Frage: Herr Herkert, nehmen Lesben und Schwule – vor dem Hintergrund, dass die Kirche ihre Sexualität nicht als gleichwertig anerkennt - die Seelsorgeangebote überhaupt an?

Herkert: Es gibt viele homosexuelle Menschen, die sehr leidvolle Erfahrungen mit Kirche gemacht haben. Ich kann gut verstehen, wenn sie sagen: Ihr diskriminiert uns und deswegen wollen wir mit Euch nichts zu tun haben. Aber es gibt auch Homosexuelle, die der Kirche den Kontakt mit sich nicht ersparen wollen. Das finde ich bemerkenswert. Unser Anliegen in der Seelsorge mit Homosexuellen ist es, dem nicht auszuweichen, sondern gesprächsbereit zu sein. Wir wollen den Anfragen der homosexuellen Frauen und Männer an die Kirche Rechnung tragen.

Frage: Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Herkert: Es ist zumindest zwiespältig, das stimmt. Aber der Katechismus hat ja nun schon einige Jahre auf dem Buckel. Inzwischen gibt es Erkenntnisse aus Psychologie und Humanwissenschaften, die die Aufteilung des Katechismus in sexuelle Neigung, die akzeptiert wird, und sexuelle Praxis, die verurteilt wird, fragwürdig erscheinen lassen. Doch diese neuen Erkenntnisse in den Katechismus einzuspeisen, ist ein Prozess, der viel Geduld von allen Beteiligten erfordert, weil es natürlich Vorbehalte gibt.

Frage: Könnte die Familiensynode im Herbst im Vatikan ein Ort sein, um das Verhältnis der Kirche zu lesbischen und schwulen Menschen neu zu justieren?

Herkert: Vor allem ist die Synode der Ort, wo beraten wird, wie wir auf weltkirchlicher Ebene künftig mit dem Thema umgehen. Wir sind in Westeuropa und Nordamerika ja schon einige Schritte weiter als in Afrika, Südamerika oder Asien. Dort ist das Thema Homosexualität nochmal viel stärker tabuisiert. Diese unterschiedlichen Ansichten zusammen zu bringen, wird schwierig. Aber soweit wir eine Weltkirche bleiben wollen, müssen wir uns darum kümmern.