Mehr als nur schöner Schein

Wie das Anzünden einer Kerze hilft, wenn wir keine Worte finden

Aktualisiert am 17.01.2022  –  Lesedauer: 
Wie das Anzünden einer Kerze hilft, wenn wir keine Worte finden
Bild: © privat
Spiritea

Jerusalem ‐ Manchmal sind unsere Sorgen so groß, dass wir sie nicht in Worte fassen können. Schwester Gabriela Zinkl erklärt, warum es gerade in diesen Momenten heilsam sein kann, eine Kerze der Hoffnung zu entzünden – und das nicht nur für uns selbst.

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Klar hat mich das überrascht. Ausgerechnet ein von mir in den sozialen Netzwerken geteiltes Foto mit Kerzen hat binnen weniger Stunden so viele "Likes" erhalten wie kein anderes. Selbst nach mehreren Monaten steht es auf der Beliebtheitsskala meiner Freunde noch immer weit oben. "One candle is especially lighted for YOU" – "Eine Kerze brennt besonders für DICH", hatte ich als Text zu dem Bild geschrieben, das voller brennender Kerzen ist, die in einer Kirche in mit Sand gefüllten Kästen stehen.

Immer wenn es mir die Zeit erlaubt, gehe ich gerne dorthin, bewundere die uralten Säulen und Mauern dieser Kirche und schaue den Menschen zu, wie sie dort in einer dunklen Nische eine Kerze anzünden. Sie sind damit nicht allein, denn bestimmt haben das vor ihnen über die Jahrhunderte hinweg schon viele so gemacht und an diesem Ort ihren Sorgen und Nöte mit dem Anzünden einer Kerze Gott anvertraut. An dem Tag, als ich das Foto aufgenommen habe, waren auffallend viele junge Leute an diesem kleinen Meer der Hoffnungslichter zu sehen, aber auch einige ältere. Da war der 30-Jährige mit gestyltem Haar und Aktentasche, der seiner Kerze noch längere Zeit sehnsuchtsvoll, fast flehend nachschaute. Da kam das Mädchen mit seinem Schulrucksack vorbei, das seine Kerze gekonnt anzündete, schnell in den Sand steckte und mit einem Stoßseufzer wegging. Es sah ganz danach aus, als ob bei ihr eine wichtige Prüfung anstand. Da war die ältere Frau mit strähnigem Haar, tiefen Augenringen und traurigem Blick; lange schaute sie ihrer Kerze beim Brennen zu und sprach mit ihren Lippen stumme Worte, ehe sie in gedrückter Haltung wieder ihres Weges ging.

Jeder kann in der Kirche eine Kerze für seine Anliegen anzünden

In dieser Ecke der Kirche, in der tagsüber jeder vorbeikommen und eine Kerze in seinen Anliegen anzünden kann, ist es still und warm. Und es herrscht dort eine ganz besondere Atmosphäre, ein warmes Licht, absolut einladend, Kerzenschein eben. Keine Glühbirne, keine noch so moderne LED-Lampe kommt an dieses Licht heran. Es ist faszinierend und wohltuend zugleich, dass man der Kerzenflamme zuschauen kann, ohne von ihr geblendet zu werden.

In vielen Kirchen gibt es diese Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden. Und für nicht wenige Menschen ist das ein ganz besonderes Ritual: nicht einfach zuhause, sondern an diesem besonderen Ort, in einer Kirche, eine Kerze mit einem Wunsch, einer persönlichen Bitte zu entflammen. Zugegeben, es berührt ungemein, wenn einem jemand erzählt, er oder sie habe für mich, für meine Familie oder für meine Probleme eine Kerze in einer Kirche angezündet. Und wer umgekehrt von sich aus jemanden bittet, in einer Kirche eine Kerze zu einem besonderen Anliegen anzuzünden, vertraut dem oder der anderen etwas sehr Intimes an. Denn damit gibt man nicht nur die eigenen Sorgen oder Hoffnungen preis, sondern offenbart dem anderen Menschen darüber hinaus, dass man ihm oder ihr das Anzünden der Kerze und vielleicht ein kleines Gebet zu Gott anvertraut und somit großes Vertrauen schenkt.

Bild: ©Rene Kellermann

Das Lichterkreuz in Zella-Mehlis, mit dem die Katholikin Gertrud Schop an die Covid-19-Toten in Deutschland erinnern möchte.

Kerzen sind ein Zeichen der Wärme und Nähe.

Zuhause mit einer Nachttischlampe würde dies wohl keinen Sinn machen. Brennende Kerzen sind und bleiben etwas Einzigartiges, denn sie setzen ein unaufdringliches und doch unübersehbares Zeichen der Nähe und Wärme. Wohl deshalb finden in letzter Zeit Aktionen in Form einer Lichterkette großen Anklang, zu der sich in den Abendstunden viele Menschen mit Kerzenlichtern versammeln oder zu einer verabredeten Zeit eine brennende Kerze ins Fenster stellen. Bei dieser modernen, stillen Art der Demonstration werden die Kerzenlichter zu einem sichtbaren Zeichen für Toleranz, Mitgefühl oder zur geoffenbarten Solidarität mit ganz bestimmten Opfern, Anliegen oder Ereignissen.

Warum setzen Menschen in dieses kleine Zeichen einer brennenden Kerze so viel Hoffnung? Bringt es wirklich etwas, eine Kerze in einer Kirche anzuzünden? – "Kerzen können selber nicht beten, aber sie können auf das Gebet einstimmen", lädt ein Infoblatt einer Kirchengemeinde am Kerzenständer ein. In einer Kirche im Elsass liegt dort, wo man Kerzen in persönlichen Anliegen entzünden kann, der folgende Text:
"Ich weiß nicht, wie das geht: Beten. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe nicht viel Zeit. Also, Herr, soll dieses Licht, das ich vor dir entzünde, mein Gebet sein: dass seine leuchtende Flamme meine Freuden und Leiden vor dich trage; dass seine tröstliche Flamme auch mein Leben hell mache durch deine treue Gegenwart."

Das Anzünden einer Kerze in der Gebetsecke einer Kirche oder auch zuhause vor einem Kreuz oder einer anderen religiösen Darstellung kann ein Hilferuf sein, wenn man keine Worte mehr findet und stumm bleibt, wenn es ganz schnell gehen muss, oder wenn man keinen anderen Ausweg mehr sieht. Selbst aktiv zu werden und nicht in Lethargie und Tatenlosigkeit zu verfallen bedeutet in so einem Moment schon sehr viel. Auch das ist eine Form des Gebets, denn Beten geschieht nicht allein durch Worte, sondern auch durch das Tun.

Wer eine Kerze anzündet muss keine Worte für das Gebet finden.

Oft zündet man eine Kerze für jemand anderen an und denkt dabei an jenen anderen, für den oder die man beten möchte: Menschen, die traurig sind; Menschen, die krank sind; Menschen, die vor einer schwierigen Herausforderung stehen; oder einfach Menschen, die einem ganz persönlich am Herzen liegen. Nicht allein um sich selbst zu kreisen, sondern auf den und die Nächste zu schauen und seine bzw. ihre Sorgen und Probleme ernst zu nehmen, auch, wenn dies in Stille geschieht – ist das nicht schon der Anfang von dem, was mit "Liebe deine(n) Nächste(n)" gemeint ist?

Und dann kommt da ja noch der liebe Gott ins Spiel. Er, der mein Herz kennt, weiß um mein Anliegen. Im Brennen der Kerze bleibt es vor ihm, auch wenn ich schon lange die Kirche wieder verlassen habe. Wir glauben an Gott als den, der immer bei uns ist, was auch geschieht. Er hält uns in seiner Liebe geborgen und ist kein jenseitiges Gegenüber, das sich durch fromme Gebetsübungen zu einer Reaktion veranlasst sieht. Mit dem Anzünden einer Kerze in einem bestimmten Anliegen geben wir der Welt eine neue Dimension, setzen ein helles Licht und vermitteln eine hoffnungsvolle Botschaft: Gute Erfahrungen werden als Zeichen der Liebe Gottes gesehen und schlechte Erfahrungen, Krankheit, Not und Tod haben nicht mehr die Macht, uns Menschen verzweifeln zu lassen und uns von der Liebe Gottes zu trennen.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.