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"Sie haben uns den Krieg erklärt"

Mindestens 44 Menschen sind bei den Anschlägen auf zwei koptische Kirchen in Ägypten gestorben. Wie gehen Kopten in Deutschland und in Ägypten mit diesen schrecklichen Ereignissen um?

Terror | Kairo/Höxter - 10.04.2017

Bischof Anba Damian feierte gerade mit seiner Gemeinde in Hannover den Palmsonntags-Gottesdienst, als er von dem Anschlag auf eine Kirche im Norden Ägyptens erfuhr. "Ein Diakon kam herein und berichtete mir von der Explosion in Tanta", erzählt der Diözesanbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Norddeutschland. "Das ging dann durch die Gemeinde, die gerade noch gesungen und den Gottesdienst gefeiert hatte." Die Kopten in Deutschland hätten alle Angehörige in Ägypten und fühlten sich sehr verbunden mit den Opfern und den Hinterbliebenen. "Die Bilder gehen nicht weg, wir haben sie noch immer vor Augen." Diese Aggression, die zeitlich auf ein so hohes christliches Fest wie Palmsonntag abgestimmt sei, sei grausam. Und es werde wohl nicht bei diesen beiden Anschlägen in Tanta und Alexandria bleiben, bei dem insgesamt 44 Menschen starben. "Wir wissen nicht, was und wo die nächste abscheuliche Tat sein wird, aber es ist keine Frage, dass es eine geben wird."

Die Gewalt gegen Kopten erklärt Bischof Damian so: Die Muslimbrüder und die Salafisten machten die Kopten verantwortlich für den Sturz des ehemaligen ägyptischen Staatspräsidenten Mohammed Mursi und der anschließenden Ernennung von Abd al-Fattah as-Sisi, dem jetzigen Staatspräsidenten. Doch ihr Hass sei inzwischen nicht mehr verdeckt: "Ihre Härte und ihre Aggression zeigen sie nun ganz offen." Das könne man auch an den Vorfällen in den letzten Monaten auf der Sinai-Halbinsel sehen. Dort hatten Extremisten des "Islamischen Staates" Kopten ermordet, teils am helllichten Tag. "Sie haben uns den Krieg erklärt", meint Bischof Damian. Er erwartet nun mehr Schutzmaßnahmen durch die ägyptische Regierung. Die Sicherheit der Kopten müsse gewährleistet werden. "Wir hören viele Versprechungen, unsere Ohren sind voll davon, aber jetzt muss etwas getan werden." Konkret wünscht er sich etwa mehr Sicherheitspersonal vor den Kirchen und Einrichtungen der Kopten. Außerdem solle jede dieser Taten ehrlich aufgeklärt und die Verantwortlichen gefunden werden.

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Doch Bischof Damian spricht sich ausdrücklich gegen Hass aus. "Kein Mensch wurde kriminell geboren. Wir müssen uns ansehen, was ihn zu solchen Taten bringt." Dazu gehöre, in Ägypten zu überprüfen, was in den Koranschulen gelehrt und in den Moscheen gepredigt werde. Das Beste, was man tun könne, sei, die Mentalität der Menschen durch Bildung zu verbessern. "Wir müssen miteinander leben und müssen lernen, den anderen zu akzeptieren und zu tolerieren." Denn auch, wenn die Kopten in Ägypten gerade sehr viel durchmachten, eines werde sich nicht ändern, da ist er sich sicher: "Wir werden Christen bleiben, das ist unser Leben, unser Ziel, unsere Identität."

"Es war schon immer so, dass die Christen als Minderheit für alles Mögliche verantwortlich gemacht wurden", meint Joachim Schroedel. Die Christen, Israel und Amerika seien beliebte Sündenböcke bei den Ägyptern. Aber die Angreifer auf die zwei Kirchen am vergangenen Sonntag hätten keinen Grund gehabt, diese Kopten zu töten, meint der deutsche Priester, der seit über 20 Jahren als Seelsorger in Kairo tätig ist. Von dem Terroranschlag hat er durch deutsche Medien erfahren, aber erst bei einem gemeinsamen Frühstück mit Christen und Muslimen am Montag danach sei es "dramatisch" geworden: Da hätten beide Seiten "betont, dass das ein Anschlag auf Ägypten war. Sie sind sich sicher, dass diese Täter den Staat destabilisieren und das Band zwischen Kopten und Muslimen ganz zerschneiden wollen." Die Fundamentalisten seien eben auch dem modernen Staat gegenüber kritisch, der in ihren Augen nicht genug muslimisch sei.

Religiöser Fundamentalismus als Antwort

Im Laufe der letzten 20 Jahre habe sich die ägyptische Gesellschaft gewandelt, berichtet Schroedel. "Es wird inzwischen viel mehr gebetet, die Moscheen sind freitags voll, und viel mehr Frauen verschleiern sich." Aber diese Entwicklung hin zum Fundamentalismus sieht Schroedel nicht nur in Ägypten: "Das gibt es überall auf der Welt. Es ist ein Ausdruck der Hilflosigkeit gegenüber der Moderne." Weil man nicht mit ihr zurechtkomme, suche man Antworten in religiösen Extremen. Man könne jedoch nicht sagen, dass dies nichts mit dem Islam zu tun habe: "Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass im Koran tatsächlich ein Aufruf zum Christenmord steht." Und ein Fundamentalist nehme das ernst. In der ägyptischen Gesellschaft lebe man jedoch friedlich miteinander, denn man halte es pragmatisch: "Die Menschen gehen die zahlreichen Aufgaben im Alltag gemeinsam an, egal, ob sie Christen oder Muslime sind, und suchen nach Lösungen. Das Miteinander ist gut möglich." Anschläge wie die an Palmsonntag brächten sie eher zueinander. "Sie sagen, sie wollten sich nicht auseinanderbringen lassen."

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Noch mehr Sicherheitsvorkehrungen könnten die Situation nicht verbessern, meint Schroedel. Wie das Attentat in Alexandria zeige, bei dem der Selbstmordattentäter wegen eines Metalldetektors nicht in die Kirche gelangt sei und sich davor in die Luft sprengte, gebe es bereits solche Vorkehrungen. "Aber einen Terroristen kann man, wenn er sich auf diese Weise töten will, nicht davon abhalten – genauso wenig, wie man Christen in ummauerte Ghettos sperren kann, um die Sicherheit zu erhöhen." Die Gesellschaft müsse stattdessen weiter zueinander geführt werden: Der Staat fordere Christen und Muslime nicht auf, etwas gemeinsam zu tun, um zu spüren, dass man ein Volk sei. "Die Menschen vertrauen einander schon, aber durch die Aufrufe von muslimischen Religionsführern kann die Stimmung sehr schnell umkippen." Das läge auch an der hohen Analphabetenrate von rund 45 Prozent, Menschen, die leicht zu manipulieren seien: "Gerade in der Bildung müsste viel mehr passieren." Keine Hilfe seien da kurzfristige Kampagnen oder Sicherungsmaßnahmen durch den Staat. "Es gibt oft kurzfristige Aktionen, aber keinen Plan und keine Nachhaltigkeit."

Kritik äußert Schroedel an der deutschen Asylpolitik bei ägyptischen Flüchtlingen: Pauschal zu sagen, dass Ägypten ein sicheres Herkunftsland sei, sei zu wenig. Bei Asylanträgen von geflohenen Ägyptern in Deutschland solle man hinschauen, welche Geschichte dahinter stecke, fordert er. "Es gibt Dörfer in Mittelägypten, wo Christen systematisch unterdrückt werden und denen Tag für Tag buchstäblich die Hölle heiß gemacht wird. Die können fast nirgendwo anders hin."

Von Johanna Heckeley

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