Papst Franziskus im Sommer 2018 während einer Generalaudienz.
Erzbischof Viganos Memorandum in der Analyse

Was ist an den Vorwürfen gegen Franziskus dran?

Erzbischof Carlo Maria Vigano wirft Papst Franziskus vor, einen Missbrauchstäter gedeckt zu haben. Eine Analyse der einzelnen Argumente Viganos wirft Fragen und Ungereimtheiten auf. Nur eines scheint klar zu sein: Ein kritisches Hinterfragen seiner selbst scheint Vigano nicht für nötig zu halten.

Von Thomas Jansen |  Bonn - 31.08.2018

Was ist dran, an dem Vorwurf den der frühere vatikanische Botschafter in den USA gegen Papst Franziskus erhoben hat? Hat Franziskus tatsächlich bereits seit Sommer 2013 von Anschuldigungen gegen Kardinal Theodore McCarrick wegen sexuellen Missbrauchs gewusst, aber nicht gehandelt, ja den früheren Washingtoner Erzbischof faktisch sogar noch rehabilitiert, wie Erzbischof Carlo Maria Vigano behauptet? Wie glaubwürdig ist dieser einstige vatikanische Spitzendiplomat, der nun den Rücktritt des Papstes fordert?

Ungereimtheiten und Fragezeichen

Auch fünf Tage nach der Veröffentlichung eines elfseitigen Memorandums von Vigano im Internet gibt es darauf immer noch keine definitive Antwort. Derjenige, der es am besten wissen sollte, Franziskus, lehnte es ab, sich zur Sache selbst zu äußern. Er ließ jedoch durchscheinen, dass er das Ganze als ein unseriöses Machwerk betrachtet. "Lesen Sie das Schreiben und urteilen sie selbst", beschied er einem Journalisten, der ihn während des Rückflugs von Irland danach gefragt hatte. Er glaube an die Fähigkeit von Journalisten ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, fügte der Papst hinzu.

Mittlerweile sind viele Journalisten der Aufforderung des Papstes nachgekommen und haben das Schreiben Viganos gründlich gelesen. Endgültige Schlüsse haben bislang nur wenige daraus gezogen, viele haben jedoch auf etliche Ungereimtheiten hingewiesen und große Fragezeichen gesetzt.

Erzbischof Carlo Maria Vigano

Erzbischof Carlo Maria Viganò, von 2011 bis 2016 Apostolischer Nuntius in den USA.

Im Mittelpunkt standen hierbei in den vergangenen Tagen vor allem zwei Behauptungen Viganos: Zum einem, dass Franziskus bereits im Sommer 2013 über die Vorwürfe gegen McCarrick im Bilde war, und zum anderen, dass Benedikt XVI. den Kardinal 2009 oder 2010 ein Leben in Buße und Gebet auferlegt und ihm die Feier der Messe in der Öffentlichkeit und sonstige Auftritte untersagt hatte.

Vigano schreibt, dass Franziskus bereits seit Juni 2013 von den Vorwürfen gegen Kardinal McCarrick gewusst habe. Er schildert in seinem Memorandum, wie er den Papst in einer Privataudienz am 23. Juni darüber informiert hat. Um das Gespräch hatte Vigano selbst gebeten. Anlass war nach seinen Angaben die Worte, die Franziskus zwei Tage zuvor am Rande einer Audienz für die vatikanischen Botschafter an ihn gerichtet habe. Der Papst begrüßte Vigano auf dem Empfang nach seiner Darstellung als einer der letzten Botschafter und gab ihm mit auf den Weg: "Die Bischöfe in den Vereinigten Staaten dürfen nicht ideologisch sein, sie dürfen nicht rechts sein, sondern müssen Hirten sein". Vigano empfand dies als Vorwurf gegen seine Person, reagierte jedoch zunächst nicht darauf. Er sei nicht in der Position gewesen, um Erklärungen für diese Worte zu bitten und "die aggressive Weise, in der er mich gerügt hat", heißt es im Memorandum.

"Wie ist Kardinal McCarrick?"

Am 23. Juni traf Vigano schließlich zu der gewünschten klärenden Unterredung mit dem Papst zusammen. Im Laufe des Gesprächs fragte der Papst ihn dann nach seiner Darstellung: "Wie ist Kardinal McCarrick?" Daraufhin habe er geantwortet: "Heiliger Vater, ich weiß nicht, ob sie Kardinal McCarrick kennen, aber wenn sie in der Bischofskongregation nachfragen, dann gibt es dort ein dickes Dossier über ihn. Er verdarb Generationen von Seminaristen und Priestern und Benedikt XVI. verordnete ihm ein Leben in Gebet und Buße." Die Reaktion des Papstes auf seine Worte beschreibt Vigano so: "Der Papst machte nicht den geringsten Kommentar zu diesen schwerwiegenden Worten von mir und zeigte keinerlei Ausdruck von Überraschung auf seinem Gesicht, so als ob er schon seit einiger Zeit davon gewusst hätte und wechselte dann sofort das Thema." Vigano zieht daraus folgenden Schluss: "Er wollte offensichtlich herausfinden, ob ich ein Verbündeter von McCarrick war oder nicht".

Diese Schilderung Viganos wirft einige Fragen auf. Lässt sich aus dem Umstand, dass der Papst auf Viganos Aussage nicht reagiert hat, tatsächlich schließen, dass er nichts in dieser Sache unternommen hat? Zudem sagt Vigano dem Papst nicht, dass es um sexuellen Missbrauch von Minderjährigen geht. Warum wurde er nicht deutlicher, wenn ihm das Thema so wichtig war? Könnte es sein, dass zumindest im Vatikan zum damaligen Zeitpunkt noch nichts von dem Vorwurf, McCarrick habe Minderjährige sexuell missbraucht, bekannt war und man nur über seine homosexuellen Beziehungen zu Seminaristen im Bilde war? Eine andere Frage wäre, ob dies einen gravierenden Unterschied ausmacht, dass McCarrick auch im Fall der Seminaristen ein Abhängigkeitsverhältnis für sexuelle Handlungen ausnutzte. Aber denkbar wäre zumindest, dass dies den vatikanischen Umgang mit dem Fall beeinflusst hat.

Der Verlauf des Gesprächs mit dem Papst lässt sich nicht überprüfen. Einfach verifizieren lässt sich hingegen das Treffen der Botschafter, das im Juni 2013 stattfand. Die Privataudienz für Vigano, die am 23. Juni stattgefunden haben soll, hat das vatikanische Presseamt damals hingegen nicht mitgeteilt. Das spricht aber nicht gegen ein solches Treffen, da nicht alle Gesprächspartner des Papstes in der offiziellen Liste der Audienzgäste aufgeführt werden.

Das größte Fragezeichen steht hinter der angeblich geheimen Maßregelung McCarricks durch Benedikt XVI. Vigano behauptet Benedikt XVI. habe McCarrick 2009 oder 2010 ein Leben in Buße und im Gebet auferlegt und ihm das Feiern der Messe in der Öffentlichkeit sowie sonstige Auftritte untersagt. Dafür gibt es bislang weder eine offizielle Bestätigung noch ein offizielles Dementi. Die Meldung, dass der emeritierte Papst die Sanktionen bestätigt habe, erwies sich als "Fake News". Sie war von ultrakonservativen Medien in Umlauf gebracht worden, die auch das Memorandum Viganos veröffentlicht hatten. Erzbischof Georg Gänswein, der Privatsekretär Benedikts XVI. widersprach dieser Darstellung in einem Interview. Der emeritierte Papst habe sich zu der Causa nicht geäußert und werde es auch nicht tun, so Gänswein.

Nicht recht passen will zu Viganos Darstellung, dass McCarrick auch nach der angeblichen Verhängung von Sanktionen im Jahr 2009 oder 2010 regelmäßig öffentlich auftrat. Hierfür wurden in den vergangenen Tagen zahlreiche Beispiele angeführt. So soll McCarrick als Begleiter einer Gruppe von Bischöfen sogar von Benedikt XVI. zu einer Audienz im Vatikan empfangen worden sein. Hätte Benedikt XVI. das erlaubt, wenn er McCarrick tatsächlich gemaßregelt hätte? Der "Catholic News Service", die Nachrichtenagentur der US-Bischofskonferenz veröffentlichte zudem ein Video, das zeigt, wie Vigano McCarrick im Mai 2012 in einer Rede anlässlich einer Gala würdigt. "Sie werden von uns allen so geliebt", sagt Vigano darin über McCarrick. Hätte er dies über einen Kirchenmann getan, der zuvor vom Papst gemaßregelt wurde? fragen sich viele.

Doch einen eindeutigen Beweis dafür, dass McCarrick von Benedikt XVI. nicht mit Sanktionen belegt wurde, gibt es bislang nicht. Kaum haltbar erscheint allerdings angesichts der zahlreichen Belege für sein öffentliches Wirken auch unter Benedikt XVI. die Behauptung, Franziskus habe die Auflagen seines Vorgängers de facto aufgehoben. Wenn es Sanktionen verhängt wurden, dann beachtete sie McCarrick offenbar auch im Pontifikat von Benedikt XVI. nicht. Die Behauptung einer faktischen Rehabilitierung McCarricks durch Franziskus verliert dadurch erheblich an Plausibilität.

Als weiteres Argument gegen die Glaubwürdigkeit Viganos ist angeführt worden, dass er in Sachen sexueller Missbrauch selbst keine reine Weste habe. Im Fall des früheren Erzbischofs von Minneapolis John Nienstedt, der wegen seines Umgangs mit sexuellem Missbrauchs in seiner Diözese in die Kritik geraten war, soll Vigano Ermittlungen der Justiz durch die Vernichtung eines Beweisstücks behindert haben. Vigano weist diesen Vorwurf als falsch zurück, der 2016 in einem Bericht der "New York Times" erhoben wurde.

Skeptisch gesehen wird auch Viganos Darstellung, McCarrick sei ein enger Vertrauter und alter Freund von Franziskus. Seine Versuche, eine solche Nähe zwischen den beiden zu belegen, wirken auf viele Beobachter nicht schlüssig. Vigano berichtet, ein Botschaftsmitarbeiter, den er am 9. Juli 2013 nach El Paso zur Einführung eines neuen Bischofs entsandt hatte, habe ihm berichtet, Kardinal McCarrick habe dort gesagt: "Die Bischöfe in den Vereinigten Staaten dürfen nicht ideologisch sein, sie dürfen nicht rechts sein, sondern müssen Hirten sein". Weil der Papst auch ihm dies am 21. Juni während des Empfangs im Vatikan gesagt hatte und er am Vortag McCarrick getroffen hatte, der soeben beim Papst gewesen war, schlussfolgert Vigano: "Es war deshalb klar, dass diese Worte, die Papst Franziskus am 21. Juni 2013 an mich gerichtet hatte, ihm von Kardinal McCarrick in den Mund gelegt worden waren". Diese Logik hat viele nicht überzeugt.

Eine konzertierte Aktion?

Unterdessen hat sich der Verdacht, dass die Veröffentlichung des Memorandums eine konzertierte Aktion von ultrakonservativen Franziskus-Kritikern war, erhärtet. Der italienische Journalist Marco Tosatti sagte der Nachrichtenagentur AP, dass er Vigano davon überzeugt habe, an die Öffentlichkeit zu gehen und ihm bei der Abfassung des Memorandums geholfen habe.

Tosatti ist kein unbeschriebenes Blatt in der Szene. Der frühere Vatikan-Korrespondent der angesehenen italienischen Tageszeitung "La Stampa" ist in den vergangenen Jahren zu einem der schärfsten Kritiker von Franziskus geworden. Er betreibt einen in kirchlichen Kreisen vielbeachteten Blog, in dem er den Papst immer wieder scharf angreift.

Der italienische Journalist erklärte im Gespräch mit AP, dass er Vigano vor einigen Wochen getroffen habe, dieser damals aber noch nicht darauf vorbereitet gewesen sei, mit seinen Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen. Nach der Veröffentlichung des Berichts über sexuellen Missbrauch in sechs Bistümern Pennsylvanias habe er Vigano dann angerufen und ihm gesagt, dass nun der geeignete Zeitpunkt dafür gekommen sei. Daraufhin habe er gemeinsam mit Vigano drei Stunden an dem Dokument gearbeitet, "weil es absolut wasserdicht sein musste", so der italienische Journalist. Schließlich habe er Medien gesucht, die bereit sind, das Memorandum zu publizieren und die kleine italienische Tageszeitung "La Verita", die englischsprachigen Onlineportale "National Catholic Register" und "LifeSiteNews" sowie die spanische Internetseite "InfoVaticana" gefunden.

Also habe ich um das Wohl der Kirche Willen auf die Kardinalswürde verzichtet

Zitat: Erzbischof Carlo Maria Vigano

Tosatti wurde wegen seiner tendenziösen Berichterstattung schon vor geraumer Zeit aus dem Autorenteam des renommierten Onlineportals "Vatican insider" ausgeschlossen, das Franziskus sehr wohlgesonnen ist. Er verfügt allerdings immer noch über gute Kontakte in den Vatikan.

Vigano: Habe es abgelehnt, Kardinal zu werden

Auch Vigano selbst hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. In einem Interview mit einem Journalisten des italienischen Fernsehsenders RAI wies er die Behauptung zurück, sein Memorandum sei das Werk eines frustrierten Angestellten, der verbittert darüber sei, dass er nicht zum Kardinal befördert worden sei. Viganos Antwort ließ tief blicken: "Ich kann aufrichtig vor Gott behaupten, dass ich es tatsächlich abgelehnt habe, Kardinal zu werden". Nach seiner Darstellung hat ihm Benedikt XVI. im April 2011 das Amt des Präfekten für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls angeboten, das traditionell mit der Kardinalswürde verbunden ist. Er habe den Papst jedoch gebeten, damit noch "sechs Monate oder ein Jahr zu warten", weil er erst noch in der vatikanischen Staatsverwaltung weiter aufräumen müsse. Aus der Sache wurde dann jedoch jedoch nichts, weil Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone ihn dann in die USA strafversetzte. Vigano fügt hinzu: "Also habe ich um das Wohl der Kirche Willen auf die Kardinalswürde verzichtet."

Was immer Vigano auch zu seinem Memorandum bewogen haben mag: es gibt viele Fragezeichen, Zweifel und Ungereimtheiten an seiner Darstellung, im Kern widerlegt wurde sie bislang nicht. Der Vatikan lehnt unterdessen eine Stellungnahme dazu weiter ab. Auf die Frage, ob das Memorandum die Dinge richtig oder falsch darstelle, sagte Kardinalstaatsekretär Pietro Parolin am Donnerstag: "Es ist besser in diesen Dingen nicht ins Detail zu gehen." Dann weiderholte er die Aufforderung des Papstes: "Lesen Sie und bilden Sie sich selbst ein Urteil".

Von Thomas Jansen

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