Unbequemer Mahner - Heiner Geißler ist tot

Mit dem früheren Jesuiten verliert Deutschland einen eloquenten Denker. Aus dem umstrittenen CDU-Generalsekretär wurde im Alter ein geschätzter Vermittler. Jetzt ist Geißler im Alter von 87 Jahren gestorben.

Trauer | Rodalben - 12.09.2017

Streit anzetteln und Streit schlichten - Heiner Geißler konnte beides, und er konnte beides sehr gut. Nun ist der langjährige Generalsekretär der CDU, Stuttgart-21-Schlichter und Attac-Unterstützer im Alter von 87 Jahren gestorben. In seinem Denken und Handeln blieb Geißler, der sich mit zunehmendem Alter von Positionen seiner Partei entfernte und eher linke Standpunkte vertrat, klar und unabhängig. Geißler selbst meinte indes nicht, dass sich seine Überzeugungen im Lauf seines Lebens wesentlich geändert hätten.

Als "Hau-Drauf" bekannt

Zwei Jahrzehnte lang vermittelte er in Tarifauseinandersetzungen und mühte sich auch, im Konflikt um das Bahnprojekt Stuttgart 21 die Wogen zu glätten - was ihm trotz der aufgeheizten Stimmung teilweise gelang. Doch lange Zeit war Geißler weniger als Gegner von Turbokapitalismus und Neoliberalismus, sondern als Hau-Drauf bekannt. Legendär ist sein Vorwurf, die SPD sei die "fünfte Kolonne" Moskaus. Und für bundesweite Empörung sorgte sein Vorwurf, "ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen".

Willy Brandt warf Geißler 1985 vor, der "schlimmste Hetzer seit Goebbels" zu sein. Rückblickend begründete der promovierte Ex-Richter seine häufig harschen Äußerungen mit Rollenzwängen: "Ich war zwölf Jahre lang Generalsekretär, und in dieser Funktion muss man die Speerspitze sein." Sein politisches Engagement sah der Katholik durch Elternhaus, Schule und das Noviziat bei den Jesuiten geprägt - vier Jahre lang gehörte Geißler dem Orden an. Die ideellen Werte, die er dort erlernt habe, habe er in die Politik mitgenommen: Politik sei Berufung; der Beruf des Politikers vergleichbar dem des Priesters.

Das Emblem der Jesuiten über der Hauptkirche des Ordens Il Gesú in Rom.
Dem Jesuitenorden gehörte Heiner Geißler vier Jahre lang an.
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Geißler war Sozialpolitiker mit Ehrgeiz: Als Minister setzte er von 1967 bis 1977 in Rheinland-Pfalz das erste Kindergartengesetz durch, führte Sozialstationen ein und erregte Mitte der 70er Jahre Aufsehen mit seinem Buch über die "Neue Soziale Frage". Damit wollte er die Situation derer verbessern, deren soziale Sicherung nicht unmittelbar aus einem Arbeitsverhältnis abgeleitet oder deren Interessen nicht durch Verbände und Gewerkschaften vertreten wurden. Gemeint waren Rentnerinnen, Familien oder Studenten.

Als CDU-Generalsekretär von 1977 bis 1989 und als Bundesminister für Familie, Jugend und Gesundheit von 1982 bis 1985 war der passionierte Bergsteiger und Gleitschirmflieger, der sich 1992 bei einem Absturz schwer verletzte, Vordenker und Modernisierer: So bereitete er dem Erziehungsurlaub und der Anrechnung von Erziehungsjahren in der Rentenversicherung den Weg. Das führte aber auch zu Streit um das Familien- und das Frauenbild der Union.

An die 20 Bücher veröffentlichte Geißler und befasste sich dabei mit der Modernisierung der Gesellschaft, aber auch mit der katholischen Soziallehre und der Bibel. Seine letzte größere Publikation erschien 2017. Darin setzte er sich äußerst kritisch und scharf mit der christlichen Theologie und der Frage eines Lebens nach dem Tod auseinander. Er verlangte von den Kirchen, "ehrlich zu sein und zu sagen: Wir wissen nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, aber wir hoffen darauf, und wer nicht an Gott glauben kann, ist kein Sünder".

Nach eigenem Bekunden war der gelernte Jurist mehr ein Zweifler als ein Glaubender. Ob Gott existiere, so Geißler, wisse kein Mensch, "das weiß auch der Papst nicht". Zugleich betonte er: "Ich glaube an das Evangelium und an Jesus." Der dreifache Vater, der in der Pfalz lebte, war auch in seinen letzten Jahren vielfach öffentlich präsent. Er gab Interviews, äußerte sich zu aktuellen Themen und ließ sich bei Veranstaltungen im Bistum Speyer blicken.

Ein Mahner seiner Partei

Nicht mehr blicken ließ er sich im gut 60 Kilometer entfernten Ludwigshafen-Oggersheim - bei Helmut Kohl. Zu dessen Beisetzung in Speyer war er allerdings gekommen. Unterschiedliche Auffassungen und Charakterstrukturen hatten seit Mitte der 1980er Jahre zu Konflikten und schließlich zum Bruch geführt. Das hinderte Geißler nicht, ein Mahner seiner Partei zu bleiben. Er wollte die CDU als Volkspartei neuen Typs und eine Programmatik, die den Kapitalismus so zähmt, dass er die Demokratie nicht frisst. "Was wir dringend brauchen, ist mehr Verantwortung bei allen, die Macht und Einfluss haben. Freiheit ist nicht wichtiger als Gerechtigkeit. Beide sind gleichwertig." Und für beides stand Geißler.

Von Michael Jacquemain (KNA)

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