Sechs Religionsbeauftragte – kein Katholik

Die Einladung von Volker Münz zum Katholikentag erhitzt die Gemüter. Doch nicht nur die AfD hat einen religionspolitischen Sprecher. Katholisch.de stellt die Beauftragten der anderen Fraktionen vor.

Bundestag | Berlin - 18.04.2018

Um die eigene Arbeit zu organisieren und konkrete Ansprechpartner für wichtige Themenfelder zu haben, benennen oder wählen die Bundestagsfraktionen immer am Anfang einer Legislaturperiode fachpolitische Sprecher. Neben Sprechern für unter anderem finanz-, gesundheits- oder familienpolitische Themen gibt es in allen Fraktionen traditionell auch Abgeordnete, die sich um die Religionspolitik kümmern. Dieses Feld umfasst die christlichen Kirchen, das Judentum, den Islam sowie andere Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Nachdem am Dienstag die SPD als letzte Fraktion ihren Sprecher benannt hat, stellt katholisch.de die religionspolitischen Sprecher aller sechs Fraktionen vor.

CDU/CSU: Hermann Gröhe

Hermann Gröhe.
 KNA

Als Nachfolger von Franz Josef Jung hat der bisherige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe das Amt des Beauftragten für Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Unionsfraktion übernommen. Der 57-jährige Jurist, der seit 1994 Bundestagsabgeordneter ist, engagiert sich seit langer Zeit in der evangelischen Kirche. Unter anderem ist er Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD); außerdem war er von 1997 bis 2009 Mitglied des Rates der EKD und während dieser Zeit neun Jahre lang Mitherausgeber des evangelischen Monatsmagazins "Chrismon". An der Evangelischen Kirche schätzt er nach eigenen Angaben besonders "das gleichberechtigte Miteinander aller Gläubigen".

Als menschenrechtspolitischer Sprecher der Unions-Fraktion setzte Gröhe schon früh das Thema Christenverfolgung auf die Tagesordnung des Parlaments. In seiner Zeit als Gesundheitsminister wandte er sich zudem gegen jegliche Form der Beihilfe zum Suizid; Selbsttötung dürfe nicht zu einem Akt wahrer Freiheit verklärt werden. Stattdessen setzte er in der vergangenen Legislaturperiode eine stärkere Förderung und einen flächendeckenden Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung durch.

SPD: Lars Castellucci

Lars Castellucci.
 lars-castellucci.de

Als letzte Bundestagsfraktion hat die SPD mit Lars Castellucci ihren religionspolitischen Sprecher ernannt. Er folgt damit auf Kerstin Griese, die das Amt insgesamt zehn Jahre innehatte. Der 44-jährige Castellucci sitzt seit 2013 für die Sozialdemokraten im Bundestag. Er ist Protestant und seit 2016 Mitglied in der Kammer für Migration und Integration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der gebürtige Heidelberger studierte von 1995 bis 2000 Politik, Geschichte und Öffentliches Recht in Heidelberg, Mannheim und San Francisco, im Jahr 2008 wurde er an der Technischen Universität Dresden promoviert.

Nach dem Studium war Castellucci zunächst Lehrbeauftragter an der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Mannheim und Berater für kommunale und regionale Entwicklung. Seit 2013 ist er Professor für Nachhaltiges Management an der Mannheimer Hochschule der Wirtschaft für Management (HdWM). Castellucci war unter anderem Mitbegründer der Wieslocher Tafel und Vorsitzender der Bezirkssynode im evangelischen Kirchenbezirk Wiesloch.

AfD: Volker Münz

Volker Münz.
 dpa/Michael Kappeler

Er sieht sich als Brückenbauer zwischen seiner Partei und den Kirchen und ist der Ansicht, "dass vor allem Christen miteinander reden können sollten": Der AfD-Abgeordnete Volker Münz ist einer der engagiertesten Christen seiner Fraktion und bereits seit Anfang Dezember deren religionspolitischer Sprecher. Der 53-jährige Protestant, der über die baden-württembergische Landesliste in den Bundestag einzog, ist unter anderem Mitglied im evangelischen Kirchengemeinderat Uhingen und in der Bezirkssynode Göppingen; außerdem ist er Mitbegründer der Vereinigung der "Christen in der AfD".

Münz sieht im Programm der AfD "sehr große Schnittmengen mit den christlichen Überzeugungen, wie das Thema Lebensrecht für Ungeborene, die Hilfe für Menschen in Not, die Familie als schutzbedürftiger Kern der Gesellschaft und die Ehe als gottgewollte Verbindung zwischen Mann und Frau". Es sei eines der Ziele der AfD, dass Deutschland christlich geprägt bleibe, zumal die Kultur und Rechtsordnung der Bundesrepublik wesentlich auf dem Christentum beruhe.

Als religionspolitischer Sprecher wurde Münz im Februar vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als erster Vertreter der AfD zum Katholikentag in Münster eingeladen. Dort soll er im Mai mit den anderen religionspolitischen Sprechern der Bundestagsfraktionen über die Frage "Nun sag', wie hältst Du's mit der Religion?" diskutieren. Die Einladung an Münz wurde vom Bund der Deutschen katholischen Jugend (BDKJ) und einer Gruppe deutscher Theologen scharf kritisiert.

FDP: Stefan Ruppert

Stefan Ruppert.
 dpa/Bernd von Jutrczenka

Bereits von 2009 bis 2013 war Stefan Ruppert in der FDP-Fraktion Sprecher für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Jetzt, nach dem Wiedereinzug der Partei in den Bundestag, hat der 46-Jährige diese Aufgabe erneut übernommen. Ruppert ist Mitglied der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Mit einer Arbeit zum Thema "Kirchenrecht und Kulturkampf" wurde er 2001 am Frankfurter Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte promoviert.

In der Vergangenheit hat sich Ruppert unter anderem für eine Beibehaltung der Kirchensteuer ausgesprochen. Zudem bekannte er sich im Namen seiner Partei zum Religionsunterricht an Schulen. Zwar habe es Zeiten gegeben, in denen die FDP für eine Abschaffung gewesen sei; inzwischen aber habe die Partei erkannt, dass ein Staat ohne Werteorientierung nicht existieren könne. In der Frage der Staatsleistungen an die Kirchen regte der FDP-Politiker im Jahr 2011 eine sachliche Debatte über eine "gerechte und einvernehmliche" Ablösung der Leistungen an. Verhandlungen darüber sollten möglichst auf Landesebene und pragmatisch ablaufen.

Linke: Christine Buchholz

Christine Buchholz.
 dpa/Michael Kappeler

Christine Buchholz ist im Kreis der religionspolitischen Sprecher die Einzige, die dieses Amt auch schon in der vergangenen Legislaturperiode innehatte – und das, obwohl sie schon vor Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist. Trotzdem verspürt die 46-Jährige nach eigenen Angaben immer noch eine "große Nähe" zur Kirche. Das zeigte sich auch im Studium, wo sie neben Erziehungswissenschaften auch Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Religion studierte. Dem Medienmagazin "pro" erzählte sie 2014, dass sie Religions- oder Ethiklehrerin habe werden wollen – aber nicht etwa aus religiösen Gründen, sondern weil die großen Fragen und die Befreiungstheologie sie fasziniert hätten.

Als Abgeordnete sprach sich Buchholz im Jahr 2012 gegen die Mehrheit ihrer Fraktion für das Recht jüdischer und muslimischer Eltern aus, ihre Jungen nach religiöser Tradition zu beschneiden. Sie begründete ihr Votum damals mit dem Recht auf Religionsfreiheit in einer Gesellschaft, die immer noch von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus geprägt sei. 2010 löste die Politikerin eine Kontroverse aus, als sie sich nach einer Rede des damaligen israelischen Präsidenten Schimon Peres anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Bundestag nicht von ihrem Platz erhob – diese Geste wurde ihr im Nachhinein als antisemitisch ausgelegt.

Grüne: Konstantin von Notz

Konstantin von Notz.
 von-notz.de

Nach dem Rückzug von Volker Beck hat in dieser Legislaturperiode Konstantin von Notz das Amt des Sprechers für Religion und Weltanschauungen bei den Grünen übernommen. Der 47-jährige Jurist ist evangelisch und wurde 2002 mit einer Arbeit über Lebensführungspflichten im evangelischen Kirchenrecht promoviert.

Von Notz sitzt seit 2009 im Bundestag, hier hat er sich in der Vergangenheit unter anderem als Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss und Experte für Netzpolitik einen Namen gemacht. In dieser Funktion rief er die beiden großen Kirchen in Deutschland im Jahr 2015 dazu auf, sich stärker in die Debatte über die Digitalisierung einzuschalten; es gehe dabei um wichtige Weichenstellungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Deutlich bezog von Notz zudem wiederholt Stellung gegen religionspolitische Forderungen der AfD.

Anlässlich seiner Ernennung zum religionspolitischen Sprecher im Februar teilte das Büro des Abgeordneten gegenüber dem Medienmagazin "pro" mit: "Gerade in Zeiten zunehmender Intoleranz liegt ihm die Verteidigung der Religionsfreiheit, der positiven und der negativen, ganz besonders am Herzen." Von Notz habe großen Respekt vor dem ehrenamtlichen Engagement in den Kirchen.

Von Steffen Zimmermann

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