Lernorte des christlichen Glaubens

"Schulbischof" Hans-Josef Becker schreibt in einem Gastbeitrag für katholisch.de, was katholische Schulen ausmacht.

Katholische Schulen | Paderborn - 06.01.2015

Die katholischen Schulen stellen einen der wichtigsten Bereiche des gesellschaftlichen Engagements der Kirche dar. Insgesamt 370.000 Schülerinnen und Schüler besuchen eine der 905 allgemein- und berufsbildenden Schulen in kirchlicher Trägerschaft. Das entspricht einem Anteil von 3,3 Prozent aller Schüler in Deutschland. Diese Zahl ist auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend. Doch katholische Schulen bilden damit die größte Gruppe unter den Schulen in freier Trägerschaft.

Was unterscheidet kirchliche Schulen von staatlichen Schulen? Worin liegt das Besondere katholischer Schulen? Die Antwort ist zunächst einfach. Katholische Schulen wollen den Schülerinnen und Schülern eine umfassende Bildung ermöglichen. Sie wollen ihnen die Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, die sie benötigen, um moralisch verantwortlich am kulturellen, religiösen, politischen und wirtschaftlichen Leben unserer Gesellschaft aktiv teilnehmen zu können. Auch für katholische Schulen gilt, dass guter Unterricht ihr Kerngeschäft ist.

Guter Unterricht vermittelt das Wissen, wie die Welt funktioniert. Er beschäftigt sich aber nicht nur mit der Frage, was wir mit diesem Wissen tun können, sondern auch mit der Frage nach dem, was wir tun sollen. Im Erdkundeunterricht werden nicht nur die unterschiedlichen Lebensbedingungen in den verschiedenen Regionen unserer Erde aufgezeigt und analysiert, sondern auch die Frage nach der Gerechtigkeit der internationalen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen thematisiert. Ähnlich gehört zu einer biologischen Unterrichtsreihe über Genetik und Gentechnik auch die Frage nach der moralischen Legitimität gentechnischer Eingriffe durch den Menschen. Um verantwortlich handeln zu können, braucht man beides: fachliches Können und moralische Urteilsfähigkeit.

Orientierung an christlichen Werten

Die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln lernt man nicht nur im Unterricht. Die Gestaltung des Schulgebäudes, die geschriebenen und mehr noch die ungeschriebenen Gesetze, die auf dem Schulhof, im Klassen- oder im Lehrerzimmer herrschen, sagen mehr über die Werte, die in einer Schule tatsächlich gelten, als Lehrpläne und Schulprogramme. Deshalb ist die bewusste, an christlichen Werten orientierte Gestaltung des Schullebens eine besondere Aufgabe katholischer Schulen. Innerhalb wie außerhalb der Schule, zum Beispiel in Sozialpraktika, wird Schülerinnen und Schülern deshalb die Möglichkeit geboten, Verantwortung zu übernehmen und wertbildende Erfahrungen zu machen.

Hans-Josef Becker ist Erzbischof des Erzbistums Paderborn.
Hans-Josef Becker ist Erzbischof des Erzbistums Paderborn.
 KNA

Wenn wir als Christen von Verantwortung sprechen, meinen wir immer auch die Verantwortung des Menschen vor Gott. Was Verantwortung vor Gott konkret heißt, erschließt sich nur in einer bestimmten religiösen Tradition, die die Beziehung des Menschen zu Gott thematisiert und gestaltet. An katholischen Schulen lernen Schülerinnen und Schüler, sich mit dem christlichen Glauben und seiner kirchlichen Gestaltung über die Jahre ihrer Entwicklung hinweg auseinanderzusetzen. Dies geschieht im Religionsunterricht, aber auch im ganzen Schulleben, in den Gottesdiensten und in den verschiedenen Angeboten der Schulpastoral . Katholische Schulen sind Lernorte des christlichen Glaubens und zwar nicht nur für Schülerinnen und Schüler, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer. Sie bilden gemeinsam eine christliche Weggemeinschaft.

Herzensbildung für emotionale Wesen

Zu einem umfassenden Verständnis von Bildung gehört schließlich auch, was mit einem altmodischen Begriff Herzensbildung genannt wird. Der Mensch ist nämlich auch ein emotionales Wesen. Dass Gefühle unser Handeln bestimmen und dass Gefühle der Kultivierung bedürfen, wird in den gegenwärtigen Debatten um Bildung und Erziehung oft übersehen. Kognition und Emotion gehören zusammen. Das gilt vor allem – aber keineswegs nur – für die moralische und religiöse Bildung. Unser moralisches Bewusstsein kann sich ohne ein Gefühl für die Gefährdung und Verletzung der moralischen und physischen Integrität der eigenen Person und anderer Personen nicht entwickeln.

Ohne Empathie, ohne die Fähigkeit, fremdes Leid nachzuempfinden, können wir nicht die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel erwerben, also die Fähigkeit, unsere eigene Perspektive und unsere Interessen zu relativieren und uns und die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Sich vom Leid anderer affizieren zu lassen, ist ein wichtiges Ziel religiöser Bildung. Wenn das Kreuz, das wir in den Klassenräumen aufhängen, nicht mehr Empathie und Sympathie hervorruft, wird es zur bloßen Dekoration.

Verantwortungselite statt Leistungselite

Entgegen einem verbreiteten Vorurteil sind katholische Schulen keine elitären Schulen für die gehobenen Schichten. Die Kirche unterhält auch nicht nur Gymnasien, sondern ebenso Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Die meisten katholischen Schulen erheben kein Schulgeld. Wo sie es infolge der unzureichenden staatlichen Refinanzierung doch tun müssen, ist das Schulgeld deutlich geringer als bei anderen Privatschulen und kann aus sozialen Gründen ermäßigt werden. Katholische Schulen sind offen für alle, die das Schulprofil bejahen und mittragen.

Katholische Schulen wollen auch keine Leistungselite bilden, sondern eine Verantwortungselite. Verantwortung trägt nicht nur der Chefarzt einer Klinik. Verantwortung tragen ebenso die Krankenschwester, das Küchenpersonal, der Sozialarbeiter oder die Reinigungskräfte. Wir brauchen in unserer Gesellschaft Menschen, die nicht nur Dienst nach Vorschrift machen und Anweisungen befolgen, sondern die selbstständig handeln, sich für andere einsetzen und einen Blick für das Ganze haben. Wir brauchen Menschen, die sich für ein humanes Miteinander in der Familie, im Beruf, in Politik und Gesellschaft engagieren. Zu einem solchem humanen und christlichen Engagement wollen katholische Schulen Kinder und Jugendliche befähigen.

Zur Person

Hans-Josef Becker ist seit 2003 Erzbischof des Erzbistums Paderborn. Außerdem ist er Vorsitzender der Kommission "Erziehung und Schule" der Deutschen Bischofskonferenz

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Von Hans-Josef Becker

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