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So gestresst sind unsere Seelsorger

Erreichbar sein, trösten können, spirituelle Orientierung geben: Die Anforderungen an Seelsorger sind hoch. Vielleicht zu hoch? Das wollten Wissenschaftler durch eine deutschlandweite Stress-Studie herausfinden, an der rund 8.600 katholische Seelsorger teilgenommen haben. Am Donnerstag wurden die Ergebnisse in Berlin vorgestellt: Während der Umgang mit dem Zölibat für viele ein Problem ist, scheint sich die oft extreme Arbeitsbelastung kaum auf das Seelenleben der Seelsorger auszuwirken.

Studie | Berlin - 16.04.2015

Erreichbar sein, trösten können, spirituelle Orientierung geben: Die Anforderungen an Seelsorger sind hoch. Vielleicht zu hoch? Das wollten Wissenschaftler durch eine deutschlandweite Stress-Studie herausfinden, an der rund 8.600 katholische Seelsorger teilgenommen haben. Am Donnerstag wurden die Ergebnisse in Berlin vorgestellt: Während der Umgang mit dem Zölibat für viele ein Problem ist, scheint sich die oft extreme Arbeitsbelastung kaum auf das Seelenleben der Seelsorger auszuwirken.

Wer an einen modernen Priester denkt, der hat oft den Chef einer Großpfarrei mit Tausenden von Gläubigen, mit unzähligen Terminen und wenig Freizeit vor Augen. Kurz: Er denkt an einen gestressten Manager. Und bei einem liegt er richtig. Priester arbeiten viel. Laut Studie widmen fast die Hälfte der Geistlichen ihrem Job mehr als 55 Stunden in der Woche. Jeder Fünfte gab sogar mehr als 65 Stunden Wochenarbeistzeit an. Damit liegt das Arbeitspensum der Priester deutlich über dem der Diakone, Pastoralassistenten und Gemeindereferenten. Und auch deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Doch belegt die Studie noch etwas viel Bemerkenswerteres: Es sind nicht die äußeren Faktoren wie die Pfarreigröße oder das Arbeitspensum, die die psychische Gesundheit der Seelsorger gefährden. Viel größeren Einfluss haben beispielsweise die persönliche Zufriedenheit, der Umgang mit Stress, das Vertrauen in das eigene Können, die Anerkennung durch andere und die sozialen Beziehungen.

Um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, hat Studienleiter Eckhard Frick, Jesuit und Professor für Spiritual Care im Uniklinikum München, zwischen 2012 und 2014 Seelsorger aus 22 der 27 deutschen Diözesen befragt. Unter den 8.600 Teilnehmern waren rund 4.200 Priester, 1.000 Diakone, 1.500 Pastoral- und 1.900 Gemeindereferenten. Unterstützt wurde Frick bei der Studie mit dem Titel "Sorge für die Seelsorgenden" von Psychotherapeut Klaus Baumann, Spiritualitätsforscher und Arzt Arndt Büssing, Pastoralpsychologe Christoph Jacobs und Sexualwissenschaftler Wolfgang Weig.

Lebenszufriedenheit der Seelsorger höher als beim Durchschnitt

Generell lässt sich sagen, dass die Lebenszufriedenheit der Seelsorger höher ist, als die der Durchschnittsbevölkerung und vergleichbar mit der von Menschen in anderen akademischen Berufen. Sie hängt aber auch – ebenso wie im Rest der Bevölkerung – mit dem Alter zusammen. Die Ältesten sind am zufriedensten, die mittleren Altersgruppen am wenigsten zufrieden, die jungen Seelsorger liegen in der Mitte. Dabei sind jüngere Seelsorger auch stressempfindsamer als die älteren.

Um untersuchen zu können, was den Seelsorgern dabei hilft, gesund zu sein, zu bleiben oder wieder gesund zu werden, haben sich die Wissenschaftler auf das von Medizinsoziologe Aron Antonovsky entworfene Konzept der "Salutogenese" gestützt, das die Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess versteht. Im Zentrum dieser Theorie steht das sogenannte "Kohärenzgefühl". Es erfasst, inwieweit die Befragten ihr Leben und ihre Umwelt als verstehbar erleben, die Anforderungen als bewältigbar und ihr Engagement als lohnend, bedeutsam und sinnvoll.

Das Kohärenzgefühl liegt bei allen vier Berufsgruppen im Normalbereich und sehr nah am Mittelwert der Gesamtbevölkerung. Allerdings schneiden die Priester im direkten Vergleich etwas schlechter ab. Dagegen sind laut Studie alle Seelsorger deutlich offener als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Priester sind jedoch emotional etwas labiler, zurückhaltender und weniger verträglich als ihre Kollegen. Die psychische Widerstandsfähigkeit und das Selbstvertrauen in das eigene Können bewegen sich dagegen bei allen Berufsgruppen wieder im Normalbereich.

Knapp 40 Prozent zeigen eine erhöhte Stressbelastung

Nimmt man all diese Eigenschaften zusammen, lassen sich die Seelsorger laut Studie in vier Gruppen unterteilen, die Hinweise auf das Engagement, auf die Bewältigung von Belastungen, auf die psychosomatische Gesundheit und auf die Eignung für verschiedene seelsorgliche Aufgaben geben können. Demnach haben gut ein Drittel der Befragten sehr gute Ressourcen und bewältigen Stress meist problemlos. Knapp 28 Prozent weisen normale Ressourcen auf. Dagegen zeigen gut ein Viertel aller Seelsorger eine erhöhte Stressbelastung mit leichter Burnout-Gefährdung und 14 Prozent eine Überforderung im Beruf, die mit stärkerer Burnout-Gefährdung einhergeht.

Die psychosomatische Belastung, die sich durch Angst, Depression oder körperliche Symptome zeigen kann, ist bei Priestern höher als bei den anderen pastoralen Mitarbeitern. Während männliche Seelsorger vergleichsweise mehr über depressive Symptome klagen, sind bei Seelsorgerinnen ängstliche Beschwerden häufiger. Insgesamt treten psychosomatische Belastungen vermehrt auf, wenn das Gefühl vorherrscht, die Arbeit nicht bewältigen zu können. Trotz Burnout-Gefährdung treten entsprechende Symptome unter den Seelsorgern allerdings seltener auf als bei vergleichbaren Berufsgruppen wie Ärzten, Lehrern oder Sozialarbeitern.

Wichtig für die psychische Gesundheit ist auch die Zufriedenheit mit der ausgeübten Tätigkeit. Die ist in der Seelsorge etwas höher als in der Allgemeinbevölkerung. Wichtigster Motivator für das Engagement im Dienst ist bei allen Gruppen die eigene Spiritualität. Neben Gebetsformen, die eng mit dem Priesterberuf verbunden sind – zum Beispiel das Stundengebet oder die Messfeier – ist das persönliche Gebet für alle bedeutsam. Mehr als die Hälfte aller Befragten beten mindestens einmal am Tag. Das Bußsakrament scheint dagegen an Bedeutung zu verlieren: 54 Prozent der Priester gehen nur einmal im Jahr oder seltener zur Beichte. Damit gehören sie aber noch zu den häufigsten Beichtstuhlbesuchern unter den Seelsorgern. Bei den Pastoralreferenten sind es sogar 91 Prozent, die höchstens einmal jährlich beichten.

Religiöse Handlungen wie die Eucharistie-Feier oder das private Gebet zeigen laut Studie keinen relevanten Zusammenhang mit depressiven Symptomen auf der einen oder größerer Lebenszufriedenheit auf der anderen Seite. Dagegen kann die Wahrnehmung des alltäglichen Transzendenten, also dessen, was die normalen Erfahrungen übersteigt, einen geringen Einfluss haben. Allerdings schützt auch diese Wahrnehmung nicht vor Burnout. Dafür sind gute Arbeitsbedingungen viel entscheidender. Hier gibt es laut Studie allerdings einige Defizite. Denn viele Seelsorger sind mit der Kirche als Organisation, mit den Strukturen und der Leitung nicht zufrieden. Auch das Klima innerhalb der Kirche wird eher kritisch beurteilt.

Anerkennungsdefizit bei Gemeindereferenten

Seelsorger in Pfarreien und Gemeinden empfinden zudem eine deutlich höhere Arbeitsbelastung als solche, die in kategorialen Tätigkeitsfeldern wie der Krankenhaus-, Gefängnis- oder Militärseelsorge tätig sind. Eine große Gruppe der kirchlichen Mitarbeiter profitiert allerdings von einem ausgewogenen Verhältnis von Anstrengung und Anerkennung. Unter einem Anerkennungsdefizit leiden dennoch gut 13 Prozent der Personen. Darunter befinden sich überdurchschnittlich viele Gemeindereferenten.

Ein Beichtstuhl im Schimmer des Lichts
 dpa/picture-alliance

Ein weiterer zentraler Aspekt für Zufriedenheit, Stressbewältigung und Gesundheit sind die sozialen Beziehungen. Unfreiwillig alleinlebende oder alleinerziehende Seelsorgerinnen haben die niedrigste Lebenszufriedenheit. Geistliche, die eine der verschiedenen Formen gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens pflegen – zum Beispiel in einer Wohngemeinschaft – sind zufriedener mit ihrer Gesamtsituation als allein lebende Priester. Wenn es um das Erleben von Freundschaft und (platonischer) Liebe geht, sind die Mittelwerte der unterschiedlichen Berufsgruppen ähnlich. Allerdings fallen die Erfahrungen mit zwischenmenschlicher Innigkeit bei Geistlichen sehr unterschiedlich aus. Außerdem schätzen sie die Sexualität insgesamt weniger positiv ein und nennen häufiger Probleme. In der Studie fallen zudem Extremwerte auf, wenn es um die Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung bei Priestern geht.

Insgesamt sind die Seelsorger aber nur selten einsam. Während es hinsichtlich der sozialen Einsamkeit keine Unterschiede zwischen den Berufsgruppen gibt, leiden Priester allerdings deutlich häufiger unter emotionaler Einsamkeit und vermissen eine innige dauerhafte Beziehung zu einem anderen Menschen. Hier spielt der Zölibat eine große Rolle. Während gut zwei Drittel der Priester von positive Einstellungen und Erfahrungen damit berichten, würde ein Viertel den Zölibat nicht wieder als Lebensform wählen. Ein weiteres Viertel ist zudem unentschlossen.

Knapp 13 Prozent werden nach eigenen Angaben nicht oder nur schlecht mit den Problemen fertig, die sich aus dem Zölibat ergeben. Die Ausbildung in den Seminaren wird nur von etwas mehr als einem Viertel der Priester als hilfreich bewertet. Die zum Zölibat positiv Eingestellten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Lebenszufriedenheit deutlich von dem anderen Drittel der Priester. Als besondere Herausforderung betrachtet jeweils über die Hälfte der Priester den Verzicht auf genitale Sexualität, körperliche Intimität, partnerschaftliche Bindung sowie eigene Kinder. Innerhalb der Gruppe der Priester gibt es außerdem eine nicht zu vernachlässigende Risikogruppe, deren Lebenszufriedenheit durch den Zölibat so stark belastet ist, dass sich die seelische Gesundheit in Gefahr befindet.

Von Kilian Martin und Björn Odendahl

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