• © Bild: Ronald Friese

Nicht in dieser Welt

Völlig fremd erscheint das Leben von Eremiten den "modernen" Menschen des 21. Jahrhunderts. Die Journalistin Ebba Hagenberg-Miliu hat einige von ihnen besucht und stellt sie im Buch "Allein ist auch genug" vor.

Gesellschaft | Bonn - 02.05.2013

Sie leben für sich, abgeschottet vom Rest der Menschheit. Völlig fremd erscheint das Leben von Eremiten den "modernen" Menschen des 21. Jahrhunderts. Da bildete auch die Journalistin Ebba Hagenberg-Miliu lange Zeit keine Ausnahme. Für ihr Buch "Allein ist auch genug" hat sie sich allerdings auf die Suche nach kirchlich gebundenen und "freien" Eremiten begeben. Im Interview mit katholisch.de berichtet Hagenburg-Miliu vor ihren Erfahrungen in Klausen und Schäferkarren und davon, was es heißt, nicht in ihr, aber für die Welt zu leben.

Frage: Frau Hagenberg-Miliu, wie sind Sie an die Eremiten heran gekommen? Im Telefonbuch stehen sie ja mit Sicherheit nicht…

Hagenberg-Miliu: Eremiten sind journalistisch gesehen wohl die schwierigste Zielgruppe, die man sich wählen kann. Ich kam ja eher zufällig zu diesem Thema. Als Lokaljournalistin bin ich auf eine Bonner Eremitin, Schwester Benedicta, gestoßen. Ich bin zu ihr hin, weil ich mir journalistisch einiges versprochen hatte. Eine gute Geschichte eben. Aber dann saß ich bei ihr in ihrer winzigen Klause und merkte: Das ist faszinierend. Diese Frau ist aus Fleisch und Blut – und das, was sie lebt, lebt sie mit einer solchen Konsequenz, dass ich neugierig geworden bin. Schwester Benedicta ist Mitorganisatorin einer Gruppe von 40 Eremiten, die sich alle drei Jahre treffen. Für mich war sie daher eine Türöffnerin für viele kirchliche Eremiten. Ich habe aber natürlich auch "Eremiten in freier Wildbahn" aufgespürt. Das war schon eine ziemlich harte Recherche.

Frage: Wie haben sie Eremiten auf Sie reagiert?

Hagenberg-Miliu: Zunächst waren viele sehr verschlossen. Ich musste in zahlreichen Gesprächen Vertrauen aufbauen, damit die Eremiten mir von ihrem Leben erzählten. An einige bin ich auch nicht herangekommen. Das muss man respektieren, schließlich ist dieses Abschließen vom normalen Alltag genau eines der Merkmale der Eremiten.

Bruder Hugo, Jahrgang 1976, ist niederländischer Diözesaneremit. Seit elf Jahren lebt er in einer Wallfahrtskirche in Warfhuisen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Maler, Autor und mit Sakristeidienst.
Bruder Hugo, Jahrgang 1976, ist niederländischer Diözesaneremit. Seit elf Jahren lebt er in einer Wallfahrtskirche in Warfhuisen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Maler, Autor und mit Sakristeidienst.
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Frage: Nicht wenige der im Buch vorgestellten Eremiten arbeiten, zum Beispiel als Maler oder Autor. Wie abgeschieden kann ein moderner Eremit denn überhaupt leben?

Hagenberg-Miliu: Die Entscheidung, sich aus dem, was wir Alltag nennen, zu verabschieden, muss hundertprozentig sein. Es geht beim Eremitentum ja nicht um etwa ein Sabbatjahr. Es sind Menschen, die sich abschotten, von dem, was wir "normal" nennen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Kirchliche Eremiten, die in ihrem Orden bleiben, haben so eine Basis, um zu überleben. Aber viele Eremiten haben voll auf Risiko gesetzt – etwa auch ohne Krankenversicherung oder Rentenansprüche.

Frage: Man kann also Eremiten auch im Supermarkt treffen – und merkt gar nicht, dass man einen solchen Menschen vor sich hat.

Hagenberg-Miliu: Die Eremiten, die ich getroffen habe, versuchen, Massen zu meiden oder nicht zu Stoßzeiten unterwegs zu sein. Aber natürlich: Schwester Benedicta aus Bonn kann man im Supermarkt treffen. Und wenn die Schlange an der Kasse lang ist, so hat sie mir erzählt, betet sie innerlich. Dann geht sie aber schnell wieder nach Hause und schließt die Tür ihrer Klause. Dann ist sie für sich, im Dialog mit Gott.

Frage: Welche Rolle spielt das Religiöse im modernen Eremitentum?

Hagenberg-Miliu: Sogar einige kirchlich gebundene Eremiten, mit denen ich gesprochen habe, sind überzeugt, dass die Grenzen zwischen religiösem und freiem Eremitentum fließend sind. Die eremitsche Lebensform ist durch das katholische Kirchenrecht anerkannt, mit entsprechenden Kriterien: strenge Trennung von der Welt, ein Leben in Armut, Verzicht und Askese, ein Lebensprinzip von Stille und Einsamkeit und das ständige Beten zum Lob Gottes und dem Heil der Welt. Bis auf Letzteres trifft das wohl auch auf die Eremiten "in der freien Wildbahn" zu.

Die Journalistin Ebba Hagenberg-Miliu hat sich intensiv mit dem Leben von Eremiten beschäftigt.
Die Journalistin Ebba Hagenberg-Miliu sich hat intensiv mit dem Leben von Eremiten beschäftigt.
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Frage: In ihrem Buch kommen auch Eremiten vor, die gerade einmal um die 30 Jahre alt sind. Sind die Jüngeren eher die Ausnahme?

Hagenberg-Miliu: Die Eremiten sagen über sich selbst, dass man erst ein gewisses Alter erreicht haben müsse, um diesen Weg zu gehen. Meist sind Menschen, die sich für diese Lebensform entscheiden, um die 40, 50. Nicht selten geschieht dies übrigens aus einer Lebenskrise heraus, zum Beispiel nach einem Jobverlust oder einer Trennung. Oder wenn nach einer steilen Karriere plötzlich die innere Leere schmerzt. Eine junge Vertreterin aus dem kirchlichen Eremitentum ist Schwester Britta aus Regensburg. Sie hat zuvor sogar Hardrock gesungen. Sie betreibt jetzt einen Blog und sendet ihre Botschaft aus. Sie lebt für sich eremitisch, will aber durchaus Menschen beraten. Es ist überhaupt eine Qualität vieler, nicht nur kirchlicher Eremiten, dass sie besonders gut auf Menschen mit ihren Sorgen zugehen können.

Frage: Das klingt nach nicht in dieser Welt, aber für diese Welt …

Hagenberg-Miliu: Das passt auf jeden Fall und war schon die Botschaft der ersten Eremiten im frühen Christentum. Es ging damals, und auch heute, nicht um eine Flucht, sondern um eine Lebensart als Dienst an der Welt.

Frage: Was war bei ihren Erlebnissen mit den Eremiten die krasseste Erfahrung?

Hagenberg-Miliu: Es gibt einen Einsiedler namens Anthon Wagner auf einer Wiese auf der Schwäbischen Alb, der seit Jahrzehnten in einem Schäferkarren lebt. Das ist ein ganz einfaches Gefährt zwei Meter mal eins achtzig groß. Der Mann, der früher erfolgreich in der Werbebranche gearbeitet hat, ist reduziert auf das absolut Wesentliche und glücklich. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, malt er. Aber sonst ist ihm die Natur, die Schöpfung, so wichtig, dass er mit ihr eins werden kann und andere Menschen nicht braucht. Wenn ihn aber jemand um Rat fragt, dann ist er für ihn da.

Das Interview führte Christoph Meurer

Ebba Hagenberg-Miliu: "Allein ist auch genug: Wie moderne Eremiten leben". Gütersloher Verlagshaus 2013. ISBN: 3579065882. 19.99 Euro.

Stichwort: Eremit

Griech. eremites aus altgriech. éremos = "das Wüste" und "einsam, unbewohnt", urspr. "Wüstenbewohner". Während der Begriff im frühen Christentum nur für Menschen benutzt wurde, die der Wüstentheologie des Alten Testaments folgend oder in Erinnerung an den Wüstenaufenthalt Jesu eine Lebensform in der Wüste gesucht haben, ist er inzwischen auf all jene ausgeweitet, die (aus religiösen Motiven ein Leben) in Abgeschiedenheit und Einsamkeit verbringen (auch Einsiedler genannt). In der kath. Kirche gilt das Eremitentum als eine Form des geweihten Lebens und ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil kirchenrechtlich geregelt. Aus: Becker-Huberti, Manfred/Lota, Ulrich: "Katholisch A bis Z: Das Handlexikon". Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2009

Stichwort: Eremit

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