Suche
Hans-Gerd Paus will 12.000 Kilometer bis Kap Finisterre laufen

Pfarrer pilgert durch Europa: "Würde gerne auf einer Pilgertour sterben"

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Bonn - Pfarrer Hans-Gerd Paus will zwei Jahre lang durch Europa pilgern. Der frühere Gefängnisseelsorger hat schon einige Schicksalsschläge in seinem Leben hinter sich. Warum die geplante Pilgertour auch beschwerlich sein wird, erzählt der 66-Jährige im Interview mit katholisch.de.

Hans-Gerd Paus war Pfarrer in der Justizvollzugsanstalt Geldern und ist seit kurzem ist im Ruhestand. Weil er leidenschaftlich gerne pilgert, hat er sich für seinen Ruhestand eine lange Tour quer durch Europa vorgenommen. Auch wenn Paus den Start der Wanderung schon einmal verschoben hatte, will er nun endlich die 12.000 Kilometer vom nördlichsten Punkt in Europa bis zum südlichsten und dann vom östlichsten bis zum westlichsten Punkt nach Kap Finisterre laufen. Warum die Reise, die heute startet, für den früheren Gefängnisseelsorger vom Niederrhein wichtig ist und was er in seinem Rucksack unbedingt mitnehmen will, erzählt der 66-Jährige im Interview mit katholisch.de.

Frage: Herr Pfarrer Paus, Sie planen eine lange Tour durch Europa. Wie kam es dazu?

Paus: Ich plane diese Tour schon seit einigen Jahren. Ich will auf alten christlichen Wegen quer durch Europa laufen. Es ist eigentlich ein Kreuz, das ich ablaufen möchte. Also vom Nordkap bis nach Sizilien, vom Norden in den Süden und von Istanbul bis nach Santiago de Compostela, also vom Westen in den Osten. Der Schlusspunkt ist dann das Kap Finisterre. Überall dort will ich als Pilger Danke sagen.

Frage: Wofür möchten Sie denn besonders Danke sagen?

Paus: Ich will mich dafür bedanken, dass ich diesen Weg überhaupt laufen kann. Denn eigentlich wollte ich schon im Juni letzten Jahres starten. Damals wurde bei einer Routineuntersuchung Lungenkrebs festgestellt und ich musste operiert werden. Daher habe ich die Reise aufgeschoben. Doch jetzt will ich nicht mehr aufschieben.

Frage: Wollen Sie wirklich laufen, obwohl Sie erkrankt sind?

Paus: Ich werde zu 90 Prozent diese Pilgerwanderung antreten. Ich habe mich erst gestern noch von einem Arzt untersuchen lassen. Der hat zu mir gesagt: "Schreiben Sie mir bitte eine Postkarte aus Skandinavien. Von dort habe ich noch nie eine bekommen." Mein anderer Arzt hat mich allerdings gebeten, dass ich, wenn ich auf der Tour durch Deutschland laufe, erst noch bei ihm vorbeikomme, um meine Blutwerte checken zu lassen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich an Krebs erkrankt bin, mein Körper gerät immer wieder durcheinander. Ich bin schon sehr oft operiert worden. Aber ich will trotzdem laufen. Ich werde meine jetzige Tour nicht noch einmal aufschieben. Außer es kommt etwas sehr Ernstes dazwischen, dann breche ich endgültig ab.

Frage: Das heißt, den Lungenkrebs haben Sie zurzeit besiegt?

Paus: Ja, momentan geht es mir gut. Auch wenn ich beim Atmen etwas Probleme habe. Aber das geht schon. Ich musste bei der Operation einen Lungenflügel herausnehmen lassen. Mit dieser halben Lunge will ich nun laufen. Für mich ist das Gehen wie ein Gebet mit den Füßen.

Frage: Hilft Ihnen das Gebet?

Paus: Ja, sehr, für mich ist das Gebet sehr wichtig. Es ist eine innere Zuwendung zu Gott. Beim Gebet empfange ich Gottes Zuwendung. Ich habe an die 60 Operationen hinter mir. Ich weiß, was es heißt, um seine Gesundheit zu beten. Ich gehe nicht davon aus, dass ich nie mehr operiert werde und ich gehe auch nicht davon aus, dass ich nicht wieder erkranke. Aber ich möchte laufen, sonst bewege ich mich gar nicht mehr.

Frage: Wie gehen Sie damit um, dass Sie schon so oft schwer erkrankt waren, hadern Sie mit Gott?

Paus: Nein, heute hadere ich nicht mehr mit Gott. Dieses Hadern hatte ich eher in meiner Jugend. All die Krankheiten und Operationen haben mich verändert. Aber der Typ, der ich jetzt bin, nach all dem, was war, den mag ich. Ich komme mit all dem klar. Gott ist immer ein treuer Begleiter für mich. Auch bei einer Krebsdiagnose war Gott immer mein erster Ansprechpartner, ein Beistand, der mich in Händen hält, aber mich auch wieder loslässt.

Am Nordkap, dem nördlichsten Punkt in Europa, startet Hans-Gerd Paus seine Pilgertour. Das Ziel ist das Kap Finisterre in Spanien.

Frage: Begleitet Sie jemand auf der Tour oder sind Sie allein unterwegs?

Paus: Anfangs hatte ich das schon geplant, dass mich hin und wieder jemand begleitet. Aber das ist jetzt nach meiner Erkrankung gestrichen. Ich kann nicht sagen, wo ich wann bin, ich weiß auch nicht, wie lange ich für welche Strecke brauchen werde. Daher gehe ich allein.

Frage: Was machen Sie, wenn in der Wildnis im Norden etwas Schlimmes passiert und Sie in Not geraten?

Paus: Das werde ich immer wieder gefragt: "Hast du keine Angst allein da oben in der Wildnis im Norden, ist es nicht zu gefährlich?" Ich trage so ein Urvertrauen in mir, dass schon alles gut gehen wird. Letztendlich hat Gott mir in meinem Leben immer wieder gezeigt, dass er für mich da ist. Das heißt nicht, dass nicht immer wieder mal was passieren kann. Aber es gibt kein Loch, das so tief ist, dass ich da nicht wieder herauskomme.

Frage: Ich habe gelesen, dass Sie einmal in eine Lawine geraten sind. Wie haben Sie das in Erinnerung?

Paus: Dieses Unglück ist mir als Student Anfang der 80er Jahre bei einer Bergtour in der Schweiz passiert. Ich wurde gefunden, das ist wichtig. Mehr weiß ich nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, wie lange ich da unter dem Schnee gelegen habe und ob ich an Gott gedacht habe. Mein linkes Bein war kaputt. Der Arzt, der mich damals operiert hat, wollte mir das Bein abnehmen. Damals sagte ich zu Gott: "Wenn du das wieder hinkriegst und ich das Bein nicht verliere, dann verspreche ich dir, laufe ich einen Marathon". Jahre später bin ich tatsächlich einen Marathon gelaufen. Viel später bin ich dann beim Paragliding abgestürzt. Es waren viele Knochen gebrochen. Und wieder habe ich zu Gott gesagt: "Wenn du das wieder hinkriegst, dann mache ich meinen ersten Ultramarathon." Das habe ich auch hingekriegt. All diese Erfahrungen haben mich zu einem Kämpfer gemacht. Ich bin immer wieder am Verhandeln mit Gott. Ich bin nicht der Typ, der sich auf die Couch setzt und abwartet. Ich setze mir Ziele.

Frage: Aber was ist, wenn jemand nicht so viel Glück hat. Hat er dann nicht gut genug mit Gott verhandelt oder zu wenig gebetet?

Paus: Ich finde, wer Glück hat und durchkommt, der kann auch ab und zu Danke sagen. Bei mir ist es so, wenn ich in Not bin oder eine Klärung brauche, dann pilgere ich los. Ich war schon acht Mal in Santiago de Compostela, um dort dem Herrgott Danke zu sagen. Nach der Diagnose Lungenkrebs und der folgenden Operation bin ich auch erst einmal nach Santiago gelaufen. Unterwegs hat mich mein Onkologe angerufen und mir gesagt, dass da noch ein Tumor im Rücken sitzt und ich zur Operation zurückkomme soll. Ich habe ihm gesagt: "Zuerst laufe ich meinen Weg fertig, dann komme ich." Als ich zurückkam, wurde ich sofort operiert.

Pfarrer Hans-Gerd Paus beschriftet Bretter für einen Sarg mit Worten aus der Bibel.

Frage: Ich habe gelesen, dass Sie zu Hause Ihren Sarg schon vorbereitet haben. Ist das so?

Paus: Ja, ich habe die Bretter für den Sarg schon zu Hause. Diese Bretter habe ich mir im Baumarkt besorgt. Mit einem Brennkolben brenne ich Texte aus der Bibel da drauf. Es sind Worte, die mich tragen wie zum Beispiel Psalm 139, die Emmaus-Geschichte oder Auferstehungsworte Jesu. Momentan bin ich gerade am Buch Hiob dran. Auch Verwandte und Freunde lasse ich da etwas draufschreiben. Drei große Sargbretter habe ich schon fertig vollgeschrieben. Wenn ich erkrankt bin, dann schreibe ich nicht weiter. Ich schreibe nur weiter, wenn es mir gut geht. Noch fehlt mir der Boden, das Kopfstück und das Fußstück für den vollständigen Sarg. Aber der muss auch nicht fertig werden. Wenn ich früher sterben sollte, dann gehe ich auch mit einem unfertigen Sarg. Ich habe mit dem Schreiner schon alles ausgemacht. Bei ihm sind die restlichen Bretter verwahrt, die er dann zusammensetzen wird. Es ist eine schlichte Nadelholzkiste, kein Gedöns. Da komme ich dann hinein. Wie ich dann letztlich bestattet werde, entscheiden meine Angehörigen. Ich bin dann tot und beim lieben Gott.

Frage: Ist es für Sie leichter, dass alles schon so gut vorbereitet ist?

Paus: Ja. Wenn ich mir eine Todesart aussuchen würde, dann würde ich gerne auf einer Pilgertour sterben. Ich denke, das ist schöner als von der Straßenbahn überrollt zu werden. Wenn man glücklich stirbt, dann ist das das schönste Geschenk, um Abschied zu nehmen, denke ich. Mir ist jeden Tag bewusst, dass diese Pilgertour auch meine letzte sein könnte. Aber sie ist deshalb kein Passionsweg für mich, denn ich fühle mich getragen von so viel Freude und Liebe. Ich wünsche mir auch, dass die Menschen mir schreiben und mir ihre persönliche Gebetsanliegen weitergeben, die ich dann mitnehme auf meinem Weg.

Frage: Was haben Sie im Rucksack dabei, was Ihnen wichtig ist?

Paus: Ich nehme meine kleine Bibel mit, einen Rosenkranz und ein Miniaturmessköfferchen. Darin sind ein kleiner Kelch und eine Jakobsschale mit 50 kleinen Hostien aufbewahrt. Ich finde es schön, wenn jemand auf dem Weg zufällig zu mir dazu stößt und mit mir Gottesdienst feiert. Und wenn mir danach ist, dann feiere ich auch allein mit Gott. Ich möchte auch mit einer Messfeier oben am Nordkap beginnen. Im Kopf und im Herzen habe ich dann alle dabei, die mit mir in Gedanken auf dieser Pilgertour mitgehen. Aber sonst nehme ich nicht viel mit. Ich werde zwei Jahre aus dem Rucksack leben. Ich habe mein Leben in drei Drittel eingeteilt. Im letzten Drittel, in dem ich jetzt bin, nehme ich Abschied. Ich besitze nicht mehr viel, ich habe fast alles abgegeben und verschenkt. Zu Hause lebe ich nur noch minimalistisch in einem Wohnmobil. Das steht jetzt während der Tour bei einem Freund im Garten. Unterwegs schlafe ich in einem Zelt. Ich übe mich so ein ins Abschiednehmen. Aber jetzt freue ich mich darauf, dass es losgeht. Denken Sie bitte an mich.

kna-katholisch-swarm-node3 (0.015s)