Ein Holzhütte vor dem Alpenpanorama
Buch erschließt vier Pilgerwege um Garmisch-Partenkirchen

Naturschönheit trifft Schöpfungsspiritualität: Pilgern in den Alpen

Rund um Garmisch-Partenkirchen wurden vier Pilgerwege erschlossen, die durch atemberaubende Landschaften führen und die Schönheit der Region zum spirituellen Erlebnis machen. In seinem Buch verbindet der Biologe und Theologe Benjamin Schwarz Natur und Glaube und lädt zum Nachwandern ein.

Von Benjamin Schwarz und Steffi Piening |  Garmisch-Partenkirchen - 26.09.2021

"Pilgern schärft die Sinne, hebt den Blick für das Unscheinbare im Alltag und öffnet die Ohren für die leisen Töne des Lebens", schwärmt Benjamin Schwarz, der vier Pilgerwege zum Thema "Biologische Vielfalt trifft Schöpfungsspiritualität" im Landkreis Garmisch-Partenkirchen erarbeitet hat. Die Strecken führen durch atemberaubend schöne Landschaften und laden die Pilgernden vor malerischer Kulisse ein, innere Ruhe und Entspannung zu finden.

Der Biologe und Theologe konzipierte für das Katholische Kreisbildungswerk Garmisch-Partenkirchen diese Pilgerwege, die wiederum Teil des Projekts "Alpenflusslandschaften. Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze" sind. Mit diesem Projekt wollen die Verantwortlichen ein Bewusstsein für die Besonderheit der Alpenflusslandschaften mit ihren speziell angepassten Tier- und Pflanzenarten schaffen, auf die Schönheit der Natur aufmerksam machen und mit geistlichen Impulsen zur Reflexion beim Pilgern einladen. Darüber hinaus sind auch konkrete Naturschutzmaßnahmen, die Vernetzung von Akteuren sowie die Bildungsarbeit Anliegen des Projekts.

"Die vier Pilgerwegrouten, die jeweils in ein bis zwei Tagesetappen zu bewältigen sind, verlaufen auf bereits bestehenden Wanderwegen. In einigen Teilen sind es Routen, die schon seit Jahrtausenden, bereits als Teil der Bernsteinstraße, später von den Römern und im Mittelalter als Pilgerweg nach Rom von Menschen begangen werden", erklärt Benjamin Schwarz.

Eine Biene auf einer Wildblume

Die Landschaft rund um Garmisch-Partenkirchen zeichnet sich durch einen großen Reichtum an wilden Pflanzen und Tieren aus.

Die Pilgernden erkunden Naturlandschaften wie Moore oder Gebirgslebensräume, die zur Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten beitragen, aber auch die seit Jahrhunderten extensiv genutzten Kulturlandschaften wie Buckel- oder Streuwiesen. Die Landwirte nehmen hier eine wichtige Aufgabe wahr, erläutert Benjamin Schwarz: "Die Landwirte, die diese artenreichen Lebensräume weiter nutzen und pflegen, fördern nicht nur die Biodiversität, sondern erbringen auch eine kulturelle Leistung, die vergleichbar ist mit dem Erhalt baulicher Kulturdenkmäler, nur sind diese Kulturlandschaften meist noch viel älter als Bauwerke."

Ein Patron für jeden Pilgerweg

Im Rahmen des Projekts ist ein Buch erschienen mit Wegbeschreibung und spirituellen Anregungen. Jeder Pilgerweg hat auch einen "Patron" oder eine "Patronin", die in einem Zusammenhang mit dem Weg stehen. Texte von ihnen zum Thema Schöpfung begleiten die Pilgernden auf ihrer Reise.

Der Benedikt-Pilgerweg führt durch das Ammertal zum Benediktinerkloster Ettal. Vorbei an Mooren, dem Alpenfluss Ammer, durch Streuwiesen und durch artenreiche Bergwiesen, sogenannte Wiesmahdgebiete, die nur einmal im Jahr gemäht und nicht gedüngt werden. Die Strecke verläuft durch den Naturpark Ammergauer Alpen, großteils auf der alten Pilgerstraße Via Romea.

Auf dem Franziskus-Pilgerweg gehen die Pilgernden durch das malerische Loisachtal zum Franziskanerkloster St. Anton in Partenkirchen. Der Weg führt vorbei an Buckelwiesen, entlang an Sumpf- und Bruchwäldern im Moorgebiet der sieben Quellen. Vorbei an einem Geröllfeld und Hochmoor gelangen die Wanderer durch artenreiche Streuwiesen und die Föhrenheide, ein altes Allmend-Weidegebiet, nach Partenkirchen. Eine Etappe erstreckt sich auf der Via Romea beziehungsweise einem Seitenast der Bernsteinstraße.

Entlang des Jakobsweges und zu den Kräutern der heiligen Hildegard

Der Jakob-Pilgerweg verläuft von Wallgau nach Leutasch in Tirol auf einer Etappe des Jakobsweges, der nach Santiago de Compostela führt. Hier ist eines der größten Buckelwiesengebiete der Alpen zu finden sowie die wildromantische Leutaschklamm.

Der Hildegard-Pilgerweg führt auf den Schachen im Wettersteingebirge, wo nicht nur im dortigen Alpengarten, sondern auch am Wegesrand zahlreiche Wild- und Heilkräuter zu entdecken sind, die oft mit der Äbtissin Hildegard von Bingen in Verbindung gebracht werden. Die abwechslungsreiche Route führt durch Bergwälder, über Almen und lässt Pilgernde die veränderte Zusammensetzung alpiner Vegetation mit der Meereshöhe erfahren. Ziel des Weges ist das auf 2.202 Metern Höhe gelegene Frauenalpl. Die Pilgernden erhalten Einblicke in die alpine Vegetation jenseits der Baumgrenze und werden zugleich mit einem atemberaubenden Panorama über das Schachengebiet mit Blick ins Loisachtal sowie ins Ester- und Ammergebirge belohnt.

Blick in ein Alpental

Viele der beschriebenen Wege sind Teil von jahrhundertealten Pilgerrouten durch die Alpen. (Blick über den Schachen ins Loisachtal)

Die spirituellen Texte im Buch hat Benjamin Schwarz "Spiritueller Proviant" genannt. Dieser begleitet die Pilgernden auf den Wegen und lädt an verschiedenen Stationen ein, nicht nur die Natur auf sich wirken zu lassen, sondern tiefer zu blicken. Originalzitate der Wegpatrone werden ergänzt durch kurze Impulse und Reflexionsfragen zum Weitergehen. Beim Jakob-Pilgerweg begleiten in Ermangelung von Originalzitaten des Heiligen Jakobus vorwiegend Bibelzitate die Pilger.

In der Zirbenwald-Zone auf dem Hildegardweg zum Schachen erfahren die Pilgernden zum Beispiel vom engen Zusammenspiel der Zirbe und des Tannenhähers, der wesentlich zur Ausbreitung und Verjüngung der Zirbe beiträgt, indem er deren Samen nicht nur gerne frisst, sondern auch versteckt, wovon einige zur Keimung kommen. Als spiritueller Proviant wird an dieser Stelle Hildegard von Bingen zitiert: "Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden und jedes Wesen wird durch ein anderes gehalten."

Zum Nachdenken während des Weitergehens laden zwei Fragen ein: "Womit fühle ich mich verbunden? Wie gestalte ich die Beziehungen zu dem, was mich umgibt?" Eine Pilgerin merkt an: "Schön finde ich, wenn man solche Fragen mit auf den Weg nimmt und gar nicht sofort beantwortet, sondern schaut, was solch eine Frage mit mir macht."

Gefragte Verbindung aus Naturerlebnis und Spiritualität

Bei der Konzeption der Wege wurde bewusst auf die Erstellung von Informationstafeln verzichtet, um die Schönheit der Landschaft voll zur Geltung kommen zu lassen und keinen "Schilderwald" zu produzieren. Die einzelnen "Stationen" sind im Buch beschrieben.

Die Nachfrage nach spirituellen Angeboten in Kombination mit Naturerlebnissen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen und das Katholische Kreisbildungswerk Garmisch-Partenkirchen hat das Angebot im Bereich Pilgern und Bergspiritualität ausgebaut. Das Projekt Alpenflusslandschaften ist ein weiterer Baustein in diesem Themenbereich.

Im Zuge des Projekts werden auch geführte Touren angeboten, die sehr gefragt sind. Solche geführten Pilgerwanderungen sind geprägt von der einfachen Wissensvermittlung über die biologische Vielfalt, Hintergründe zu naturkundlichen und historischen Besonderheiten auf den Wegen und der Einladung, nach innen zu horchen. Stets sind auch Etappen im Schweigen dabei, die auf eine besondere Weise dazu beitragen, die Sinne zu schärfen. Eine Pilgerin berichtet nach einem Pilgertag: "So viel habe ich noch nie an einem Tag über die Natur vor der Haustür gelernt – und das mit viel Freude." Ein Teilnehmer ergänzt: "Auch wenn ich schon immer Interesse an der Natur habe, bieten diese Pilgerwege viele neue Facetten, die ich vorher entweder nicht kannte oder nicht beachtet habe, weil ich zu schnell unterwegs war."

Von Benjamin Schwarz und Steffi Piening

Buchempfehlung

Das Buch "Biologische Vielfalt trifft Schöpfungsspiritualität. Die schönsten Pilgerwege im Landkreis Garmisch-Partenkirchen" ist 2020 im oekom Verlag erschienen und kostet 19 Euro.