Was Katholiken und Protestanten trennt

Als ökumenisches "Christusfest" sollte das Reformationsgedenkjahr begangen werden. Doch es bestehen nach wie vor trennende Unterschiede bei zentralen Fragen des Glaubens. Katholisch.de erklärt sie.

Ökumene | Bonn - 27.10.2017

Im Reformationsjahr wurde zu offiziellen Anlässen ausführlich die Annäherung zwischen Katholiken und Protestanten in kontroversen theologischen Fragen gewürdigt. Die bestehenden Unterschiede behandelten die meisten Jubiläumsredner hingegen nur knapp. Oft waren Kurzformeln wie "Differenzen im Verständnis von Amt und Kirche" zu hören. Doch nun geht das Reformationsjahr zu Ende und die Frage ist: Über welche theologischen Streitpunkte müssen sich Katholiken und Protestanten einigen? Katholisch.de skizziert entscheidende Unterschiede zwischen Katholiken und Lutheranern.

Die Frage nach dem kirchlichen Amt

Ein tiefgreifender Unterschied zwischen Katholiken und Lutheranern ist nach wie vor das Verständnis vom kirchlichen Amt. Strittig unter den Konfessionen ist vor allem die Definition des Priesteramtes. Protestanten und Katholiken teilen zwar die Auffassung vom "Priesteramt aller Gläubigen". Damit bringen beide zum Ausdruck, dass alle Christen durch die Taufe Anteil am "Priestertum Jesu Christi" gewinnen.

Nach katholischer Auffassung besteht zwischen diesem allgemeinen Priestertum der Getauften und den geweihten Priestern jedoch nicht nur ein gradueller, sondern ein qualitativer Unterschied. Der geweihte Priester handelt nach katholischem Verständnis "in der Person Christi". Dieses Amtsverständnis äußert sich vor allem in der Eucharistiefeier. Der geweihte Priester vollzieht nach den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils "in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gottes dar." Die Gläubigen hingegen wirken "an der Darbringung der Eucharistie mit". Sie üben ihr Priestertum durch den Empfang der Sakramente, im Gebet und in der Nächstenliebe aus.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.
Deutliche Unterschiede bestehen im jeweiligen Verständnis vom Bischofsamt: Erzbischof Reinhard Marx hat nach katholischer Auffassung ein anderes Amt inne als Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.
 KNA

Nach evangelischer Überzeugung gibt es einen solchen qualitativen Unterschied zwischen Geweihten und Nicht-Geweihten, Klerikern und Laien, nicht. Eine Weihe kennen die Protestanten nicht. Allerdings ist es keineswegs so, dass in den lutherischen Kirchen jeder alles machen darf. Auch dort wird zwischen dem Priestertum aller Gläubigen und dem "ordinierten Amt" unterschieden. Die Differenz ist hier jedoch nicht qualitativer Art, sondern in erster Linie funktionaler. Aus protestantischer Sicht hat jeder Christ die Möglichkeit, an der Leitung der Gemeinde maßgeblich mitzuwirken und auch die Fähigkeit, sich ein eigenes Urteil über die Lehre zu urteilen. Um eine solche Mündigkeit zu erreichen, bedarf es zuvor jedoch der Verkündigung und Unterweisung durch ordinierte Amtsträger.

Bischöfe und die Apostolische Sukzession

Zugrunde liegt diesem unterschiedlichen Amtsverständnis eine Differenz, die Fremdwort "apostolische Sukzession" verbunden. Dahinter steht die katholische Auffassung, dass die Bischöfe von heute in einer ununterbrochenen rechtmäßigen Nachfolge der ersten Apostel stehen. Bindeglied ist die gültig gespendete Bischofsweihe. Besondere Bedeutung kommt hierbei der Handauflegung des neuen Bischofs durch den weihenden Bischof zu.

Die evangelischen Bischöfe stehen nach dieser Definition außerhalb der "apostolischen Sukzession", weil die Weihekette mit der Reformation unterbrochen wurde. Auch das Verständnis des Bischofsamtes ist ein grundlegend Anderes: es ist in den protestantischen Kirche ein Wahlamt, das zudem mit deutlich weniger Vollmachten ausgestattet ist, als in der katholischen Kirche. Protestantische Kritiker halten dem katholischen Verständnis vor, es verknüpfe die rechte Weitergabe der kirchlichen Lehre und Tradition allein an die Handauflegung. Katholische Theologen weisen demgegenüber darauf hin, dass diese Handlung während der Weihe ein Zeichen sei, jedoch alleine noch keine Garantie für die volle Übereinstimmung mit den Aposteln.



Auch Lutheraner kennen zwar eine "apostolische Sukzession". Sie verstehen diesen Begriff jedoch in einem weiteren Sinne als Kontinuität der gesamten Kirche mit den Aposteln. Eine Verknüpfung mit der Bischofsweihe lehnen sie ab. Im offiziellen lutherisch-katholischen Dialog erklärten die Lutheraner, dass eine Wiederaufnahme der apostolischen Sukzession nur dann sinnvoll erscheine, wenn zuvor die kirchliche Gemeinschaft erreicht sei.

Das Bild von der Kirche

Der zweite grundlegende Unterschied, der eng mit den Auffassungen vom Amt verbunden ist, stellt das Verständnis von Kirche dar. Bis heute prägend für den Protestantismus ist Luthers Auffassung, dass die Kirche im Kern nicht Institution ist, sondern überall dort, wo sich Gläubige versammeln, um das Wort Gottes zu hören. Luther trennt scharf zwischen dieser unsichtbaren Kirche und der sichtbaren Kirche in ihrer konkreten historischen Gestalt. Auch wenn heute auch auf evangelischer Seite oft nicht mehr ganz so strikt zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche getrennt wird, bleibt ein grundlegender Unterschied: Denn nach katholischer Lehre ist die sichtbare Kirche mit ihren hierarchischen Organen untrennbar mit der unsichtbaren geistlichen Gemeinschaft verbunden. Kirche ist daher zwar nicht einfach gleichzusetzen mit der katholischen Kirche in ihrer konkreten Gestalt, aber sie verwirklicht sich nur vollständig in der katholischen Kirche. Außerhalb dieses institutionellen Rahmens könne es daher nur Elemente von Kirche geben, aber keine vollwertigen Kirchen, so die katholische Position.

Eucharistieverständnis und Abendmahl

Die unterschiedlichen Auffassungen von Amt und Kirche sind letztlich auch der entscheidende Grund dafür, dass die katholische Kirche derzeit keine Möglichkeit für eine Interkommunion sieht, also den wechselseitigen Empfang von Kommunion und Abendmahl durch Katholiken und Protestanten. Das Abendmahl kann sie nicht anerkennen, weil nach katholischer Lehre nur ein geweihter Priester "in Person Christi" die Eucharistie feiern kann. Und weil die Eucharistie nach den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist", ist ihr Empfang durch Protestanten aus katholischer Sicht erst dann möglich, wenn die vollständige kirchliche Einheit erreicht ist.

Weniger gravierend und nicht mehr kirchentrennend erscheinen heute hingegen die Differenzen im Verständnis der Wandlung von Brot und Wein. Wie Katholiken glauben auch Lutheraner an die reale Gegenwart Jesu Christi während des Abendmahls. Nach katholischer Lehre wird die Substanz von Brot und Wein im Unterschied zur evangelischen Auffassung jedoch vollständig und dauerhaft in Leib und Blut Christi verwandelt. Daher werden gewandelte Hostien in katholischen Kirchen im Tabernakel aufbewahrt.

Der Papst und seine Vorrangstellung

Das größte Hindernis im ökumenischen Dialog sei der Papst selbst, bekannte Papst Paul VI. einmal freimütig. Protestanten lehnen Jurisdiktionsprimat und Unfehlbarkeit des Papstes ab. Nach katholischer Auffassung ist das Papsttum eine göttliche Einsetzung. Jesus hat Petrus demnach mit seinem Ausspruch "Du bist der Felsen, auf den ich meine Kirche bauen will" als ersten Papst eingesetzt. Allerdings wird diese Einsetzung heute nicht mehr in einem engeren historischen Sinne verstanden. Lutheraner könne anerkennen, dass Petrus sowohl zu Jesu Lebzeiten als auch nach der Auferstehung eine Vorrangstellung unter den Aposteln hatte. Eine exklusive Vorrangstellung des Petrus und einen personengebundenen Primat lehnen sie jedoch ab.

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"Das war kein Kuschelkurs", meint Bischof Gerhard Feige. Der Ökumene-Bischof zieht zum Ende des Reformationsgedenkjahres Bilanz und gibt einen Ausblick.
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Johannes Paul II. hatte zu einem Dialog über das Papstamt aufgerufen. In seiner Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" bekundete er 1995 den Willen, "eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet". Dafür gibt es verschiedene Vorschläge von katholischer Seite: Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger schlug 1982 im Dialog mit den orthodoxen Kirchen vor, das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes im Lichte der Lehre und Praxis des ersten Jahrtausends zu interpretieren, also einer Zeit, die Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat in der heutigen Form noch nicht kannte. Der Jesuit Karl Rahner plädierte dafür, der Papst solle sich selbst in seiner rechtlichen Kompetenz beschränken und auf Macht verzichten. Der Tübinger Theologe Hans Küng fordert einen "Pastoralprimat". Demnach soll der Papst weitgehend auf seine traditionellen Rechte verzichten und das Petrusamt durch evangeliumsgemäßes Handeln als oberster Seelsorger und Diener ausüben. Konsensfähig ist keiner dieser Vorschläge innerhalb der katholischen Kirche.

"Volle Einheit" oder "versöhnte "Verschiedenheit"?

Differenzen gibt es jedoch zwischen Katholiken und Protestanten nicht nur in inhaltlichen Fragen. Auch darüber, wohin der offizielle ökumenische Dialog überhaupt führen soll, welches Endziel erstrebenswert ist, herrscht Uneinigkeit: Aus katholischer Sicht muss das Ziel aller Gespräche letztlich die "vollständige und sichtbare Einheit" sein. Das heißt nicht, dass die Protestanten unter Aufgabe ihrer kompletten Traditionen und Riten einfach der katholischen Kirche beitreten sollen. Aber es bedeutet, dass Katholiken und Protestanten auch institutionell eine Kirche bilden. Wie eine solche Einheit in der Praxis aussehen könnte, ist allerdings auch auf katholischer Seite offen. Immer noch gilt, was der deutsche Ökumene-Bischof Gerhard Feige 2014 sagte: „Wir haben in der Ökumene derzeit noch keine klare Vorstellung davon, wie die volle sichtbare Einheit konkret aussehen kann“, Klar sei jedoch, das Einheit nicht einfach Uniformität bedeute. Die protestantische Seite bevorzugte in den vergangenen Jahren vermehrt die Formulierung "versöhnte Verschiedenheit", um das Ziel des ökumenischen Dialogs zu beschreiben. Eine solche ist auch ohne sichtbare Einheit denkbar.

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Die theologischen Unterschiede, die Katholiken und Protestanten heute trennen, sind keineswegs nur akademische Spitzfindigkeiten. Ihre Folgen prägen den konkreten Alltag beider Kirche bis heute. Das erfährt jeder Katholik, der an einem evangelischen Gottesdienst teilnimmt und jeder Protestant, der eine katholische Messe besucht.Ob und inwiefern diese theologischen Unterschiede heute unüberwindlich sind und kirchentrennend sein müssen, wird diskutiert. Karl Rahner bemerkte bereits 1973, dass das ökumenische Gespräch "auf der Ebene der hohen Fachtheologie" mittlerweile "kaum noch wirklich unüberwindliche Kontroverspunkte" kenne, für die nicht zumindest absehbar sein, wie eine Einigung aussehen könne. Eine Ausnahme machte jedoch auch Rahner: die Frage des päpstlichen Primats.

Doch selbst wenn es so wäre: die "hohe Fachtheologie" ist nur ein Akteur im ökumenischen Dialog. Und auch hier gibt es durchaus unterschiedliche Stimmen, die nicht alle Rahners zuversichtliche Einschätzung teilen. Papst Franziskus äußerte sich skeptischer als Rahner über die Erfolgsaussichten fachtheologischer Gespräche: "Wenn wir glauben, dass die Theologen sich einmal einig werden, werden wir die Einheit nach dem Jüngsten Gericht erreichen", sagte er mit Blick auf die Ökumene.

Doch auch auf kirchenamtlicher Ebene und im konkreten Alltag der Gläubigen ist eine Annäherung nicht einfach. Denn die theologischen Unterschiede sind auch Unterschiede in der Glaubenspraxis und im kirchlichen Leben. Ein Abrücken von konfessionellen Positionen zugunsten der Ökumene hätte weitreichende Konsequenzen. Wenn die Priesterweihe in der katholischen Kirche etwa keinen qualitativen Unterschied mehr zu einfachen Gläubigen begründet, dann würde der verpflichtende Zölibat ebenso infrage gestellt wie der heutige Ablauf der Eucharistiefeier. Umgekehrt gilt: Wer könnte sich derzeit vorstellen, dass die Evangelische Kirche in Deutschland Papst Franziskus auch nur als Ehrenoberhaupt oder Sprecher der Christenheit anerkennt?

Von Thomas Jansen

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