"System der Angst" unter Ratzinger

Bei Proben sei er "unerbittlich" gewesen. Danach habe Domkapellmeister Georg Ratzinger "der sanftmütigste Mensch der Welt" sein können, sagt Nachfolger Roland Büchner. Er geht auch mit sich selbst hart ins Gericht.

Domspatzen | Regensburg/Hamburg - 19.07.2017

Der Regensburger Domkapellmeister Roland Büchner (63) hat sich zu eigenen Versäumnissen im Umgang mit den Übergriffen bei den Regensburger Domspatzen bekannt. "Ich bereue, dass ich nicht offensiv auf die Opfer zugegangen bin und nicht noch stärker auf umfassende Aufklärung gedrängt habe", sagte der Chorleiter der Wochenzeitung "Die Zeit" (Donnerstag). Büchner übernahm sein Amt 1994 von Georg Ratzinger, dem älteren Bruder des emeritierten Papst Benedikt XVI.

Der Musiker sagte, keiner seiner eigenen Schüler, aber ehemalige hätten sich ihm schon vor dem Skandaljahr 2010 anvertraut. "Was sie erzählten, konnte einen fertig machen - auch weil ich selber Vater eines Domspatzen bin." Dieser habe als Knabenstimme in Ratzingers Chor gesungen, aber nie von gewalttätigen Übergriffen des Geistlichen berichtet.

Zwischen Unerbittlichkeit und Sanftmut

Zu seinem Amtsvorgänger sagte Büchner, er habe ihn "als herausragenden Musiker erlebt, der impulsiv, ja fanatisch sein konnte, wenn er seine Vorstellungen von musikalischer Qualität durchsetzte". Bei Proben sei der Bruder von Benedikt XVI. "unerbittlich" gewesen. Danach habe er "der sanftmütigste Mensch der Welt" sein können. "Manche Schüler sahen ihn als Vorbild, andere fürchteten ihn als Schläger." Es habe "ein System der Angst" geherrscht. "Das muss ans Licht, auch wenn es weh tut."

Georg Ratzinger (rechts) behauptete im Januar 2016, dass es kein "System der Angst" gegeben habe. Dem widersprechen Rechtsanwalt Ulrich Weber und der jetzige Domkapellmeister Roland Büchner.
 KNA

Ab 2001 habe sich bei den Domspatzen eine Arbeitsgruppe mit Prävention befasst. "Sie sollte bewirken, dass wir Kindern besser zuhören, rechtzeitig Anzeichen für Gewalt erkennen." Von den Betroffenen habe er, Büchner, gelernt, "wie lange es dauern kann, bis man über erlittene Gewalt spricht". Ihm selber helfe es, wenn er Anteilnahme zeigen könne. "Und für manche Betroffene ist es ein Trost, dass es heute bei den Domspatzen anders läuft."

Am Dienstag hatte der vom Bistum Regensburg beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber seinen Abschlussbericht zur Aufarbeitung der Missbrauchsfällle bei den Domspatzen vorgestellt. Darin beziffert der Rechtsanwalt die Zahl der "hoch plausiblen" Opfer auf 547. Gleichzeitig sagte er aber auch, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von rund 700 Opfern aus. Schwerpunktmäßig haben sich die Taten laut Bericht in den 1960er und 1970er Jahren ereignet. Bis 1992 sei durchgängig von körperlicher Gewalt berichtet worden.

Ratzinger widersprach den Vorwürfen 2016

Unter anderem werden in dem Bericht auch Vorwürfe gegen Georg Ratzinger (93) erhoben, der den Chor von 1964 bis 1994 leitete. Insbesondere "Domkapellmeister R." sei sein "Wegschauen" und fehlendes Einschreiten "trotz Kenntnis" vorzuwerfen, heißt es.  "Pflichtverstöße" der Eltern und "Versäumnisse" der kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden hätten mit dafür gesorgt, dass keine Maßnahmen gegen die Gewalt ergriffen worden seien.

Ratzinger selbst hatte der Behauptung, bei den Domspatzen habe ein "System der Angst" geherrscht, noch im Januar 2016 energisch widersprochen. Dem Bayerischen Rundfunk sagte er damals über die Aufarbeitung: "Diese Kampagne ist für mich ein Irrsinn. Es ist einfach Irrsinn, wie man über 40 Jahre hinweg überprüfen will, wie viele Ohrfeigen bei uns verteilt worden sind, so wie in anderen Einrichtungen auch." Noch am selben Tag ließ die Diözese dann jedoch verlauten, Ratzinger halte es für richtig, "alle Beschuldigungen rückhaltlos aufzuklären". Ebenso begrüße er es, dass diese Aufgabe einem Rechtsanwalt übertragen sei, der unabhängig vom Bistum arbeite. (bod/KNA)

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