"Nur Unwissende halten dämonische Kräfte für Märchen"

Der Kölner Prälat Helmut Moll ist Beauftragter des Erzbistums Köln für Selig- und Heiligsprechungen und Experte für Exorzismus. Im Interview spricht er über ein falsches Verständnis und die biblischen Grundlagen der Dämonenaustreibung.

Kirche | Köln - 18.04.2016

Ist der Glaube an dämonische Kräfte ein Hirngespinst? Nein, sagt der Kölner Prälat Helmut Moll. Er ist der Beauftragte des Erzbistums Köln für Selig- und Heiligsprechungen, aber auch Experte für Exorzismus und hat vor kurzem Vorträge bei dem "Grundkurs Exorzismus" in Rom gehalten. Im Interview mit katholisch.de spricht Moll über Missverständnisse, die durch Filme entstehen, und über die spirituellen Quellen für den Exorzismus: die Austreibungen, die Jesus laut den Evangelien vorgenommen hat.

Frage: Prälat Moll, die meisten Menschen verknüpfen mit dem Wort Exorzismus Bilder aus Horrorfilmen mit verzerrten Gesichtern der "Besessenen" und brutalen Austreibungen. Wie nahe kommen solche Filme der Realität?

Moll: Die Horrorfilme spiegeln in der Regel subjektive Wunschbilder wider. Mit der Realität des Exorzismus als Befreiungsdienst haben sie wenig zu tun. Dessen liturgische Form ist viel nüchterner, und zudem spiritueller. Denn Jesus Christus ist doch gekommen, "um die Werke des Teufels zu zerstören", wie es im Ersten Johannesbrief heißt.

Frage: Sie referierten vor kurzem in Rom beim elften wissenschaftlichen Austausch von Exorzismus-Experten über die kirchlichen Kriterien zur Feststellung dämonischer Besessenheit. Welche sind das?

Moll: Das Rituale Romanum von 1999 bestätigt die seit Jahrhunderten durch die Praxis bewährten Kriterien: Vom Teufel besessene Menschen können etwa mit einigen Worten in fremden Sprache sprechen beziehungsweise sie verstehen. Sie können auch weit zurückliegende und geheimnisvolle Ereignisse offenlegen wie der Mann in der Synagoge von Kafarnaum zu Beginn des Markusevangeliums. Außerdem können sie über ihre Natur hinausgehende Kräfte entfalten, wie es der Besessene von Gerasa (Markus 5,1-20) beziehungsweise Gadara (Matthäus 8,28-34) konnte.

Das vierte Kriterium überstrahlt die ersten drei: Solche Personen lehnen vor allem den allmächtigen Gott, den Namen Jesu, die Jungfrau Maria, die Heiligen und die Kirche heftig ab. Das Sprichwort stimmt: Der Teufel fürchtet nichts mehr als das Weihwasser.

Der Kölner Prälat Helmut Moll ist der Beauftragte des Erzbistums Köln für Selig- und Heiligsprechungen, außerdem Historiker, Exeget und Experte für Exorzismus.
 picture alliance/dpa/Miriam Schmidt

Frage: Wie ist es möglich, diese Phänomene von psychischen Erkrankungen zu unterscheiden? In einer anderen Sprache reden oder auf Religiöses allergisch zu reagieren, kann doch auch so bei Menschen vorkommen…

Moll: Die Gabe, die Geister zu unterscheiden, gehört zum Wichtigsten auf diesem Gebiet. Papst Johannes Paul II. empfahl, in geistlichen Dingen erfahrene sowie in Medizin und Psychiatrie geschulte Menschen dem Priester an die Seite zu stellen. Psychische Erkrankungen und Besessenheit sind klar voneinander zu trennen. Der Arzt ist kein Priester, der Priester aber auch kein Arzt.

Frage: Hierzulande halten viele Menschen dämonische Kräfte generell für Hirngespinste. Warum?

Moll: Nur unwissende oder oberflächlich denkende Zeitgenossen halten dämonische Kräfte für Märchen oder Hirngespinste. Die Abgründe des modernen Menschen sind doch unter den Bedingungen der Gegenwart unübersehbar. Warum stürzte vor einem Jahr ein Pilot sich und seine Passagiere in den Alpen bewusst und gewollt in den Tod? Welche Kräfte haben zum Beispiel Adolf Hitler, Josef Stalin oder Pol Pot getrieben, Millionen von Menschen gewaltsam umzubringen?

Frage: Warum hat der Exorzismus in Deutschland so einen schlechten Ruf?

Moll: Der frühe Tod der fränkischen Studentin Anneliese Michel aus Klingenberg im Jahr 1976 hat im katholischen Deutschland ein Trauma ausgelöst. Bis heute scheint es noch nicht überwunden zu sein. Theologie und kirchliches Lehramt waren und sind deshalb aufgerufen, wieder unbefangen darauf aufmerksam zu machen, dass die dämonische Wirklichkeit nicht nur möglich ist, sondern auch tatsächlich existiert.

Frage: Von den 27 deutschen Diözesen haben nur sieben einen Exorzisten…

Moll: Im deutschen Sprachraum haben Diözesanbischöfe zu wenige geeignete Priester bestellt, diesen heiklen und nicht selten unverstandenen Dienst zu leisten. Die Exorzisten wirken im Verborgenen, aber wirksam und befreiend. Solche Priester müssen sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnen, das schreibt das Kirchenrecht vor.

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Teufelsaustreibungen sind aus spektakulären Filmen wie "Der Exorzist" bekannt. Doch mit dem Thema ist nicht wirklich zu scherzen. Eine Päpstliche Hochschule in Rom informiert mit einem "Grundkurs Exorzismus".

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Frage: Wie ist das in anderen Ländern?

Moll: Andere Länder und Kontinente gründen auf je anderen religiösen und kulturellen Voraussetzungen. Deshalb wird dort teilweise auch mit dem Exorzismus anders umgegangen. Nach meiner Information sind in Italien mehr als 200 Exorzisten tätig, die sich nicht scheuen, auch öffentlich als solche aufzutreten. In Polen sind über 300 Exorzisten im Einsatz, entweder hauptamtlich oder nebenamtlich. Sowohl Papst Benedikt XVI. als auch Papst Franziskus haben den Dienst der Exorzisten mehr als einmal ausdrücklich gewürdigt.

Frage: In Rom trafen sich rund 230 Fachleute. Was sind die aktuellen Themen, die Exorzisten im Jahr 2016 beschäftigen?

Moll: Beim diesjährigen Wochenkurs an der römischen Hochschule "Regina Apostolorum" ging es um juristische, psychologische und kriminologische Gesichtspunkte, die bei der Liturgie des Befreiungsdienstes wichtig sind. Die Referenten sprachen über die in den einzelnen Ländern vorhandenen kulturellen und religiösen Phänomene, die gegenwärtig im Wachsen begriffen sind. Neben Kurienkardinälen und anderen kirchlichen Experten war auch ein Vertreter einer anderen Weltreligion dabei: Rabbiner Ricchardo Di Segni führte in das Thema "Der Teufel und der Exorzismus im Judentum" ein.

Frage: In jüngerer Zeit wird vermehrt über brutale Teufelsaustreibungen in der evangelikalen Szene berichtet. Was sagen katholische Exorzismus-Experten zu solchen Praktiken?

Moll: Die sogenannte evangelikale Szene muss differenziert betrachtet werden. Vorschnelle Verallgemeinerungen verbieten sich. Was mir auffällt, ist die verstärkte Wahrnehmung esoterischer und schamanischer Praktiken, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. Der Heilung- und Befreiungsdienst ist und bleibt an die Person Jesu Christi gebunden, der sagt: "Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen".

Von Agathe Lukassek

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