Kein Platz für Zukunftsgespräche?

Thomas Seiterich über schwierige Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern in Deutschland

Standpunkt | Bonn - 17.05.2017

Thomas Seiterich ist Redakteur der Zeitschrift Publik-Forum.

Der Begriff "Friedensgespräche" erscheint mir zu hoch und mit zu vielerlei Erwartungen  aufgeladen für das, was an Dialog zwischen Israelis und Palästinensern in Deutschland – ausgerechnet im Land der Täter – möglich ist. Doch es ereignet sich Beunruhigendes: Eine Konferenz zum Nahostkonflikt, die Mitte Mai stattfinden sollte, wurde von der Evangelischen Akademie Tutzing abgesagt. Es sei nicht gelungen, "alle für das Thema maßgeblichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner zu gewinnen" hieß es. Mit anderen Worten: Die Evangelische Akademie und die hinter ihr stehende Leitung der bayerischen Landeskirche fürchteten, es wäre eine einseitige Veranstaltung geworden - einseitig israelkritisch.

So etwas werde es auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin vom 24. bis 28. Mai nicht geben, erklärt Ellen Ueberschär, die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages: "Wir versuchen, immer ein Gleichgewicht herzustellen zwischen der israelischen Perspektive und der palästinensischen Perspektive." Doch lediglich eines von vielen hundert Foren bringt eine Israelin und einen Palästinenser ins Gespräch: Die israelische Soziologin Eva Ilhouz diskutiert mit dem palästinensischen evangelischen Bischof Munib Younan.

Das Gros der ökumenischen Gruppen und Initiativen, die sich im Geist des Weltkirchenrates und seiner "doppelten Solidarität" mit friedensorientierten Israelis und friedensorientierten Palästinensern für einen gerechten Frieden in Nahost einsetzen, bleibt vom größten deutschen Christentreffen ausgesperrt. Wie bereits beim Kirchentag 2015 in Stuttgart muß ihr "Thementag Palästina" fernab stattfinden – diesmal im Gemeindezentrum Marzahn-Nord.

Bereits 2015 wurde in Köln eine Ausstellung von Breaking the Silence untersagt, jener israelischer Ex-Soldaten, die im besetzten Hebron und anderswo in Palästina das Unrecht ihres Militärs dokumentieren. Als Begründung hieß es, man wolle keinen Anstisemitismus schüren. Die Absage ist kein Einzelfall. Göttingen, Freiburg, Mainz, Bremen, Nürnberg – die Liste der Städte, in denen Veranstaltungen abgesagt oder behindert wurden, weil dort Kritik an der israelischen, rechtspopulistischen Regierung geübt oder im Vorfeld vermutet wurde, ist mittlerweile lang.

Dabei wäre das unvoreingenommene Gespräch, der faire Dialog nötig - auch in Deutschland.

Von Thomas Seiterich

Der Autor

Thomas Seiterich ist Redakteur der Zeitschrift "Publik-Forum".

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