Die Wüste in mir

Warum eine Wüste nicht aus Sand und Beton bestehen muss

Aktualisiert am 14.03.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ In der Fastenzeit spielt die Wüste eine besondere Rolle, denn auch Jesus fastete 40 Tage zwischen Sand und Sonne. Oftmals besteht die Wüste aber auch aus der Distanz zu anderen, schreibt Schwester Gabriela Zinkl. Doch wie findet man aus ihr wieder heraus?

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Wo ist die nächste Wüste? – "Ganz weit weg von hier!", würden wohl die meisten sagen. Denn Wüste ist doch vor allem in der Sahara, in der "großen Wüste" – so die wörtliche Übersetzung aus dem Arabischen –, die sich quer durch den Norden Afrikas zieht. Jede Wüste dieser Erde ist eigentlich ein Meer, aber eben ein trockenes, aus Sand und Stein. Wüste ist so gut wie unbewohnbar für Menschen, Pflanzen und Tiere, tagsüber ist es glühend heiß und nachts bitterkalt. Wüste ist alles andere als ein einladender Ort, an dem man bleiben möchte und sich wohlfühlen kann – einmal abgesehen von Asketen, die sich genau so etwas als Rückzugsort wünschen.

"Ich weiß nicht, was du hast", sagt ein Freund, "wir sind doch alle mittendrin. Siehst du nicht die Wüste um uns herum?" – Stimmt, man muss nicht unbedingt in ein fernes Land aufbrechen, um die Wüste zu erfahren. Denn an manchen Tagen beginnt die Wüste schon bei mir, in meinen Gedanken, meiner Wohnung, vor meiner Haustür und sie setzt sich fort draußen auf der Straße. Unterwegs kann ich auf viele Wüsten stoßen, in den tristen Landschaften und Häuserwüsten unserer Städte, genauso wie auf zwischenmenschliches Verhalten, das andere austrocknen lässt und ihnen das Leben schwer macht. Jeder kennt sie, die Betonwüsten, wo kein Grashalm zu sehen ist. Sogar Orte und Plätze, an denen es tagsüber nur so von Menschen wimmelt, können nachts oder zu anderen Zeiten wie ausgestorben sein, menschenleer, leblos, Wüste eben. Sehen wir doch einmal genauer hin in die Innenstädte, Shoppingmalls, U-Bahn-Stationen, Lagerhallen, Baumärkte oder Möbelcenter in der Peripherie. Auch noch so bunte Leuchtreklamen oder blinkende Schaufenster können nicht über die Tristesse dieser konkreten Orte hinwegtäuschen. Und die durchaus vorhandenen modernen Oasen, also Imbissbuden oder mobile Kaffeeverkäufer, die Nomaden der Stadtwüste, passen perfekt ins Bild der Wüste.

Eine Wüste gibt es auch, wo Menschen auf Distanz sind

Dass eine Wüste nicht unbedingt Sand oder Beton braucht, stellen wir selbst jeden Tag unter Beweis, jenseits aller Geographiebücher. Denn auch dort, wo Menschen gut versorgt wohnen, wo das Wasser praktischerweise aus dem Hahn kommt, gibt es die Wüste, die lebensfeindliche Umgebung. Der Übergang zu so einer Wüste beginnt da, wo Menschen sich ignorieren und sich aus dem Weg gehen, obwohl sie den ganzen Tag zusammenleben oder zusammenarbeiten; oder dort, wo aus der – höflichen oder gewohnten – Anonymität und Distanz unter uns stille Ödnis und Lieblosigkeit werden. Die Atmosphäre in einer vollen U-Bahn, im Bus oder auf Gehwegen, manchmal sogar in der eigenen Nachbarschaft, kann davon Bände sprechen. Die Wüste ist unübersehbar auch an den Orten, an denen jeder Dialog im Keim erstickt wird. Davon bin ich selbst nicht ausgenommen, wenn hinter mir aufgrund meines Verhaltens Wüste zurückbleibt, die den anderen die Lebensgrundlage und Freude nimmt.

Eine Großstadt aus der Vogelperspektive.
Bild: ©Fotolia.com/Marco2811 (Symbolbild)

Auch eine Stadtwüste kann bedrohlich wirken.

Es soll ja Menschen geben, die sich extra in die Wüste aufmachen. Das sind die Abenteuerlustigen, die als Touristen eine Safari durch die Sahara oder andere Wüstengebiete dieser Erde buchen, um dort, mit genügend Wasservorrat ausgestattet und bestens organisiert, ein paar freundliche Begegnungen mit Beduinen oder Nomaden zu erleben.

Es gibt aber auch diejenigen, die plötzlich mit der Wüste als Grenzsituation konfrontiert werden, ungewollt, ungeplant, wie vor den Kopf gestoßen. So geht es einem, wenn man die plötzliche Nachricht über den Tod eines geliebten Menschen erhält; wenn der Arzt nach der Routineuntersuchung mitteilt, es bestehe der Verdacht einer schweren Krankheit; wenn man von jemandem verlassen und im Stich gelassen wird; wenn man absolut verzweifelt ist und sich von Gott und der Welt allein gelassen fühlt.

Die Wüste hat in der Fastenzeit eine besondere Bedeutung

Wüste, egal ob ferne Sahara oder Stadtwüste vor meiner Wohnungstür, hat immer etwas Bedrohliches an sich. Irgendwann ist jeder und jede mit Wüste konfrontiert, ob man es wahrhaben will oder nicht. Auch im Glauben der Kirche spielt die Wüste eine wichtige Rolle, gerade jetzt, in der Fastenzeit. Denn diese Tage des Fastens und der Besinnung vor dem Osterfest beziehen sich auf den 40-tägigen Aufenthalt Jesu in der Wüste, wie zum Beispiel das Lukasevangelium berichtet: "Vom Heiligen Geist erfüllt, ging Jesus vom Jordan weg. Vierzig Tage lang wurde er vom Geist in der Wüste umhergetrieben und vom Teufel auf die Probe gestellt. Die ganze Zeit hindurch aß er nichts, so dass er schließlich sehr hungrig war" (Lukas 4,1-2).

Johannes der Täufer predigte in der Wüste. Abraham und Mose zogen durch die Wüste und machten dort intensive Gotteserfahrungen. Doch zuerst ist die Wüste auch in der Bibel immer ein trister Ort, trocken, herausfordernd, voller Gefahren. Wüste ist dort vor allem ein Ort des Zweifels: Ob ich das wohl überstehen werde? Ob ich das überlebe? Wann hört das alles endlich auf?

In jeder Wüste und zu jeder Zeit, in der man sich einsam und verlassen vorkommt, kann man nur überleben, wenn man Wasser findet, wenn man sich an etwas aufrichten kann, wenn einen jemand stärkt oder, wenn jemand nach mir sucht und die Hoffnung nicht aufgibt mich in der Wüste zu finden. Unsere tiefe Sehnsucht nach lebensrettendem Wasser, wenn man fast verdurstet, nach jemandem, der einem zuhört, Verständnis hat und eine helfende Hand reicht ist der Rettungsanker in diesem Meer der Steine, der Trockenheit, der Verlassenheit. Den Weg aus der Wüste schaffen und selber Wasser finden? Klar, es gibt Ratgeber und Leitfäden für alles, man kann Survival-Trainings machen und Überlebenspakete vorbereiten. Das ist alles nutzlos, wenn ich nicht die Gewissheit aufgebe, dass ich es nicht selber aus dieser Wüste schaffen werde, sondern, dass jemand ganz anderes, viel Größeres allein meinen Durst und meine Hoffnung stillen kann.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.