluss, Kreuze in allen bayerischen Dienstgebäuden aufhängen zu lassen. Das Christentum werde "von Ihnen dazu missbraucht, um die Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens zu betreiben", schreibt er in einem am Dienstagabend auf Facebook veröffentlichten Offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Über diese Entwicklung sei er gemeinsam mit vielen anderen Christen sehr besorgt: "Ich bitte Sie eindringlich: Beenden Sie den Missbrauch des Christlichen und seiner Symbole als vermeintliches Bollwerk gegen den Islam."

Am selben Tag hatte die bayerische Staatskanzlei den Beschluss des Kabinetts mitgeteilt, wonach künftig jeweils im Eingangsbereich öffentlicher Gebäude ein Kreuz als "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland" angebracht werden solle. Söder selbst sagte, dass das Kreuz kein Zeichen einer Religion, sondern ein Bekenntnis zur Identität und zur kulturellen Prägung Bayerns sei.

Hose: Kreuz nicht auf bayerische Folklore reduzieren

Studentenpfarrer Hose betonte daraufhin, dass das Kreuz nicht als verlängerter Arm einer Politik der Ausgrenzung oder des nationalistischen Egoismus tauge. Auch lasse es sich nicht auf bayerische Folklore reduzieren. "Das Kreuz ist nicht nur Etikett oder Ausweis einer bestimmten Identität, sondern Erinnerung an den Lebensweg Jesu, dessen grenzenlose Liebe und dessen besondere Parteinahme für Ausgegrenzte ihn letztlich ans Kreuz brachten", so Hose, der seit 2008 Studentenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde in Würzburg ist. Sein Offener Brief wurde auf Facebook bis Mittwochvormittag bereits mehr als 700 Mal geteilt.

Der Hochschulseelsorger fordert von Söder, Christlichkeit nicht bloß zu demonstrieren, sondern sie auch zu praktizieren. Ein erster Schritt könne es sein, die Abschiebungen von Geflüchteten nach Afghanistan auszusetzen, da diese "zutiefst inhuman und unchristlich" seien. In Anlehnung an eine Äußerung von Kardinal Reinhard Marx schreibt Hose, er pfeife auf ein "christliches Abendland" mit Schulkreuzen an der Wand, Burkaverbot, mit all seinen christlichen Feiertagen und seiner behaupteten "Leitkultur", das Menschen bewusst in Lebensgefahr abschiebe oder zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken lasse. "Die Kreuze in den Gerichtssälen und Schulen würden von den Wänden fallen, wenn sie es könnten!"

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick wandte sich nach dem Beschluss gegen ein falsches Verständnisses des Kreuzes. "Das Kreuz ist kein Identitätszeichen irgendeines Landes oder eines Staates", sagte Schick am Mittwoch im Interview mit dem Kölner domradio. Vielmehr sei es ein Zeichen Gottes für die Menschen, im Blick auf das Kreuz Liebe und Solidarität zu lernen. "Wir sehen die weit ausgestreckten Arme und sollen uns genauso miteinander verhalten und eine Zivilisation der Liebe aufbauen." Das Kreuz grenze nicht aus, es schließe ein, so der Bamberger Erzbischof.

Essen: Instrumentalisierung durch Söder Blasphemie

Noch schärfere Kritik äußerte der Bochumer Dogmatiker Georg Essen. "Ich dachte, dass das Kreuz ein christliches Symbol für die Erlösung ist, die durch Gott geschenkt wird", schrieb er am Dienstag auf Twitter. Für ihn sei die Begründung, das Kreuz sei ein "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland", eine Instrumentalisierung und "eine veritable Häresie". Später ergänzte er wörtlich: "Ich sage das jetzt mal als gläubiger Katholik und Theologe mit Kreuz im Arbeitszimmer: Für mich ist diese politische Instrumentalisierung durch Söder Blasphemie, theologisch eine Häresie und verfassungsrechtlich nur schwer erträglich."

Der bayerischenLandesbischof Heinrich Bedford-Strohm zeigte sich erfreut darüber, wenn Kreuze auch öffentlich sichtbar seien. Religion sei etwas "Öffentliches" und lasse sich nicht in die Privatsphäre verbannen, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD) am Dienstagabend dem Bayerischen Rundfunk. Ein Kreuz an der Wand bedeute allerdings auch eine "Selbstverpflichtung", da es für Menschenwürde, Nächstenliebe und Humanität stehe, so Bedford-Strohm weiter. Er warnte davor, das Kreuz für Parteipolitik und Polemik zu missbrauchen.

Der Leiter des Katholischen Büros Bayern, Lorenz Wolf, begrüßt es, "wenn christlich geprägte Grundwerte unseres Gemeinwesens, insbesondere Menschenwürde, Nächstenliebe, Toleranz und Solidarität, wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken". Zugleich derinnerte er daran, dass dies mehr umfasse als einen "rein symbolischen Akt, der nur eine christlich-abendländische Kultur aus der Vergangenheit zum Ausdruck bringt". Damit sei auch eine herausfordernde Botschaft für die Gegenwart verbunden, sagte er am Mittwoch in München.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) rief unterdessen zur Mäßigung in der Debatte auf. "Ich halte die Häme und Satire in sozialen Netzwerken, wo es in diesem Zusammenhang zum Beispiel um Thüringer Bratwürste oder Niedersächsischen Grünkohl geht, für völlig niveaulos und unter der Gürtellinie", sagte ZdK-Präsident Thomas Sternberg den Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (Donnerstag). "Das Kreuz ist ein ernstes Thema und völlig ungeeignet für Belustigungen jeglicher Art." Das Kreuz betone den Stellenwert von Religionen und bedeute keine Ausgrenzung. "Es ist ein Zeichen europäischer Kultur, das sich nicht als Kampfmittel gegen andere Religionen eignet", sagte Sternberg. (bod/KNA)

25.04.2018, 13.08 Uhr: ergänzt um die Aussage des Leiters des Katholischen Büros Bayern

25.04.2018, 13.22 Uhr: ergänzt um die Aussage von Erzbischof Schick

25.04.2018, 16.14 Uhr: ergänzt um die Aussage von ZdK-Präsident Sternberg

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