Serie: Große Theologen der Kirchengeschichte – Teil 9

Hildegard von Bingen: Äbtissin und visionäre Theologin

Aktualisiert am 17.09.2021  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Vielen Menschen ist Hildegard von Bingen heute wegen ihrer medizinischen Schriften bekannt. Dabei prägte die deutsche Benediktinerin und Äbtissin auch das theologische Denken weit über ihre Zeit hinaus. Am 17. September ist ihr Gedenktag.

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Hildegard von Bingen wurde 1098 als letztes von zehn Kindern geboren. Ihre Eltern sahen für sie ein religiöses Leben vor und schon im Alter von nur acht Jahren zog sie gemeinsam mit Jutta von Spanheim in ein Kloster auf dem Disibodenberg. Jutta erzog Hildegard, die später aus freiem Willen die Gelübde ablegte, nach der Regel des heiligen Benedikt zu leben. Nachdem ihre mütterliche Lehrerin Jutta 1136 starb, wurde Hildegard zur Äbtissin von Disibodenberg gewählt.

Von frühester Kindheit an hatte Hildegard Visionen; sie spricht von der "Gabe der Schau". Diese Visionen hatte Hildegard zunächst ihren Mitmenschen verschwiegen. 1141 aber soll Gott ihr selbst aufgetragen haben, zu teilen, was sie gesehen hatte. So entstand das erste Werk der Hildegard von Bingen unter dem Titel "Scivias", "Wisse die Wege". In diesem Buch schildert Hildegard ihre Visionen. Im ersten Teil des Werkes geht es um Gott als Schöpfer, Hildegard reflektiert die sechs Tage der biblischen Schöpfungsgeschichte.

Hildegard von Bingen
Bild: ©angelika-kamlage.de

Eine moderne Skulptur der Heiligen und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen. Das Werk des Mainzer Künstlers Karlheinz Oswald steht vor der Abteikirche St. Hildegard in Eibingen.

Der zweite Teil handelt in mehreren Visionen von der Erlösung des Menschen durch Jesus Christus. Im dritten und letzten Teil des Buches berichtet Hildegard dann von Visionen über die Apokalypse, das Ende der Welt. So spannt die Theologin einen Bogen vom Anfang der Heilsgeschichte bis zu ihrem Ende. Dabei macht sie auch deutlich, dass sie sich als Sprachrohr Gottes sieht. Die Theologie Hildegards geht auf etwas zurück, das sie selbst gesehen hat. In der Wissenschaft wurden bereits viele mögliche Erklärungen für diese Visionen diskutiert – letztlich muss ihr genauer Charakter wohl offenbleiben.

Kirchliche Anerkennung der Visionen

Für Hildegard stellte sich nun jedoch ein Problem: Würde die Kirche ihre Visionen anerkennen? Die Äbtissin wandte sich an Bernhard von Clairvaux (1090-1153), den Abt des Zisterzienserklosters in Clairvaux, der als Theologe, Prediger und Kreuzzugsprediger berühmt wurde. Er ermutigte Hildegard von Bingen, die nur wenig später ihre Visionen unter Beweis stellen konnte: Papst Eugen III. weilte von 1147 bis 1148 auf einer Synode in Trier. Er sandte eine Kommission auf den Disibodenberg. Auf der Synode trat zudem Bernhard von Clairvaux für Hildegard ein; der Papst autorisierte die Sehergabe der Äbtissin.

Im gleichen Jahr begann Hildegard mit den Planungen für ein neues Kloster; die alten Räumlichkeiten auf dem Disibodenberg waren für die stetig wachsende Frauengemeinschaft zu klein geworden. 1150 konnte der Konvent ein neues Kloster beziehen; es lag am Rupertsberg gegenüber der Stadt Bingen – der Ortsname sollte mit Hildegard auf immer verbunden bleiben.

Der Mensch zwischen Tugenden und Laster

1162 vollendete Hildegard ein weiteres Werk, das ihre Visionen wiedergibt: Den "Liber Vitae Meritorum", "Buch der Lebensverdienste". Hildegard stellt in diesem Band Tugenden und Laster einander gegenüber; wiederum geht es um Visionen vom Kosmos, von Gott und den Menschen. Direkt im Anschluss an dieses Werk widmete sich Hildegard schon ihrer nächsten Schrift, dem "Liber Divinorum Operum", "Buch vom Wirken Gottes". In diesem Werk entwirft Hildegard von Bingen den Gedanken, die ganze Schöpfung bilde eine Einheit.

Hildegard schreibt über Gott und die Welt als seine Schöpfung – und die Beziehungen zwischen Mensch und Schöpfung. Im "Liber Divinorum Operum" klingt bereits die Kritik an einem ausbeuterischen Umgang des Menschen an der Natur an.  Neben den drei theologischen Büchern, in denen sie ihre Visionen verarbeitete, trat Hildegard auch als Dichterin von Liedern in Erscheinung. Die Begabung zu Gesang und Musik könnte in der Familie gelegen haben: Ein Bruder Hildegards war als Domkantor in Mainz tätig.

Die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard
Bild: ©katholisch.de/Moritz Findeisen

Die heutige Benediktinerinnenabtei St. Hildegard liegt inmitten von Weinbergen oberhalb der Stadt Rüdesheim am Rhein. Das Kloster wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts neugegründet und knüpft an die Tradition der Hildegard von Bingen an.

Heute ist Hildegard einer breiten Öffentlichkeit aber nicht wegen ihrer theologischen oder liturgischen Werke bekannt, sondern wegen ihrer Natur- und Heilkunde. Diese entwickelt die Autorin in zwei Werken: Die "Physica" sammelt und beschreibt Arzneimittel. Gerade bei Kräutern zeigt Hildegard ein sehr breites Wissen, aber auch Tiere werden von der Autorin ausführlich behandelt und beschrieben. In ihrer Heilkunde "Causae et Curae" beschreibt Hildegard Krankheiten und gibt Ratschläge für ihre Behandlung. Der wesentliche Ratschlag Hildegards ist, Maß zu halten und so eine Harmonie zwischen den verschiedenen Funktionen des Körpers herzustellen.

Späte Heiligsprechung der verehrten Frau

Kurz vor ihrem Tod musste sich Hildegard 1178 noch einem kirchlichen Konflikt stellen: Sie hatte auf dem Friedhof ihres Klosters einen exkommunizierten Mann bestatten lassen; dies lief den kirchlichen Vorschriften zuwider. Da Hildegard sich weigerte, den Mann exhumieren zu lassen, wurde über das Kloster das Interdikt verhängt: Fortan blieb die Kirche des Klosters verschlossen. Schließlich konnte das Interdikt auf Intervention der Äbtissin zurückgenommen werden.

1179 starb Hildegard. Nur kurz darauf wurde ein Heiligsprechungsprozess für die verehrte Klosterfrau in Gang gesetzt, aber nicht abgeschlossen. Erst 2012 wurde sie von Papst Benedikt XVI. offiziell heiliggesprochen und zur Kirchenlehrerin erhoben. Der Papst begründete dies unter anderem damit, Hildegard sei eine "sehr angesehene Meisterin der Theologie". Anfang 2021 legte Papst Franziskus den 17. September als Gedenktag im weltweiten liturgischen Kalender fest.

Von Benedikt Bögle