So verändert sich die Klosterlandschaft

Die Schließung der Abtei Himmerod ist ein Einschnitt in der deutschen Klosterlandschaft. Aber wie sieht die Situation der Orden insgesamt aus? Katholisch.de blickt in die Statistiken.

Orden | Bonn - 23.10.2017

Seit fast neun Jahrhunderten leben Zisterzienser in der Abtei Himmerod. An kaum einem Ort Deutschlands hat katholisches Ordensleben eine so lange und reiche Tradition. Und diese geht nun zu Ende. Auf den ersten Blick ist die beschlossene Auflösung der berühmten Abtei ein weiteres Symptom des Ordenssterbens in Deutschland. In der Jahresstatistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) weisen die Angaben zum klösterlichen Leben beinahe durchgängig einen negativen Trend auf. Dabei ist die Situation deutlich vielschichtiger, als Nachrichten wie jene aus Himmerod es zunächst vermuten lassen.

Ein aufsehenerregendes Gegenstück kommt dabei aus dem Orden der Zisterzienser selbst: Im August zogen nach zwei Jahrhunderten erstmals wieder Mönche in das Kloster Neuzelle in Brandenburg. Die Wiederbesiedlung ist nicht nur für das Bistum Görlitz, auf dessen Gebiet das Barockkloster liegt, ein bedeutender Schritt. Lässt man zudem die kulturhistorischen Aspekte außer Acht, gleicht die Neueröffnung in Neuzelle die Schließung von Himmerod statistisch gesehen aus.

Weniger Ordensmänner - aber mehr Orden

Beim wertfreien Blick auf die kirchlichen Statistiken findet man sogar positive Entwicklungen im deutschen Ordensleben. So zählte die DBK im Jahr 2016 bundesweit 60 männliche Orden und Kongregationen; im vergangenen Jahr waren es sogar eine mehr. Relativ konstant ist zudem die Zahl der Mitglieder in der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK). Dort versammeln sich die Vertreter der unterschiedlichen Provinzen, Abteien, Priorate oder selbstständigen Klöster aller Orden. Die männlichen Orden entsenden derzeit 105 Mitglieder. Vor zehn Jahren zählte die DOK 111 Vertreter.

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Die Zisterzienserabtei Himmerod in der Eifel soll nach fast 900 Jahren aufgelöst werden. Was sind die Gründe dafür? Und wie geht es nun weiter? Katholisch.de beantwortet die wichtigsten Fragen. (Artikel von Oktober 2017)

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Dem steht die eindeutig negative Entwicklung bei der Gesamtzahl der Ordensleute selbst gegenüber. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der Ordensmänner von 5.345 auf 4.029 zurückgegangen. Diese lebten zuletzt in 428 Niederlassungen in Deutschland. Im Jahr 2006 waren es noch 86 oder 17 Prozent mehr. Das bedeutet jedoch auch, dass die durchschnittliche Zahl der Bewohner an jedem dieser klösterlichen Orte sich kaum verändert hat. Kurz gesagt: Die Kongregationen werden weniger, aber nicht unbedingt kleiner.

Bei den weiblichen Ordensgemeinschaften fällt zunächst der gravierende Rückgang in den Mitgliederzahlen auf. Von 25.199 im Jahr 2006 auf zuletzt 15.923. Parallel dazu wurde fast die Hälfte ihrer ehemals 2.500 Niederlassung geschlossen. Dabei sind diese durchschnittlich sogar gewachsen: 12 Ordensfrauen lebten laut der jüngsten Erhebung in einem Konvent, zwei mehr als noch vor zehn Jahren. Zugleich hat sich die Zahl der weiblichen DOK-Vertreterinnen ebenfalls kaum verändert. Im Vergleich zu aktuell 315 verzeichnete die Statistik für 2006 "ca. 320" Oberinnen. Getreu dem Sprichwort "nicht einmal der liebe Gott kennt die Zahl der Frauenorden" können auch kirchliche Stellen darüber keine verlässlichen Angaben machen.

Ebenfalls nicht beziffern lassen sich die Gründe, die zur Schließung von Klöstern führen. Denn der Rückgang der Mitgliederzahlen ist nicht das einzige Problem, mit dem die Orden oft zu kämpfen haben. Erschwerend hinzu kommt das steigende Durchschnittsalter in den  Konventen. Und häufig spielt nicht zuletzt die finanzielle Situation in den Beschluss zur Auflösung hinein. So auch in Himmerod: "Die wirtschaftlich angespannte Situation, aber vor allem die geringe Zahl der Mönche, waren entscheidend für diesen schweren Schritt", erklärte der scheidende Abt Johannes Müller den Beschluss zur Auflösung. Bereits vor sechs Jahren hatte das Kloster Insolvenz anmelden müssen, nachdem die Wirtschaftsbetriebe tiefrote Zahlen schrieben.

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Diese ernüchternde Bilanz gehört zur Realität des Ordenslebens in Deutschland. Aber sie stellen eben nicht die ganze Wirklichkeit dar. Denn wo es Abbrüche gibt, wird oft genug auch Platz für Neuanfänge geschaffen, die in der Statistik nicht unbedingt sichtbar sind. Ein Beispiel dafür ist das Kloster Hermeskeil bei Trier. Nach fast einem Jahrhundert hatten die Franziskaner den Ort vor einem Jahr verlassen, was jedoch bei Bürgern vor Ort für Unmut sorgte. Ein Förderverein "Klösterchen Hermeskeil" bemühte sich seit Sommer 2016 darum, den spirituellen Ort zu erhalten. Und ihr Engagement hatte Erfolg: Seit Ende September wird das Kloster wieder als Geistliches Zentrum genutzt, dieses Mal von Frauen. Drei Franziskanerinnen aus unterschiedlichen Kongregationen sind in Hermeskeil eingezogen und bilden dort eine neue Kommunität.

Auch Triers Bischof Stephan Ackermann versicherte bereits jetzt, dass die Abtei Himmerod auch nach dem Weggang der Zisterzienser als geistliches Zentrum erhalten werden solle. Einer der sechs verbliebenen Mönche will vor Ort wohnen bleiben und sich unter anderem um die Gäste vor Ort kümmern. Vier seiner Mitbrüder werden umziehen und an anderen Orten das geistliche Leben stärken.

Nach langem Schweigen wird über Probleme gesprochen

Und inmitten der Abbrüche der deutschen Klosterlandschaft gibt es noch mehr Neues. Denn im Gegensatz zu früheren Jahren gilt das Ende einer Gemeinschaft nicht mehr nur als beklagenswerte Katastrophe, sondern wird professionell begleitet. So unterhält die DOK ein "Netzwerk alternde Orden" das etwa Workshops zur Organisation von Klöstern und der Auslagerung von Aufgaben durchführt. Wie wichtig dieses Angebot ist, erklärte Benediktinerschwester Johanna Domek, eine der Beauftragten des Netzwerks, im Gespräch mit katholisch.de im vergangenen Jahr. Als sie im Jahr 1991 die erste Klosterauflösung erlebte, habe noch niemand gewusst, was er sagen soll. "Heute sprechen wir darüber", sagte sie. Und auch wenn viele Gemeinschaften wohl nicht freiwillig an den Workshops teilnehmen, konnte Domek dem dennoch etwas Positives abgewinnen: "Zum Handeln gezwungen sind plötzlich Öffnungen möglich, die früher unvorstellbar waren."

Von Kilian Martin

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Innerhalb von 50 Jahren ist die Zahl der Ordensfrauen um 85 Prozent gesunken, die meisten sind älter als 65. Pater Franz Meures SJ beschreibt, was die Überalterung für die Orden bedeutet. (Artikel von Januar 2017)

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