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Aus der Firmung leben

Viele Erwachsene erinnern sich nur bruchstückhaft an ihre eigene Firmung. Benediktinerpater Anselm Grün gibt Anregungen zu einem neuen Blick auf ein Leben aus der Firmung heraus.

Glaubensperspektive | Bonn - 07.01.2015

Viele Erwachsene erinnern sich nur bruchstückhaft an ihre eigene Firmung. Nicht nur, weil es schon so lange her ist, sondern weil sie sich vom Geist der Firmung entfernt haben. Pater Anselm Grün, Benediktinermönch in der Abtei Münsterschwarzach, gibt Anregungen zu einem neuen Blick auf ein Leben aus der Firmung heraus.

Aus der Freiheit des Geistes leben: Was heißt das eigentlich? Und was kann ich tun, um diese Freiheit in mir wirken zu lassen? Bin ich nicht oft gefangen in meiner eigenen Unfreiheit, in meinen Ängsten? Pater Anselm Grün erklärt: "Wir fühlen in uns immer wieder die gleichen Lebensmuster und Mechanismen: Auf die Menschen, die uns verletzen, reagieren wir mit Hass und Wut. Wir lassen uns von anderen die Spielregeln für unser Verhalten aufdrängen. Sobald Konflikte auftreten, suchen wir die Schuld bei uns. Der Heilige Geist möchte uns davon befreien, damit wir innerlich frei werden." Er verweist auf den zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Dort heißt es in Kapitel 3, Vers 17: "Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit". Und er nennt noch eine andere Stelle – den Brief an die Römer, Kapitel 8, Vers 14 und 15: "Denn alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!"

Aufrecht durchs Leben gehen

Mit Sklaven meint Paulus Menschen, die sich immer nach anderen richten, jedem nach dem Mund reden, es jedem recht machen wollen. "Der Christ ist nach Paulus der freie Mensch", sagt Pater Anselm Grün. "Er kann aufrecht durchs Leben gehen und hat eine unantastbare Würde. Er muss sich seinen Wert nicht durch Leistung erkaufen und seine Beliebtheit nicht durch Anpassung an andere bewirken." Die Kraft des Geistes zeigt sich im Mut, seine eigene Meinung zu vertreten – auch wenn diese anderen nicht gefällt. "Wer sich in seinem Reden nach den Erwartungen anderer richtet, spricht nicht aus, was in ihm ist", meint Pater Anselm Grün. "Daher geht von seinen Worten keine Kraft aus, sie bewirken nichts, sondern passen sich nur an. Aus der Kraft des Geistes zu leben, würde heißen, in Freiheit das zu sagen, was wir in unserem Herzen fühlen und was uns Gott eingibt, ohne falsche Rücksicht auf die Meinung der anderen."

Selber leben anstatt gelebt zu werden

Die sieben Gaben des Heiligen Geistes - Weisheit, Einsicht, Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht - beschreiben, so Pater Anselm Grün, den Menschen, der aus dem Heiligen Geist heraus lebt. "Ein solcher Mensch sieht die Wirklichkeit so, wie sie ist", erklärt er. "Er versteht die inneren Zusammenhänge seines eigenen Lebens und des Kosmos und hat die Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen, ihnen zu raten und einen Weg zu weisen, der für sie stimmt. Es ist ein Mensch, der immer mit Gott rechnet und auf ihn bezogen ist in all seinem Denken und Tun." Der Heilige Geist sei für jeden eine Herausforderung, an sich zu arbeiten, meint er. "Es braucht eine gesunde Askese, um Selbstbeherrschung zu erreichen, um das Gefühl zu haben, dass ich selber lebe, anstatt von meinen Leidenschaften und Bedürfnissen gelebt zu werden", sagt Pater Anselm. "Selbstbeherrschung heißt aber auch, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Die Firmung ist die Initiation in das Erwachsenwerden. Die Erinnerung an die Firmung will mich davor bewahren, in infantile Haltungen zurückzufallen und die anderen für meine Probleme verantwortlich zu machen. Sie fordert mich heraus, selber zu leben, anstatt mich als Opfer meiner Erziehung oder der gesellschaftlichen Verhältnisse zu fühlen."

Rituale fürs Pfingstfest

Es gibt verschiedene Rituale, die an die eigene Firmung erinnern. Wer seinen Firmtag nicht mehr weiß, könnte das Pfingstfest als Anlass nehmen, sich mit den sieben Gaben des Heiligen Geistes zu beschäftigen. Pater Anselm Grün lädt zu einem besonders schönen Ritual ein: "Wenn wir das Pfingstfest als Erinnerung an die eigene Firmung feiern, könnte jedes Familienmitglied eine Gabe des Heiligen Geistes ziehen, die vorher auf Zettel geschrieben und in einen Korb gelegt wurden. Dann bekäme das Pfingstfest ein eigenes Gepräge. An vielen geht dieses Fest spurlos vorüber, weil es kaum Familienrituale kennt wie Weihnachten oder Ostern. Eine andere Möglichkeit wäre, dass am Schluss des Gemeindegottesdienstes jeder einen Zettel mit einer Geistesgabe aus einem Korb nehmen kann. Diese Gabe sollte uns dann bis zum nächsten Pfingstfest begleiten. Wir könnten ausprobieren, was sie an uns bewirkt, wie sie unsere Blickrichtung verändert und wie sie uns mit Haltungen in Berührung bringt, die wir bisher vernachlässigt haben."

Anselm Grün: Das Sakrament der Firmung. 16,90 Euro, Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach Pater Anselm Grün lädt in diesem umfassenden und in die Tiefe gehenden Buch die Eltern von Firmlingen ein, sich über die Firmung Gedanken zu machen, sich zu fragen, was dieses Sakrament für sie heute bedeutet, ob sie daraus leben können. Er ermutigt, darüber mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Das Buch steckt voller Anregungen, die Riten der Firmung so zu vollziehen, dass der Sinn des Sakraments deutlich wird und die Menschen in ihren Herzen berührt werden. Es ist deshalb nicht nur für Firmlinge und ihre Eltern, sondern auch für alle wertvoll, die in der Jugendarbeit engagiert sind und Firmkurse leiten. Auch auf Fragen von Jugendlichen wie "Was bringt mir die Firmung eigentlich?" gibt Pater Anselm Grün Antworten. Für ihn bedeutet Firmung mehr als ein freiwilliges Ja zur Taufe. Er begreift sie als Chance, junge Menschen in die Kunst des Lebens einzuführen, ihnen Selbstbewusstsein, Stärke und Orientierung zu geben.

Von Margret Nußbaum

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