Synodenteam hat im Vatikan Dokument für kontinentale Phase vorgestellt

Arbeitspapier der Bischofssynode: Das Ende des Weltkirche-Arguments

Aktualisiert am 28.10.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Das Arbeitsdokument für die Bischofssynode zeigt – wie wohl noch kein Vatikan-Papier zuvor –, wie divers und vielfältig Katholiken in aller Welt leben. Priesterkinder, Frauenweihe und polygame Beziehungen sind nur einige Stichworte, die sich in dem gestern vorgestellten Bericht wiederfinden.

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Der Begriff "Weltkirche" gilt wohl nicht wenigen Gläubigen hierzulande als Inbegriff römischer Bevormundung und steht in ihren Augen für den Versuch, Pluralität mit Verweis auf die Kircheneinheit einzuhegen. Dieses Weltkirche-Einheits-Argument dürfte seit gestern Mittag der Vergangenheit angehören. Das Arbeitsdokument für die kontinentale Phase der Bischofssynode zur Synodalität zeigt – wie wohl noch kein im Vatikan vorgestelltes Dokument zuvor –, wie divers und vielfältig Katholiken in aller Welt glauben, denken und leben. Priesterkinder, Frauenweihe und polygame Beziehungen sind nur einige Stichworte, die sich in dem 45-seitigen Vatikan-Papier wiederfinden.

Auf diese und weitere "heiße Eisen" angesprochen, verwies Synoden-Chef Mario Grech auf den real existierenden Katholizismus: "Wir müssen auf alles hören und es wahrnehmen." Diese Haltung gehöre zu einer synodalen und damit hörenden Kirche unabdingbar dazu. "Inhaltlich folgen wir keiner Agenda. Wir geben mit dem Arbeitsdokument nur zurück, was bei uns in Rom aus aller Welt ankam", betonte er an diesem Nachmittag mehrmals. Daher habe man sich nun entschieden, "ohne Vorverurteilungen, ohne Einfügungen" eine Sammlung von Wortmeldungen zu präsentieren, die in den ersten beiden Phasen der Bischofssynode 2021-2024 zur Synodalität in Rom eingegangen seien. Nun müsse die Weltkirche schauen, ob sie sich in der römischen Zusammenfassung des Synodenteams wiederfinde, erklärten die Synodenplaner.

Schwester Nathalie Becquart, Kardinal Mario Grech und Bischof Luis Marin de San Martin bilden das Generalsekretariat der Bischofssynode
Bild: ©KNA/Francesco Pistilli

Bilden gemeinsam das Generalsekretariat der Bischofssynode: Schwester Nathalie Becquart (l.), Untersekretärin, Kardinal Mario Grech (m.), Generalsekretär, und Bischof Luis Marin de San Martin (r.), Untersekretär der Bischofssynode.

Das Documento per la Tappa Continentale del Sinodo (DCS) ist ein erster Meilenstein der seit 2021 laufenden Weltbischofssynode zur Synodalität in der Kirche. Weil die Kirche in den vergangenen 2.000 Jahren zumeist vergessen habe, dass sie nur synodal existieren könne, hat Papst Franziskus ihr drei Jahre Nachhilfe im Fach “Synodalität” verschrieben. Die Kirche solle an der konkreten Erfahrung von Synodalität arbeiten und wachsen. Dazu ließ der Papst in einem ersten Schritt sein Synodenteam zehn Fragen in alle Bistümer weltweit schicken und bat um rege Beteiligung. Ziel war es, in den Diözesen "den Reichtum der dort gelebten Erfahrung von Synodalität in ihren verschiedenen Ausdrucksformen und Facetten zusammenzutragen", heißt es im Vademecum der Bischofssynode. Durch die Aufteilung der Weltbischofssynode in diözesane Phase, kontinentale Phase und globale Phase erhoffen sich die Synodenplaner ein "wahrhaftiges Hinhören auf das Gottesvolk" – man wolle Dialog durch Zirkularität schaffen.

Im August trudelten im Sekretariat der Bischofssynode Rückmeldungen der nationalen Bischofskonferenzen, römischen Dikasterien und Einzelpersonen ein. Normalerweise wäre daraus im Vatikan ein Arbeitsdokument für die 2023 stattfindende Bischofssynode erstellt worden. Doch diesmal hat man sich dazu entschieden, in einer kontinentalen Phase dieses Dokument noch einmal an die Ortskirchen zurückzugegeben. Durch diese Zirkularität wolle man die "Achtung der Akteure des synodalen Prozesses" garantieren, sagte Grech. Die Synode sei kein Prozess der fortschreitenden Abstraktion, "der sich allmählich vom Boden, von der alltäglichen Realität löst, um sich auf immer entferntere Ebenen zu erheben", sondern ein Prozess des Gehens und Wiederkehrens. Dieser Idee wolle man mit dem Zwischenschritt einer kontinentalen Relecture Rechnung tragen.

Zwei Wochen Klausur zur Texterstellung

Um die Vielzahl der Rückmeldungen zu bewältigen, zog sich vom 21. September bis 2. Oktober eine Gruppe von etwa 50 Leserinnen und Lesern ins römische Umland nach Frascati zurück. "Wir sind alle überrascht gewesen –  positiv überrascht gewesen, erst mal festzustellen, dass Menschen in der Welt eigentlich identische Anliegen, eine identische Erfahrung, identische Sorgen haben", sagte die Theologieprofessorin Myriam Wijlens, die selbst an der Erstellung des DCS beteiligt war, vor einigen Tagen Radio Vatikan. Es bestehe eine sehr große Übereinstimmung was die Meinungen in der Weltkirche angehe, betonte sie. So steht es auch in der Einleitung des DCS: "Die von den Kirchen in aller Welt gesendeten Berichte geben den Freuden, Hoffnungen, Leiden und Wunden der Jünger Christi eine Stimme." (DCS 15) In diesen Wortmeldungen zeige sich "was im Herzen der ganzen Menschheit liegt" (DCS 15).

Eine alt-katholische Diakonin wird in einer Kirche in Rom zur Priesterin ordiniert.
Bild: ©picture-alliance / LaPresse / Mauro Scrobogna

"In fast allen Berichten wird die Frage der vollen und gleichberechtigten Beteiligung von Frauen angesprochen", heißt es im Vorbereitungsdokument der Weltbischofssynode 2023/24

Um die Stimme der Weltkirche zu illustrieren, habe man sich entschieden, ausgiebig aus den Eingaben der Bischofskonferenzen zu zitieren: "Die Zitate, die das DCS durchziehen, sollen einen Eindruck vom Reichtum des eingegangenen Materials vermitteln und die Stimmen des Volkes Gottes aus allen Teilen der Welt so weit wie möglich zu Wort kommen lassen." (DCS 6) Man habe daher Zitate ausgewählt, die "auf besonders eindringliche, schöne oder präzise Weise Gefühle zum Ausdruck bringen, die in vielen Berichten allgemein zum Ausdruck kommen." (DCS 6) Entstanden sei ein außerordentlicher Schatz, "der die Erfahrung des Hörens auf die Stimme des Geistes enthält, die das Volk Gottes verkündet und den sensus fidei hervortreten lässt" (DCS 8).

Was Grech und sein Team präsentiert haben, ist eine bunte Schau der Vielfältigkeit des katholischen Glaubens. Das Dokument fasst Kernthemen zusammen, geht aber auch auf Partikularitäten ein. Zwei Themen stechen hervor: die Liturgie und die Rolle der Frau. Sie spielen in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder eine Rolle und tangieren alle anderen Themenbereiche. Durch die Vielzahl von Zitaten werden Gemeinsamkeiten sichtbar und landesspezifische Probleme greifbar.

Beteiligung von Frauen und Alte Messe

Das DCS bezeichnet die Liturgie als wichtigen Bestandteil der Synodalität. Selbst die Entstehung des DCS wird vom Synodenteam mitunter als liturgischer Prozess skizziert. Mit Blick auf die Ausführungen zur Liturgie im DCS zeigt sich: sie verbindet und trennt Katholiken in aller Welt. Die Frage der Beteiligung von Frauen in der Liturgie (DCS 91) spielt ebenso eine Rolle wie der Wunsch nach einem Nebeneinander von vor- und nachkonziliarer Messe (DCS 92). Auch mangelnde Bildung des Klerus wird im Zusammenhang mit der Liturgie thematisiert (DCS 93). Mit Blick auf den Klerus bekommen auch Einsamkeit und Priesterkinder einen Platz im Vatikan-Dokument. Die Berichte aus aller Welt seien "sensibel für die Einsamkeit und Isolation vieler Mitglieder des Klerus, die sich nicht gehört, unterstützt und geschätzt fühlen: vielleicht ist eine der am wenigsten offensichtlichen Stimmen in den Berichten die von Priestern und Bischöfen, die für sich selbst und über ihre Erfahrungen des gemeinsamen Weges sprechen." (DCS 34).

Bild: ©DBK

Der weltweite synodale Prozess, den Papst Franziskus angestoßen hat, wird umfangreicher als geplant. Mit einer emotionalen Predigt und einer überraschenden Ankündigung hat der Papst Mitte Oktober angedeutet, wohin die Reise geht.

In einigen Rückmeldungen sei zudem "auf die Notwendigkeit hingewiesen [worden], angemessene Formen der Aufnahme und des Schutzes für die Frauen und eventuellen Kinder von Priestern zu gewährleisten, die das Zölibatsgelübde gebrochen haben und andernfalls Gefahr laufen, schwere Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen zu erleiden." (DCS 34) Die Fragen der Kircheneinheit und Zulassung zur Kommunion bekommt ebenfalls breiten Raum (DCS 48; 94). Das DCS beschreibt diese Themen als Exils-Erfahrungen und Erfahrungen der Heimatlosigkeit. (DCS 24; 38) Auch die Sorgen Alleinerziehender, von Menschen in polygamen Beziehungen oder LGBTQ-Personen haben Raum im Arbeitsdokument – auch wenn sie keine bestimmenden Themen sind. (DCS 39)

Am ausführlichsten werden hingegen Entfremdungserfahrung vieler Frauen thematisiert. Auf der einen Seite sei die Mehrheit der Gottesdienstbesucher weiblich, doch ergebe sich daraus keine entsprechende Beteiligungsmöglichkeit für sie. Mit ausführlicher Zitation belegen die Synodenplaner diese Erfahrung aus den verschiedensten Erdteilen (DCS 61): "In fast allen Berichten wird die Frage der vollen und gleichberechtigten Beteiligung von Frauen angesprochen […] Die Berichte sind sich jedoch nicht einig über eine einzige oder vollständige Antwort auf die Frage nach der Berufung, Einbeziehung und Entfaltung von Frauen in Kirche und Gesellschaft." (DCS 64). DCS zeigt auch, dass weltweit die Fragen nach dem Diakonat der Frau und der Predigt offen diskutiert werden. Was die Priesterweihe der Frau angeht, konstatieren die Synodenorganisatoren größere Meinungsunterscheide. Einige Berichte forderten die Priesterwehe für Frauen, anderen sähen die Frage als geklärt an (DCS 64). Professorin Anna Rowlands erklärt, dass die Ordinationsfrage in sehr vielen Rückmeldungen eine Rolle spiele. Eine fast noch größere Rolle spiele aber die Frage nach der kirchlichen Sprachfähigkeit zu Frauenthemen. Kirche solle Verbündete der Frauen in allen Bereichen ihres Lebens werden, hält das Dokument fest (DCS 61). Die Kirche in Neuseeland schreibt dazu: "Die fehlende Gleichberechtigung der Frauen innerhalb der Kirche wird als Stolperstein für die Kirche in der modernen Welt angesehen." (DCS 62)

Segnungsgottesdienst für Liebende
Bild: ©KNA/Rudolf Wichert

Ungleichzeitigkeit in der Kirche, während in Deutschland die Forderung nach der kirchlichen Segnung homosexueller laut wird, heißt es beispielsweise in Lesotho: "Es gibt ein Phänomen in der Kirche, das in Lesotho absolut neu ist: gleichgeschlechtliche Beziehungen. […] Diese Neuheit ist beunruhigend für die Katholiken und für diejenigen, die sie als Sünde betrachten. Überraschenderweise gibt es in Lesotho Katholiken, die dieses Verhalten praktizieren und von der Kirche erwarten, dass sie sie und ihre Verhaltensweisen akzeptieren. […] Das ist eine problematische Herausforderung für die Kirche, denn diese Menschen fühlen sich ausgeschlossen." (DCS 39).

Das Synoden-Dokument lebt von der weltkirchlichen Pluralität. Einige Texte zeugen vom kirchlichen Selbstbewusstsein für Umwelt und Frieden einzutreten (DCS 45-46) oder thematisieren aus ihrem Kontext heraus die Frage nach dem Umgang mit anderen Religionen (DCS 53). Die Polyphonität der Weltkirche zeigt sich an einer Eingabe aus Südafrika. Dort verhandelt die Kirche die Fragen nach Abtreibung, Empfängnisverhütung, Frauenordination, Zölibat, Scheidung, Mahlgemeinschaft und Homosexualität unter dem Vorzeichen des "internationalen Trends der Säkularisierung, der Individualisierung und des Relativismus." (DCS 51)

Wie existenziell manche Diskussionen für das kirchliche Selbstverständnis sein können, zeigt die Homosexualitäts-Eingabe aus Lesotho: "Es gibt ein Phänomen in der Kirche, das in Lesotho absolut neu ist: gleichgeschlechtliche Beziehungen. […] Diese Neuheit ist beunruhigend für die Katholiken und für diejenigen, die sie als Sünde betrachten. Überraschenderweise gibt es in Lesotho Katholiken, die dieses Verhalten praktizieren und von der Kirche erwarten, dass sie sie und ihre Verhaltensweisen akzeptieren. […] Das ist eine problematische Herausforderung für die Kirche, denn diese Menschen fühlen sich ausgeschlossen." (DCS 39).

Die kontinentale Phase

Hieran wird eine Schwachstelle des Prozesses sichtbar, die auch im Dokument thematisiert wird. Viele Menschen tauchten nur auf, weil über sie gesprochen wird. Sie seien durch den Prozess nicht erreicht worden. (DCS 40) Das soll sich in der nun anstehenden kontinentalen Phase der Weltsynode ändern. Jeder Bischof habe jetzt die Aufgabe in seiner Diözese das DCS zu reflektieren und gemeinsam mit seiner Ortskirche – und bisher nicht Gehörten – darauf zu antworten. Die Diözesen sollen beim Lesen der Rückmeldungen aus aller Welt mit der Weltkirche "ins Gespräch kommen".

Im Anschluss an diese diözesanen Kirchenkonferenzen sei es Aufgabe der Bischöfe, auf kontinentaler Ebene "zusammenzukommen um die gelebte Synodenerfahrung aus der Perspektive ihres spezifischen Charismas und ihrer Rolle kollegial zu überdenken" (DCS 108). Diese Kontinentalversammlungen sollen jedoch auch kirchliche Versammlungen (des gesamten Volkes Gottes) und nicht nur bischöfliche Versammlungen sein. Daher sollten die Teilnehmer die Vielfalt des Volkes Gottes angemessen repräsentieren: Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensmänner und -frauen, Laien und Laien, betonen die vatikanischen Synodenplaner. Die kontinentalen Bischofskonferenzen werden die Ergebnisse für ihren Kontinent kontextualisieren und in einem maximal 20-seitigen Dokument zusammenfassen. Die kontinentale Versammlung für Europa dazu wird vom 5. bis 12. Februar 2023 in Prag stattfinden. Daraus werde man die Themen für die Bischofssynode 2023 setzen. Es sind viele Themen und, so schreiben es die Synodenplaner, "das Kirchenrecht wird diesen Prozess der strukturellen Erneuerung begleiten müssen, indem es die notwendigen Änderungen an den derzeit geltenden Regeln vornimmt." (DCS 71)

Von Benedikt Heider

Das Arbeitspapier der Weltbischofssynode im Wortlaut

Das Arbeitspapier für die kontinentale Phase der Weltbischofssyode 2021-2024 liegt auf Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch und Portugiesisch vor. Es kann auf der Internetseite der Synode heruntergeladen werden.