"Weil uns die Kirche nicht gleichgültig ist"

1967 wurden die elf Männer im Erzbistum Köln zu Priestern geweiht. 50 Jahre später nehmen sie in einem offenen Brief Stellung zur aktuellen Situation der Kirche. Sie sprechen von Enttäuschungen, Hoffnungen und darüber, warum der Zölibat für sie selten eine spirituelle Quelle war.

Kirche | Köln - 10.01.2017

Im Aufwind des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) haben sie ihr Theologiestudium absolviert. Im Januar 1967 wurden die elf Männer im Erzbistum Köln schließlich zu Priestern geweiht. Das ist nun genau 50 Jahre her. Für die Männer war es deshalb an der Zeit für eine Bestandsaufnahme. In einem offenen Brief, der katholisch.de vorab vorlag, blicken sie auf die Krise des Glaubenslebens in Deutschland und skizzieren Wegweiser in die Zukunft. Dazu zählen unter anderem die Zulassung der Frauen zu den Weiheämtern, die Lockerung des Zölibats und die Möglichkeit der konfessionsübergreifenden Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl.

Die Priester haben in 50 Jahren viel erlebt

"Wir haben diesen Brief geschrieben, weil uns die Kirche nicht gleichgültig ist", sagt Wolfgang Bretschneider. Er ist einer der Unterzeichner des Briefes und Vorsitzender des Cäcilienverbandes. Bis heute hätten er und die zehn anderen Priester sich einmal im Monat getroffen, hätten gemeinsam Exerzitien gemacht und Reisen unternommen. Dabei sei auch die Idee zu ihrem Brief gekommen. "Wir haben zusammengesessen und alle das Anliegen gehabt, bekannt zu machen, wie wir die vergangenen 50 Jahre erlebt haben", sagt Bretschneider. Zu den weiteren Unterzeichnern des Briefes gehören etwa der ehemalige Direktor des Caritasverbandes für die Stadt Köln, Franz Decker, sowie die beiden auch als Autoren geistlicher Bücher bekannten Priester Wilhelm Hoffsümmer und Gerhard Dane.

Der offene Brief beginnt mit einer Bestandsaufnahme. "Als wir uns zum Theologiestudium entschlossen, hatte Papst Johannes XXIII die Fenster der Kirche überraschend geöffnet", heißt es dort. Gemeint ist das Zweite Vatikanische Konzil, das das Ziel hatte, die Kirche an der Schwelle zum neuen Jahrtausend zu erneuern. "Leider nahmen später bei Kirchenmännern in Rom und auch im Kölner Bistum die Ängste zu", heißt es in dem Brief. Bretschneider sagt, dass es kein großes Geheimnis sei, wen man damit meine. "Zum Beispiel Kardinal Joachim Meisner und den späteren Papst Benedikt XVI." Sie hätten Angst davor bekommen, dass sich die Kirche durch zu viele Reformen auflöse und sie nicht kalkulieren könnten, "wohin das 'Schiff Kirche' treibt". Natürlich bestehe die Gefahr, dass Freiheiten auch missbraucht würden, sagt Bretschneider. "Wir hätten uns dennoch mehr davon gewünscht."

Der Kirchenmusiker Wolfgang Bretschneider ist Präsident des Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland.
Der Kirchenmusiker Wolfgang Bretschneider ist Präsident des Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland.
 KNA

Dennoch habe sich die Kirche – oftmals durch die Initiativen der Gemeinden vor Ort – weiterentwickelt, schreiben die Priester. Manches sei heute "selbstverständlich geworden und kirchenamtlich geduldet oder sogar anerkannt, was wir damals nach Kräften unterstützt und befördert haben". Einerseits loben die Geistlichen die Liturgiereform im Nachklang des Konzils, andererseits kritisieren sie, dass es zeitgleich nicht zu einer neuen Auseinandersetzung mit der Bibel gekommen sei. So seien etwa neuere theologische Erkenntnisse über die Heilige Schrift "nicht zum Allgemeingut im Glauben der Christen geworden". Auch bedrücke die Priester, dass die Frage nach Gott bei vielen Menschen hierzulande kein Thema mehr sei und außerhalb der "Erstkommunion-Saison" kaum noch Kinder und junge Familien zum Gottesdienst kämen.

Gegenwärtige Situation birgt auch Chancen

Aber die gegenwärtige Krise im Glaubensleben der Kirchen berge auch Chancen, sind sich die Priester sicher. Dazu brauche die Kirche jedoch eine neue Sprache und neue Bilder, die mit der Bibel in Zusammenhang gebracht werden müssten. Darüber hinaus plädieren sie dafür, "die Geistesgaben von Männern und Frauen walten zu lassen und nicht durch Kirchengesetze in Schranken zu halten". Laut Bretschneider würden Frauen in der Kirche noch immer an den Rand gedrängt. "Auch wenn der Papst oder einige deutsche Bischöfe jetzt vermehrt auf Frauen in Führungspositionen setzen", sagt er.

Münden sollte dieser Einsatz laut den Priestern in "mutige Vorstöße in der Zulassungsfrage zu den Weiheämtern". Es habe keinen Sinn, den Heiligen Geist ständig um Berufungen zu bitten und gleichzeitig alle Frauen von diesen Ämtern auszuschließen. "Wir sind uns einig, dass wir die Seelsorge nur dann retten können, wenn es zu einer Öffnung kommt", erklärt Bretschneider die entsprechende Passage des Briefes. In diesem Zusammenhang beklagen die Priester auch das Prinzip der Großpfarrei, das "in jeder Hinsicht eine Zumutung" sei. Die zunehmende Anonymisierung und Vereinzelung in der Gesellschaft werde kirchlich noch gefördert, anstatt dem entgegen zu wirken. "Außerdem besteht die große Gefahr, dass die noch verbliebenen Priester hier verheizt werden", so Bretschneider.

Die Gnadengaben von Frauen würden in der Kirche noch immer nicht gut genug genutzt, bemängeln die Priester.
 KNA

Mit Blick auf die Ökumene brauche man "Furchtlosigkeit und Vertrauen darauf, dass der Herr hoch über unseren konfessionellen Querelen steht". Die Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl steht in den Augen der Priester "in der Verantwortung der getauften Christenmenschen".

Setzt der Zölibat keine spirituellen Quellen frei?

Letztlich bringen die elf Priester als unmittelbar Betroffene auch den Zölibat erneut auf das Tableau. Sie bewege die Erfahrung von Einsamkeit. "Als alternde Ehelose bekommen wir sie – von Amts wegen damals auferlegt – jetzt nach 50 Dienstjahren manchmal deutlich zu spüren", schreiben sie. Der Zölibat, verbunden mit dem Leben einer Klostergemeinschaft, vermöge große Kräfte freizusetzen. Verbunden mit dem "Modell alleinstehender Mann" führe er dagegen immer wieder zu fruchtloser Vereinsamung und hilfloser Arbeitshetze. "Eine spirituelle Quelle in der Seelsorge setzt er selten frei", resümieren die Priester.

"Betrachtet man die Entstehung des Zölibats, war er immer an eine Form von Gemeinschaft geknüpft – im Orden oder unter Priestern", sagt Bretschneider. Daher plädiere man für eine Abschaffung des Pflichtzölibats. Einen Anlass zum Nachdenken bietet laut offenem Brief ein Bibelzitat: "Der Bischof soll ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet,…" (1Tim 3,2). Ob man mit dem Brief etwas ändern könne, wisse Bretschneider nicht. "Wir hoffen aber, dass sich die Verantwortlichen zumindest Gedanken machen."

Von Björn Odendahl

Die Autoren des Briefes

Die Autoren des Briefes sind die Priester Wolfgang Bretschneider, Hans Otto Bussalb, Gerhard Dane, Franz Decker, Günter Fessler, Willi Hoffsümmer, Winfried Jansen, Fritz Reinery, Josef Ring, Josef Rottländer, Heinz Schmidt. Zum erweiterten Kreis des "Weihejahrgangs 1967" zählen sich außerdem: Klaus Kümhoff, Erhard März, Horst Pehl, Josef Rosche.

Zum Brief

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017