Was wird aus den Orden?

Innerhalb von 50 Jahren ist die Zahl der Ordensfrauen um 85 Prozent gesunken, die meisten sind älter als 65. Pater Franz Meures SJ beschreibt, was die Überalterung für die Orden bedeutet.

Orden | Frankfurt - 31.01.2017

Wer immer sich bei Orden und Klöstern ein wenig auskennt, kann seit Jahren einen dramatischen Rückgang des Ordenslebens, fast ein Verschwinden verfolgen. Derartiges hatte es seit 200 Jahren nicht mehr gegeben. Damals, in der Zeit der Aufklärung, hatten staatliche Eingriffe – genannt Säkularisation – den meisten Orden ihre wirtschaftliche Grundlage entzogen, und die Orden, Klöster und Kongregationen schmolzen auf einen kleinen Rest zusammen. Doch der Geist, in einem Orden für Gott und die Menschen zu leben, wirkte weiter, und so kam es im 19. Jahrhundert zu vielen Neugründungen und Neuaufbrüchen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts gab es bei den Orden – was die Zahl der Mitglieder, der Niederlassungen und der Einrichtungen und Werke betrifft – einen Höchststand.

Doch seit 1965 sinken die Zahlen rasch und kontinuierlich und erreichen von Jahr zu Jahr neue Tiefstände. Seit nunmehr fünf Jahren arbeite ich für den Dachverband der katholischen Orden in Deutschland, für die "Deutsche Ordensobernkonferenz" (DOK). Ich leite das Fortbildungsinstitut dieses Dachverbandes, genannt RUACH – das bedeutet "Gottes Geist" oder "Lebensatem". In dieser Arbeit beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem Zukunftspotential der Orden, also jenen Schwestern, Patres und Brüdern, die das Heute und Morgen in den Orden gestalten. Zugleich bin ich täglich konfrontiert mit dem "noch", das heißt mit dem grundlegenden Gefühl eines Abschieds und einer großen Ungewissheit, ob und wie es weitergehen kann.

Rückgang um 81,5 Prozent bei den Frauen

Vor gut 50 Jahren, also kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, hatten die Frauenorden in Deutschland (Ost und West) etwas mehr als 90.000 Mitglieder. Die Zahl der Neueintritte ging seitdem drastisch zurück, was zur Überalterung aller Gemeinschaften geführt hat. Am 31. Dezember 2015 lag die Zahl der Ordensfrauen in Deutschland bei 16.688. Das sind 18,5 Prozent im Vergleich zu den Zahlen von 1965, also ein Rückgang um 81,5 Prozent. Seit Jahren sterben etwa 1.000 Ordensfrauen im Jahr, was bei den derzeitigen Mitgliederzahlen einen Schwund von etwa 6 Prozent pro Jahr bedeutet. Die Zahl der Novizinnen aller Frauenorden lag Ende 2015 bei 74, das sind 0,44 Prozent der Gesamtzahl ihrer Mitglieder. Im Jahr 1965 gab es circa 3.000 Novizinnen, das waren damals 3,33 Prozent der Mitglieder. Heute sind rund 84 Prozent der Ordensfrauen in Deutschland über 65 Jahre alt, 16 Prozent sind unter 65 Jahre, das sind etwa 2.700 Ordensfrauen. Nicht wenige von diesen sind in den vergangenen 30 Jahren aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen.

Der Jesuitenpater Franz Meures ist seit Januar 2012 der Leiter des Bildungswerks der Orden RUACH. Zuvor war der Theologe und Psychologe Rektor des Germanikums in Rom.
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Bei den Männerorden lag die Mitgliederzahl 1965 bei ungefähr 11.000. Auch bei den Männern gingen die Eintritte und Mitgliederzahlen sehr stark zurück, so dass sie am 31. Dezember 2015 insgesamt 4.186 Mitglieder hatten. Das sind 38 Prozent im Vergleich zu den Mitgliedern von 1965, ein Rückgang um 62 Prozent. Ende 2015 waren bei den Männerorden 44 Prozent der Mitglieder unter 65 Jahre alt, 56 Prozent über 65 Jahre. Es gibt also derzeit circa 1.840 Ordensmänner unter 65 Jahren in Deutschland. Die Zahl der Novizen betrug Ende 2015 insgesamt 45, die Novizen machten gegenüber allen Mitgliedern etwa 1 Prozent aus. Die zeigt, dass auch bei den Männerorden ein erheblicher Rückgang zu verzeichnen ist, aber ein nicht ganz so dramatischer wie bei den Frauenorden.

Die konkreten Auswirkungen dieser numerischen Entwicklung sind bestens bekannt: Immer mehr Ordensniederlassungen werden geschlossen, darunter auch traditionsreiche Klöster wie das Benediktinerkloster Michaelsberg in Siegburg. Die Bevölkerung reagiert auf die Schließungen manchmal mit heftigen Protesten. Zugleich haben die Orden in den vergangenen Jahrzehnten den größten Teil ihrer Werke und Einrichtungen in andere Hände gegeben. Viele Krankenhäuser von Schwestern- oder Brüdergemeinschaften erhielten einen neuen Träger oder wurden in kirchliche Stiftungen überführt. Ordenshochschulen und Bildungswerke wurden geschlossen. Viele Ordensschulen und -kindergärten wurden den Schulwerken der Diözesen übergeben oder in eine neue Trägerschaft überführt. Manche Schulen wurden ganz geschlossen. Viele kleine Dienste und Apostolate der Orden sind gänzlich verschwunden.

Was bedeutet das für die Orden selbst?

Dies ist ein sehr schmerzhafter Prozess für die Orden. Da haben sich einmal junge Leute vom Ruf Christi begeistern lassen, haben ihr Leben eingesetzt im Gebet und in der Arbeit für die Menschen und leben nun in einer überalterten dahin schmelzenden Gemeinschaft. Der Rückzug aus den eigenen Werken hat bei vielen Ordensleuten Wunden geschlagen und Narben hinterlassen. Manche Ordensleute sind noch einmal neu aufgebrochen und haben mit viel Engagement neue Dienste übernommen. Andere haben resigniert. Es kursiert das Wort: "Gott hat uns gerufen. Wir haben unseren Dienst getan. Nun dürfen wir gehen." Dies spricht von einer Annahme des Sterbeprozesses.

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Zum ersten Mal betrifft das Sterben ganze Gemeinschaften: Zahlreiche Orden in Deutschland sind massiv überaltert und in ihrer Existenz bedroht. Da sind kreative Lösungen dringend gefragt.

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Seit 20 bis 30 Jahren gibt es große Anstrengungen in der Berufungspastoral der Orden. Doch was in den Orden geschieht, vollzieht sich ja inzwischen im ganzen kirchlichen Leben unseres Landes: Wir verzeichnen einen starken Rückgang der Teilnahme. Nur noch selten tauchen junge Leute in den Pfarrgemeinden und Verbänden auf. Der Grundwasserspiegel des Glaubens ist erheblich gesunken. Auch die Zahl der Priesteramtskandidaten in den Diözesen ist so niedrig wie seit Menschengedenken nicht. So ist es heute eine große Herausforderung, um Ordens- und Priesternachwuchs zu werben. Es ist eine Arbeit auf hartem Acker. Und nicht zuletzt können wir mit menschlichen Kräften keine Berufungen "machen" - es ist ja Gott selbst, der einen Menschen in seinen Dienst ruft.

Die auf den Kopf gestellte Alterspyramide in den Ordenskonventen wird zu einer großen Belastung der wenigen "Jüngeren". Wenn in einem Konvent mit 35 Schwestern nur drei unter 70 Jahre alt sind – die jüngste von ihnen 61 Jahre -, dann kommt es zu einem gewaltigen Spagat. Denn einerseits gibt es die natürliche Erwartung, dass die Jüngeren sich um die Älteren kümmern. Dann aber wäre jeder apostolische Dienst nach außen beendet. Wenn jedoch die wenigen "Jüngeren" weiterhin nach außen hin wirken, sind neue Wege zu finden, wie die Versorgung der Alten gesichert werden kann. Inzwischen sind sehr viele Laienkräfte in der Versorgung und Pflege von alten Ordensleuten tätig. Mancherorts hat bereits eine Laienkraft die Leitung solcher Konvente übernommen, da von Seiten des Ordens niemand mehr für einen solchen Dienst zur Verfügung steht.

Zugleich führt diese neue Situation dazu, dass die Orden – mehr als früher – miteinander arbeiten und füreinander sorgen. In manchen großen Werken und Einrichtungen arbeiten die Mitglieder mehrerer Frauen- und Männerorden inzwischen unter einem Dach. Hier und da starten mehrere Orden ein neues, gemeinsames Projekt. Einige Orden haben sich aufgemacht – trotz der wenigen Mitglieder – neue apostolische Projekte zu starten, etwa in sozialen Brennpunkten oder in einem Hospiz. Nicht wenige Ordensschwestern, die früher in der Krankenpflege tätig waren, arbeiten nun im Alter als Krankenhausseelsorgerinnen.

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Pater Stephan Reimund Senge (83) ist Zisterzienser in der Abtei Himmerod. Er lebt dort seit 58 Jahren und ist, wie er sagt, "verrückt nach Gott".
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Bei mehreren Orden, die wegen der Überalterung nicht mehr in der Lage sind, selbständig ihre Gemeinschaft zu leiten, sind inzwischen Lösungen gefunden worden. So sind einige zum Beispiel mit den verbliebenen Mitgliedern in das Haus einer anderen Ordensgemeinschaft eingezogen. Der Dachverband der Orden hat vor einigen Jahren das "Netzwerk alternde Orden" gegründet, dazu auch Personal angestellt, und versucht nun, für und mit den Orden, die nicht mehr auf eigenen Beinen stehen können, andere Lösungen zu finden, damit diese Ordensleute in Frieden und gesichert ihre letzten Jahre verbringen können. Im Bildungswerk der Orden (RUACH) bieten wir immer neue Kurse und Workshops an, um gemeinsam nach Lösungen für alternde und sterbende Orden zu suchen.

Die Zukunft der Ordensgemeinschaften

Wie geht es weiter? Diese Frage ist eigentlich eine Glaubensfrage. Wird Gott auch in Zukunft Menschen zum Ordensleben berufen? Ich bin zuversichtlich. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es immer wieder Neuaufbrüche des Ordenslebens. Im 19. Jahrhundert haben die vielen neuen Orden und Kongregationen Antwort gegeben auf große soziale Nöte, auf die mangelhafte medizinische Versorgung, auf den Mangel an Schulen. Diese Aufgaben haben längst andere übernommen. Für die Orden gilt es, die Zeichen der Zeit neu zu verstehen und sich der Frage zu stellen: Zu welchem Beitrag sind wir heute durch die gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen herausgefordert? Es ist davon auszugehen, dass es 2030 im Vergleich zu 1965 nur noch sehr wenige Ordensleute und Ordenshäuser geben wird. Ein Großteil derer, die zwischen 1920 und 1960 eingetreten sind, wird gestorben sein. Insofern werden die wenigen "jüngeren" Ordensleute nicht mehr – wie heute – in völlig überalterten Gemeinschaften leben, sondern sie werden zumeist in kleinen Gruppen in unserer Gesellschaft und unserer Kirche präsent sein. Es ist schwer vorauszusagen, wo und wie dies sein wird. Ich wage es, dennoch einige Umrisse anzudeuten, wie die Ordenslandschaft dann wohl aussehen könnte:

Einige Klöster der alten Orden werden weiterbestehen. Die apostolischen Orden werden wohl hauptsächlich in den Städten zu finden sein – in pastoralen, geistlichen oder karitativen Zentren. Vielleicht sind einige größere Institutionen noch in Händen von Orden, das ein oder andere Krankenhaus, einige Schulen, vielleicht auch eine Hochschule oder ein Bildungszentrum. Es könnte durchaus sein, dass kleinere Kongregationen aus derselben Ordensfamilie miteinander fusionieren. Die Orden werden mehr zusammenarbeiten, und es könnte sein, dass es auch in der Ökumene Fortschritte gibt im Kontakt mit Orden aus anderen christlichen Kirchen. Die Orden in Deutschland hatten immer eine große Bedeutung für die Weltkirche. Der Umfang der Hilfen wird wohl abnehmen, die Unterstützung aber wird bleiben. Und es wird weiterhin einige mutige junge Leute geben, die es wagen, um der Nachfolge Christi willen in einen Orden einzutreten.

Von Pater Franz Meures SJ

Hinweis

Dieser Text erschien zuerst in "GEORG - Das Magazin der Hochschule Sankt Georgen" der staatlichen anerkannten wissenschaftlichen Hochschule in kirchlicher Trägerschaft in Frankfurt am Main. Pater Franz Meures ist seit Januar 2012 der Leiter des Bildungswerks der Orden RUACH. Zuvor war der Jesuit Rektor des Germanikums in Rom.

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