Seit gut drei Monaten ist Erzbischof Hubertus van Megen Apostolischer Nuntius in Deutschland. Im Interview mit katholisch.de spricht der Niederländer über seine ersten Eindrücke von Deutschland und der katholischen Kirche in der Bundesrepublik. Außerdem äußert er sich zum Synodalen Weg, den dort formulierten Reformforderungen und der Zukunft der Synodalkonferenz, der Suche nach neuen Bischöfen und der Frage, was einen guten Bischof heute ausmacht.
Frage: Herr Nuntius, Sie sind jetzt seit gut drei Monaten in Deutschland tätig. Wie haben Sie sich eingelebt?
van Megen: Als jemand, der an der deutsch-niederländischen Grenze aufgewachsen ist, dachte ich am Anfang, ich wüsste, was Deutschland ist und wofür Deutschland steht. Aber nach ein paar Wochen hier in Berlin wurde mir klar: Ich weiß eigentlich gar nichts von Deutschland. Dazu kam die Umstellung von Nairobi auf Berlin, das ist eine ganz andere Realität. Ich war beinahe 16 Jahre in Afrika. Obwohl ich zwischendurch immer wieder mal zu Besuch in Europa war, ist es doch etwas anderes, nun wieder in Europa zu leben. Und Berlin ist noch einmal anders als viele andere europäische Städte. Erst seit drei oder vier Wochen habe ich den Eindruck: Jetzt geht die Party richtig los. (lacht)
Frage: Haben Sie Berlin auch bereits außerhalb der Nuntiatur etwas erkundet?
van Megen: Ja, durchaus. Ich bin dabei, mich einzuleben und fühle mich auch schon ganz wohl hier an der Grenze von Kreuzberg und Neukölln. Ich bin auch schon ein bisschen herumgekommen in Berlin, auch mit der U-Bahn. Vor Kurzem war ich im Alten Museum und im Berliner Dom. Ich denke, dass ein offener Blick für Diplomaten wichtig ist, um – wie jetzt in meinem Fall – ein besseres Verständnis von Berlin und von der deutschen Kultur und Geschichte zu bekommen. Und Berlin ist natürlich eine sehr geschichtsträchtige Stadt.
Frage: Wie steht es um Ihr Bild von der katholischen Kirche in Deutschland? Haben Sie sich diesbezüglich auch bereits einen Eindruck verschaffen können?
van Megen: Durch meine Herkunft und die Nähe zum katholisch geprägten Aachen dachte ich früher immer, Deutschland sei ein sehr katholisches Land. Irgendwann bin ich dahintergekommen, dass das nicht ganz so ist. Ich hatte vor meiner Ankunft hier gehört, dass die katholische Kirche in Deutschland ein paar Probleme hat und dass es Spannungen gibt. Während meiner Zeit in Afrika hat mich die Situation in Deutschland aber, ehrlich gesagt, nicht tiefer interessiert. Deutschland ist von Afrika aus gesehen weit weg. Aber als Holländer sehe ich inzwischen doch gewisse Parallelen zur niederländischen Kirche. Dort hat es in den vergangenen Jahrzehnten Entwicklungen gegeben, die man zeitverzögert nun auch hier in Deutschland erlebt. Der Prozess der Säkularisierung setzt sich immer weiter fort.
Frage: Was bedeutet das für die Kirche?
van Megen: Man darf nicht die Illusion haben: Wenn sich die Kirche nur genügend an die Gesellschaft anpasst, dann wird sie dadurch gerettet. Das wird es nicht geben. Die Kirche hat eine Botschaft, die Botschaft von Jesus Christus. Aber die Gesellschaft hat – so ehrlich müssen wir sein – kaum noch Interesse an dieser Botschaft. Das hat auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die unabhängig von der Kirche stattfinden. Auch in Deutschland gibt es immer weniger Katholiken. Das hat zum Teil mit dem Missbrauchsskandal zu tun, zum Teil mit den sinkenden Geburtenzahlen. Zu dieser Entwicklung gehört ebenso, dass die Botschaft der Kirche die Leute einfach nicht mehr interessiert.
Grundsätzlich ist es gut, dass die Kirche in Deutschland ihre Reformwünsche bislang immer Rom vorgelegt hat. Daran merkt man: Die Kirche hierzulande möchte keinen Alleingang.
— Erzbischof Hubertus van Megen
Frage: Blicken wir auf den Synodalen Weg, der künftig als Synodalkonferenz weitergeführt werden soll. Der Reformprozess hat das Verhältnis zwischen der Kirche in Deutschland und dem Vatikan in den vergangenen Jahren stark belastet. Wie blicken Sie auf diese Thematik?
van Megen: Grundsätzlich ist es gut, dass die Kirche in Deutschland ihre Reformwünsche bislang immer Rom vorgelegt hat. Daran merkt man: Die Kirche hierzulande möchte keinen Alleingang. Sie ist sich bewusst, dass sie Teil der universalen Kirche ist. Ich möchte Ihnen dazu eine Anekdote erzählen: Als in Afrika bekannt wurde, dass ich nach Deutschland gehe, gab es viele Reaktionen von Priestern, aber auch von Laien. Sie sagten sinngemäß: "Oh, Sie gehen nach Deutschland. Passen Sie auf! Die wollen eine Kirche, die es gar nicht geben kann." Diese Spannung mit Blick auf den Synodalen Weg geht durch die ganze Weltkirche.
Frage: Die Statuten der Synodalkonferenz liegen derzeit zur sogenannten Recognitio, also zur Überprüfung, in Rom. Diese Prüfung dauert aus deutscher Perspektive bereits sehr lange. Wie ist der aktuelle Stand?
van Megen: Soweit ich weiß, werden die Statuten derzeit in verschiedenen Dikasterien studiert. Ehrlich gesagt kann ich aber noch wenig dazu sagen, wo wir aktuell stehen. Ich hoffe, Ende Oktober nach Rom fahren zu können. Ein zentraler Grund dafür ist, ein bisschen zu hören und zu erspüren, wo wir in dieser Diskussion sind und wie die Kurie auf die Sache blickt.
Frage: Rechnen Sie denn damit, dass Rom den Statuten am Ende zustimmen wird?
van Megen: Ich tue mich schwer, dazu jetzt etwas zu sagen. Nur so viel: Rom ist nicht Berlin; manche Dinge dauern im Vatikan einfach etwas länger. Deutschland ist schließlich nicht das einzige Land, um das man sich in der Kurie kümmern muss. Es hängt zudem stark davon ab, wie der Papst die Thematik sieht. Genau deshalb möchte ich möglichst bald nach Rom fahren, um das besser zu verstehen. Ich weiß, dass auch Bischof Heiner Wilmer deswegen in ständigem Kontakt mit Rom ist. Und das ist gut. Wenn Sie mich heute fragen, würde ich mit Blick auf die Statuten sagen: Warten wir mal ganz entspannt ab.
Frage: Bischof Wilmer hat zuletzt gesagt, die Reformthemen des Synodalen Wegs – also etwa der Umgang mit Macht oder die Frauenfrage – seien "nicht abgeräumt". Welche Themen sind aus Ihrer Sicht berechtigt und sollten weiterverfolgt werden?
van Megen: Erlauben Sie mir eine Gegenfrage. Sie sprechen vom "Umgang mit Macht". Als Ausländer und jemand, der kein deutscher Muttersprachler ist: Warum sagt man "Macht" und nicht "Autorität" oder "Dienst"? Macht hat für mich etwas Negatives, etwas Unterdrückendes. Ich sehe das auch in vielen Dokumenten des Synodalen Wegs: Macht, Macht, Macht. Die Frage ist dort immer: Wer hat die Macht? Ich finde dieses Wort fast schon gefährlich.
"Aus welcher Motivation heraus möchte man die Kirche reformieren? Denkt man: Wenn wir diese oder jene Reform machen, dann retten wir die Kirche? Das hielte ich für eine Illusion", so der Apostolische Nuntius im Gespräch mit katholisch.de.
Frage: Dann frage ich allgemeiner: Welche Themen des Synodalen Wegs sollten aus Ihrer Sicht weiter diskutiert werden?
van Megen: Papst Franziskus hat einmal beinahe frustriert gesagt, dass er sich vorher kaum habe vorstellen können, dass es so unterschiedliche Weltbilder zwischen einem Bischof etwa im Senegal und einem Bischof in Deutschland geben könnte. Aber es ist so. Das ist die große Spannung: Wie hält man diese Universalkirche zusammen? Die Probleme, die wir hier in Deutschland haben, bestehen in vielen Ländern Afrikas zum Beispiel gar nicht. Die haben dort ganz andere Probleme. Die Deutschen wollen nach meinem Eindruck oftmals zu schnell zu viel. Was ich mich außerdem frage: Aus welcher Motivation heraus möchte man die Kirche reformieren? Denkt man: Wenn wir diese oder jene Reform machen, dann retten wir die Kirche? Das hielte ich, wie schon gesagt, für eine Illusion.
Frage: Eine zentrale Aufgabe für Sie als Nuntius ist auch die Suche nach neuen Bischöfen. In Deutschland sind derzeit gleich mehrere Bistümer vakant. Sind Sie bereits mit den Nachfolgesuchen befasst?
van Megen: Na klar, dafür werde ich schließlich bezahlt. (lacht)
Frage: Der Prozess der Bischofsauswahl wird immer wieder kritisiert: Das Verfahren sei zu hierarchisch und zu geheim, heißt es. Was sagen Sie dazu?
van Megen: Einer der Gründe für die Geheimhaltung ist sicher, dass im Laufe des Verfahrens sensible Informationen über die Kandidaten bekannt werden, von denen man nicht möchte, dass sie an die Öffentlichkeit gelangen. Es geht hierbei auch um die Privatsphäre der Kandidaten. Je mehr man Informationen teilt, desto größer ist das Risiko, dass sie öffentlich werden. Aber: Ein wichtiger Aspekt bei der Suche nach einem neuen Bischof ist die Befragung des Umfelds eines Kandidaten. Man geht etwa zu einem Professor, bei dem er an der Universität war, zu einem Lehrer, bei dem er in der Schule war, oder man fragt Mitglieder von Pfarreien, wo er gearbeitet hat. Man spricht also mit vielen Menschen, die direkten Kontakt mit dem Kandidaten hatten. Insofern ist das Verfahren doch sehr demokratisch.
Frage: Wie schwierig ist es – auch angesichts der immer kleiner werdenden "Personalreserve" in Deutschland – überhaupt noch geeignete Kandidaten für die vakanten Bischofsstühle zu finden?
van Megen: Dazu kann ich mich im Detail nicht äußern, weil mir dazu noch der tiefere Einblick in die deutsche Situation fehlt. Grundsätzlich ist es aber sicher nicht einfach. In Afrika hatte ich in vakanten Bistümern teilweise leicht 30 geeignete Kandidaten für einen Bischofsposten. Wenn ich hier in Deutschland zehn habe, dann ist das schon viel. Und von diesen zehn fallen dann vielleicht fünf direkt weg, weil sie doch nicht geeignet sind. Ein Problem ist, dass es immer weniger Priester gibt. Zudem kann ich mir auch vorstellen, dass ein Kandidat, der gefragt wird, ob er Bischof werden möchte, ablehnt. Weil er sagt: "Das ist mir zu viel Verantwortung, zu viel Druck. Ich will lieber Pfarrer bleiben." Das kommt durchaus vor.
Für mich ist das Wichtigste bei einem Bischof das Charisma. Ein Bischof darf keine graue Maus sein.
— Erzbischof Hubertus van Megen
Frage: Welche Eigenschaften sollte ein Bischof heute mitbringen, um seiner Aufgabe gewachsen zu sein?
van Megen: Er muss meiner Überzeugung nach vor allem Charisma haben. Er muss wissen, wie er die Leute inspirieren kann. Das ist wichtig. Und er muss über die Grenzen Deutschlands hinausblicken können oder internationale Erfahrung haben. Wir sollten niemanden zum Bischof machen, der nur mit Scheuklappen dasitzt und nicht weiß, was außerhalb der eigenen Bistumsgrenzen geschieht. Wir sind eine Universalkirche. Ein Bischof in Deutschland muss auch verstehen, was es bedeutet, Kirche in Afrika, Lateinamerika oder Asien zu sein.
Frage: Wie wichtig sind Managementfähigkeiten für einen Bischof?
van Megen: Ein guter Manager zu sein und gut mit Geld umgehen zu können, ist für mich nicht so entscheidend. Dafür gibt es jede Menge Experten, vor allem hier in Deutschland, die das wahrscheinlich viel besser können. Noch einmal: Für mich ist das Wichtigste bei einem Bischof das Charisma. Ein Bischof darf keine graue Maus sein.
Frage: In Deutschland gab es zuletzt mehrere Bischofsrücktritte vor der Altersgrenze, teilweise auch mit Verweis auf die Belastungen des Amtes. Muss man bei der Auswahl stärker darauf achten, wie belastbar ein Kandidat ist?
van Megen: Das Bischofsamt ist mit Erwartungen überfrachtet. Diesbezüglich ist es durchaus mit der Aufgabe von Politikern vergleichbar. Von Politikern wie von Bischöfen wird erwartet, dass sie alles wissen, alles können, perfekt sind und gut reden können. Sie sollen für den Schutz des Lebens sein, für den Schutz der Natur, für den Schutz der Flüchtlinge und so weiter und so fort. Wie eine eierlegende Wollmilchsau. Aber das kann nicht funktionieren. Natürlich muss ein Bischof gesund sein, sonst schafft er das Amt gar nicht. Der Druck ist sehr hoch. Und in Deutschland ist er, gerade wegen der vielen Debatten hier, vermutlich nochmal höher als in anderen Ländern. Dass ein Bischof irgendwann sagt: Ich schaffe es nicht mehr – vor allem, wenn er schon ein bisschen älter ist –, kann ich deshalb gut verstehen.
Frage: Angesichts der prekären personellen und finanziellen Situation gerade der ostdeutschen Bistümer wird mitunter vorgeschlagen, Bistümer dort zusammenzulegen. Ist das aus Ihrer Sicht ein denkbares Modell?
van Megen: Das muss man sich in jedem Einzelfall genau überlegen und dabei auch die Geschichte eines Bistums betrachten. Dass Zusammenlegungen von Bistümern grundsätzlich möglich sind, ist klar; in anderen Ländern ist das ja auch schon geschehen. Aber für mich ist es noch zu früh, um darauf konkret zu antworten.