Dokumentation

So denken die Gläubigen

Die Antworten aus den Bistümern auf den vatikanischen Familienfragebogen

Bonn - 03.02.2014

Knapp 20 Seiten umfasst die Auswertung der Familien-Umfrage , die die Bischöfe an den Vatikan weitergeben. In deutlichen Worten formulieren sie darin, was die Gläubigen ihnen zur kirchlichen Ehe- und Sexualmoral rückgemeldet haben. In vielen Bereichen wird deutlich: Größer könnte die Differenz zwischen Lehre und Wirklichkeit kaum sein. Katholisch.de dokumentiert die wichtigsten Passagen.

Zur kirchlichen Sexualmoral

[…] Außerhalb der Kirche wird die kirchliche Sexualmoral als reine "Verbotsmoral" wahrgenommen und in Argumentationsduktus und Sprache als unverständlich und lebensfern bewertet. Die kirchliche Weigerung, homosexuelle Lebenspartnerschaften gesellschaftlich und rechtlich anzuerkennen, wird darüber hinaus als Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verstanden. […] (Auszug aus der Zusammenfassung der Antworten zu Frage 1d)

4. Zur Pastoral für Gläubige in schwierigen Ehesituationen

a) Ist das Zusammenleben "ad experimentum" in der Ortskirche eine relevante pastorale Wirklichkeit? Welchen Prozentsatz macht es schätzungsweise aus?

In den Stellungnahmen aus den Diözesen wird übereinstimmend festgestellt, dass die "voreheliche Lebensgemeinschaft" nicht nur eine relevante, sondern eine nahezu flächendeckende pastorale Wirklichkeit ist. Fast alle Paare, die um eine kirchliche Trauung bitten, leben oft schon mehrere Jahre zusammen (Schätzungen liegen zwischen 90 Prozent und 100 Prozent). […] Dabei wird das Zusammenleben weniger als "Experiment", sondern als eine allgemein übliche Vorstufe der Ehe betrachtet,

f) Könnte die Straffung der kirchenrechtlichen Praxis zur Anerkennung der Nichtigkeitserklärung des Ehebandes einen wirklichen und positiven Beitrag leisten zur Lösung der Probleme der betroffenen Personen? Wenn ja, in welchen Formen?

Die Stellungnahmen aus den Diözesen stellen übereinstimmend fest, dass die meisten Katholiken, deren Ehen gescheitert sind, sich nicht mit der Frage der Gültigkeit befassen, weil sie ihre oft langjährige Ehe nicht als "nichtig", sondern als gescheitert betrachten. Ein Verfahren der Annullierung wird daher oft als unehrlich empfunden. […]

g) Gibt es eine Pastoral, um diesen Fällen entgegenzukommen? Wie sieht diese Pastoral aus? Gibt es diesbezügliche Pastoralpläne auf nationaler und diözesaner Ebene? Wie wird den getrennt Lebenden und den wiederverheirateten Geschiedenen die Barmherzigkeit Gottes verkündet und wie wird die Unterstützung ihres Glaubensweges durch die Kirche umgesetzt?

Der kirchenrechtliche Ausschluss von den Sakramenten als Folge einer erneuten zivilen Eheschließung wird von den Betroffenen als ungerechtfertigte Diskriminierung und Unbarmherzigkeit empfunden. […]

In der konkreten Seelsorge ist in vielen Fällen von einer Praxis des eigenständigen Hinzutretens zum Sakramentenempfang auszugehen. Nicht selten gibt es auch eine Praxis der Wiederzulassung zur Eucharistie, der in der Regel Gespräche mit dem Seelsorger vorausgegangen sind. […] Mehrere Stellungnahmen unterstützen […] ausdrücklich die "Handreichung für die Seelsorge zur Begleitung in Trennung, Scheidung und ziviler Wiederverheiratung" (2013) des Seelsorgeamtes der Erzdiözese Freiburg.

7. Zur Offenheit der Eheleute für das Leben

b) Wird diese Morallehre (die Lehre von "Humanae vitae" über die verantwortliche Elternschaft, Anmerkung der Redaktion) akzeptiert? Welches sind die problematischsten Aspekte, die die Akzeptanz bei der großen Mehrheit der Ehepaare erschweren?

Die große Mehrheit der Katholiken wie auch der Gesamtbevölkerung in Deutschland bejaht die grundsätzliche Offenheit der Ehe für Kinder und misst einem gelingenden Familienleben mit Kindern einen hohen Stellenwert in der eigenen Lebensplanung bei. Doch die kirchliche Lehre, dass alle Sinngehalte menschlicher Sexualität in jeder sexuellen Begegnung berücksichtigt werden sollten und daher jeder "absichtlich unfruchtbar gemachter eheliche Akt" in sich unsittlich sei (vgl. "Humanae vitae" Nr. 14), wird von der Mehrheit der Katholiken abgelehnt. Eine Minderheit von unter drei Prozent setzt sich für Methoden der Natürlichen Familienplanung (NFP) ein und praktiziert sie aus persönlicher Überzeugung, oft auch aus medizinischen Gründen.

c) Welche natürlichen Methoden werden von Seiten der Teilkirchen gefördert, um den Ehepaaren zu helfen, die Lehre von "Humanae vitae" umzusetzen?

Die Deutsche Bischofskonferenz unterhält eine eigene Fachstelle für die NFP-Arbeit, die bei den Malteser-Werken angesiedelt ist. […] Viele Diözesen bieten zudem Kurse zur Natürlichen Familienplanung (NFP) an. Die Nachfrage verharrt auf niedrigem Niveau. Auch seitens vieler Hauptamtlicher in Pastoral und Caritas besteht eine starke Skepsis und eine geringe Bereitschaft, sich über diese Methode zu informieren und für sie zu werben.

d) Welche Erfahrung gibt es hinsichtlich dieses Themas in Zusammenhang mit der Praxis des Bußsakraments und der Teilnahme an der Eucharistie?

[…] Die Rückläufe aus den Diözesen stellen übereinstimmend fest, dass die Anwendung von "künstlichen" Methoden der Geburtenregelung von den Katholiken nicht als sündhaft betrachtet wird und folgerichtig auch nicht Gegenstand des Beichtgespräches ist.

e) Welche Gegensätze fallen zwischen der Lehre der Kirche und der weltlichen Erziehung in diesem Bereich auf?

Die Sexualerziehung außerhalb der Kirche ermutigt Jugendliche zu einem bewussten, selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Körperlichkeit und zu einem respektvollen Umgang mit anderen Menschen. […] Das kirchliche Verbot "künstlicher" Verhütungsmethoden, insbesondere des Gebrauchs des Kondoms, wird gerade auch im Blick auf die HIV-Prophylaxe nicht nur als lebensfremd, sondern explizit als unmoralisch bewertet.

9. Weitere Herausforderungen und Vorschläge

Gibt es andere Herausforderungen und Vorschläge hinsichtlich der in diesem Fragebogen behandelten Themen, die nach Meinung der Befragten dringlich oder nützlich sein mögen?

[…] So wird darauf hingewiesen, dass eine stärkere Beachtung des einzelnen Menschen als Person und Subjekt in seiner eigenen Verantwortung erforderlich ist. In diesem Zusammenhang werden auch die Grenzen jeder "Verbotsethik" deutlich, die versucht, das ihr Wichtige in – womöglich noch sanktionsbewehrte – Anweisungen und Verbote zu kleiden. Rigorose Anforderungen, oftmals noch vorgetragen in einem juridisch eingefärbten Sprachduktus, führen zu einer ablehnenden Grundhaltung und verfangen dort nicht mehr, wo eine stärker beratende Ethik durchaus Gehör finden kann. Da, wo die Kirche deutlich machen kann, dass es ihr tatsächlich um ein gelingendes Leben in Gemeinschaft geht, wird sie auch dann wahrgenommen, wenn sie warnend oder mahnend die Stimme erhebt, um die Menschen zu überzeugen.

Zusammengestellt von Gabriele Höfling

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