"Nicht den Stab über andere brechen"

Im Titel einer neuen Aufsatzsammlung zitiert der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz Papst Franziskus: "Wer bin ich, ihn zu verurteilen?" Im Interview erläutert er, warum er eine Änderung der kirchlichen Haltung zu Homosexualität für nötig hält.

Homosexualität | Mainz - 25.08.2015

"Wenn jemand homosexuell ist, den Herrn sucht und guten Willen hat - wer bin dann ich, ihn zu verurteilen?" So äußerte sich Papst Franziskus vor zwei Jahren auf einer Pressekonferenz beim Rückflug von seiner ersten Lateinamerikareise. "Wer bin ich, ihn zu verurteilen?", lautet in Anlehnung daran der Titel einer neuen Aufsatzsammlung zum Thema "Homosexualität und katholische Kirche". Im Interview erläutert der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz die Beweggründe für die Herausgabe des rund 400 Seiten umfassenden Bandes.

Frage: Herr Goertz, warum tun sich so viele Religionen mit Homosexualität schwer?

Goertz: Religionen wie das Judentum, der Islam oder das Christentum stammen aus einer Zeit, der unsere heutigen humanwissenschaftlichen Kenntnisse über die menschliche Sexualität noch nicht zur Verfügung standen. Das damals fraglos Geltende wurde mit der göttlichen Ordnung gleichgesetzt: Die Erde ist der Mittelpunkt der Welt, Männer und Frauen sind nicht gleichberechtigt, alle Männer begehren Frauen, alle Frauen Männer. Und das wirkt sich auf die Sexualmoral aus.

Bischof Franz-Josef Bode und Moraltheologe Stephan Goertz
Stephan Goertz (hier im Bild mit dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode) ist Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz.  KNA

Frage: Was leitete sich daraus ab?

Goertz: Die Fortpflanzung galt als der erste von Gott gegebene natürliche Zweck der Sexualität. Und das sexuelle Verhalten durfte die soziale Ordnung nicht gefährden. In diesem Konzept hatten sexuelle Beziehungen zwischen Männern oder Frauen keinen Platz.

Frage: Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch speziell mit dem Thema "Homosexualität und katholische Kirche". Gibt es in der Kirche von heute nicht wichtigere, drängendere Themen?

Goertz: Das sollte man die fragen, für die Homosexualität anscheinend noch immer ein Problem darstellt. Es wäre unverantwortlich, wenn sich die Theologie nicht dazu äußern würde. Erstens ist Sexualität etwas, das alle Menschen betrifft. Und zweitens haben wir es auf der politischen Ebene in vielen Teilen der Welt immer noch mit Diskriminierung, mit Verfolgung, mit Ausgrenzung von Homosexuellen zu tun. Da wäre es ein wichtiges christliches Zeugnis, wenn die katholische Kirche im Sinne einer entschiedenen Antidiskriminierung aufträte.

Frage: Nun sagt die Kirche ja schon lange, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden dürfen. Aber dann gibt es eben auch die Tradition und Bibelstellen, in denen Homosexualität verurteilt wird...

Goertz: Wir müssen dabei immer die konkrete geschichtliche Situation der Autoren der biblischen Texte in unsere Interpretation einbeziehen.

Frage: Im Buch Levitikus etwa werden sexuelle Handlungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts als "Gräueltaten" bezeichnet, die "mit dem Tod bestraft" werden. Das klingt recht eindeutig.

Goertz: Der Kontext ist hier der, dass Sexualität den primären Zweck zu erfüllen hatte, für den Fortbestand des Volkes zu sorgen. Das ist offensichtlich nicht mehr unsere Situation, und das ist vor allem seit dem Konzil auch nicht mehr unsere Sexualmoral. Von daher kann man einzelne Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen, nicht benutzen, um eine heutige moralische Frage zu beantworten. Das wäre ein fundamentalistischer Umgang mit biblischen Texten.

Frage: Einspruch: Machen Sie nicht genau dasselbe, wenn Sie sich die Stellen heraussuchen, die Ihrer Sicht der Dinge entsprechen?

Goertz: Es geht mir um eine theologische Grundhaltung auf dem Fundament der Bibel. Dass Gott allen Menschen seine Liebe unbedingt zugesagt hat, dass im Volk Gottes natürliche, soziale Differenzen überwunden werden sollen, dass wir nicht den Stab über andere brechen sollen. Das halte ich für theologisch gewichtiger als Vorschriften über die "Natur" einzelner sexueller Handlungen.

Wer bin ich, ihn zu verurteilen

"Wer bin ich, ihn zu verurteilen", diesen Satz sagte der Papst im Sommer 2013 über einen Homosexuellen, der Gott suche und ein Mensch guten Willens sei. Die Aussagen schlugen hohe Wellen. Kirchenexperten ordnen die Worte des Papstes ein.

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Frage: Das Problem ist, dass jeder, der heute über Homosexualität und Kirche ohne Schaum vor dem Mund reden will, sogleich ins Kreuzfeuer von rechten Blogs oder linken Kirchenkritikern gerät...

Goertz: Von bestimmten Kreisen hat man in der Tat den Eindruck, mit Argumenten kaum noch durchzudringen. Aufgabe der Theologie ist es, die Argumente zu prüfen und zu fragen, was die christliche Botschaft heute von uns verlangt. Dabei müssen wir sorgfältig differenzieren und freimütig an die Themen herangehen. Und dann wird eine solche Theologie hoffentlich auch von den Bischöfen entsprechend wahrgenommen werden.

Frage: Im Herbst steht die Weltbischofssynode zum Thema Ehe und Familie an. Was ist dabei aus Ihrer Sicht mit Blick auf den Umgang mit Homosexuellen in der Kirche erwartbar? Und was wäre wünschenswert?

Goertz: Realistisch ist vielleicht, dass man noch einmal betont, dass Homosexuelle nicht diskriminiert und kriminalisiert werden dürfen und dass sie ihren selbstverständlichen Platz in der Kirche haben. Das ist global betrachtet eine wichtige Botschaft. Vielleicht gelingt es endlich auch, die alten Verurteilungen von homosexuellen Handlungen hinter sich zu lassen. Für wünschenswert hielte ich es, dass man innerkatholisch noch stärker den direkten Dialog mit Homosexuellen sucht und nicht mehr über deren Köpfen hinweg redet und moralische Urteile fällt. Das wäre schon ein positives Signal.

Frage: Dann stünde möglicherweise aber auch die Frage im Raum, die jetzt schon in der Politik diskutiert wird: Inwiefern die Ehe mit schwulen oder lesbischen Partnerschaften gleich zu stellen ist.

Goertz: Unterschiedliches kann als Unterschiedliches benannt werden und trotzdem eine gleiche Achtung und Respekt erfahren. Man könnte theologisch fragen, ob eine verbindliche homosexuelle Liebesbeziehung, die sich als Partnerschaft im Glauben an den Gott Israels und Jesu versteht, nicht einen sakramentalen Charakter besitzt. Homosexuelle Partnerschaften könnten dann eine kirchliche Anerkennung finden.

Frage: Könnte das eines Tages auch durch äußere Zeichen geschehen, also etwa durch eine Segnung von homosexuellen Paaren?

Goertz: Auch wenn ich nicht erwarte, dass das jetzt schon auf der Synode Thema sein wird: Da sehe ich grundsätzlich theologisch kein Problem.

Zur Person

Stephan Goertz ist seit 2010 Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz. Sein jüngstes Buch "'Wer bin ich, ihn zu verurteilen?' – Homosexualität und katholische Kirche" ist gerade als dritter Band der Reihe "Katholizismus im Umbruch" des Freiburger Herder-Verlags erschienen.

Von Joachim Heinz (KNA)

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