Theologie

Slenczka allein im Ring

Kein Rückhalt für Thesen des Theologen zum Alten Testament

Berlin - 16.05.2015

Christoph Markschies, Kirchenhistoriker an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität, will mit seinem Kollegen Notger Slenczka nicht über dessen Thesen zum Alten Testament disputieren. "Wir müssen nicht mehr über die Frage diskutieren, ob die Erde eine Scheibe ist", befand der Vorsitzende der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) polemisch und sprach Slenczka damit praktisch die Satisfaktionsfähigkeit ab. Dieser hatte in wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Vorträgen dafür plädiert, die Schriften des Alten Testaments sollten keinen normativen Rang mehr haben und nicht mehr zum Kanon der Bibel gezählt werden.

Die Debatte - ausgelöst im April durch eine kritische Stellungnahme des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit - hat dennoch Fahrt aufgenommen, bis zum Vorwurf des Antijudismus. An der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität, die in mindestens zwei Fraktionen gespalten ist, wird sie offenbar eher rustikal und mit öffentlichen Erklärungen ausgetragen, so dass sich die Studenten zu dem verzweifelten Appell an die Professoren genötigt sahen: "Reißen Sie sich zusammen!"

Auch in den Feuilletons wurde das Thema aufgegriffen und teilweise ruppig angegangen. So meldete sich der ehemalige Göttinger Theologieprofessor Gerd Lüdemann, dem in den 1990er Jahren die kirchliche Prüfungsbefugnis entzogen worden war, zu Wort und meinte, dass das Christentum "die Grundlagen seiner Lehren vom alten und vom neuen Bund" verloren habe.

Slenczka will Neubewertung der Texte des Alten Testaments

So weit würde Slenczka natürlich nicht gehen. Ihm geht es in Anknüpfung an die Theologen Friedrich Schleiermacher (1768-1834), Adolf von Harnack (1851-1930) und Rudolf Bultmann (1884-1976) vielmehr um eine Neubewertung der Texte des Alten Testaments. Sie sollten auch künftig ihren Platz in der Bibel haben, aber mit den sogenannten "Apokryphen" - so heißen in der Lutherbibel die nur auf Griechisch überlieferten Texte, die dort nicht zum Kanon des Alten Testaments zählen - gleichgestellt werden. Grund: Sie verkündeten "in keinem möglichen Sinn" Jesus von Nazareth "und das in ihm liegende Heil". Vielmehr seien sie "erst einmal Texte einer Fremdreligion" - nämlich des Judentums.

Heinrich Bedford-Strohm ist bayerischer Landesbischof und seit November 2014 auch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Auch Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), nannte den Vorstoß Slenczkas "abwegig".  picture alliance / dpa

In der evangelischen Kirche stößt Slenczka damit auf Irritationen und Ablehnung. Der Berliner Bischof Markus Dröge betonte vor seiner Landessynode: "Es ist notwendig, sich klar von dieser These zu distanzieren." Auch der Hannoversche Bischof Ralf Meister betonte: "Das Neue Testament führt nicht aus dem Alten heraus, es führt vielmehr Menschen aus den Völkern in das Alte Testament hinein und eröffnet ihnen einen Weg zu Israels Gott." Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm nannte vor der Synode in Würzburg den Vorstoß "abwegig", und der Reformierte Bund distanzierte sich in einem förmlichen Beschluss von der "Abwertung" des Alten Testaments. Auch der katholische Bamberger Erzbischof Ludwig Schick äußerte sich zu der bisher vor allem innerprotestantischen Debatte und warnte vor einer "kulturellen Demenz".

Bemerkenswert ist, dass sich bisher kaum Vertreter des Fachs Altes Testament in die Diskussion eingebracht haben. Eine Ausnahme ist der katholische Wiener Theologe Ludger Schwienhorst-Schönberger, dessen Beitrag für die "Internationale Katholische Zeitschrift Communio" allerdings schon geschrieben war, bevor der Streit losging. Er bescheinigt dem Berliner Kollegen immerhin, einige schwierige Probleme aufzudecken, die bei der Verhältnisbestimmung von Altem und Neuem Testament, von Kirche und Synagoge "entweder nicht erkannt oder großzügig überspielt werden". Allerdings ziehe Slenczka seine logisch korrekten Schlussfolgerungen aus falschen Voraussetzungen, vor allem aus "nicht mehr haltbaren historischen Ansichten über die Entstehung von Judentum und Christentum". Das Alte Testament, so Schwienhorst-Schönberger, gehöre somit keineswegs zu einer "Fremdreligion", sondern sei der "gemeinsame Stamm, aus dem Kirche und Judentum hervorgegangen sind".

Ballast oder Schatz?

Sie singen und beten die Psalmen des Alten Testaments, aber sie opfern keine Tiere. Sie feiern den Sonntag, obwohl in den Zehn Geboten steht, dass man den Sabbat begehen soll, also den Samstag. Passt das Alte Testament überhaupt zum Christentum?

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Von Norbert Zonker (KNA)

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