Pilgern mit Zertifikat
Mehr als Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem

Pilgern mit Zertifikat

Den Jakobsweg zu gehen ist ein besonderes Erlebnis. Daher ist es vielen Pilgern wichtig, sich bei der Ankunft in Santiago die offizielle Pilgerurkunde ausstellen zu lassen – als Erinnerung und Anerkennung für den zurückgelegten Weg. Doch auch andere Wallfahrtsorte verleihen ein Zertifikat.

Von Roland Müller |  Bonn - 07.08.2019

Pilgern liegt im Trend. In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern entstehen immer neue Pilgerwege. Martinusweg, Lahn-Camino und Bonifatius-Route sind nur einige von ihnen. Die meisten Wallfahrer haben einen mit zahlreichen Stempeln gefüllten Pilgerpass im Gepäck. Er dient zur Dokumentation der zurückgelegten Strecke und ist Voraussetzung, um an den großen Wallfahrtsorten eine der begehrten Pilgerurkunden zu erhalten. Vor Jahrhunderten dienten diese Dokumente als Nachweis für die erfolgreiche Beendigung einer Pilgerfahrt, die etwa als Buße für gebeichtete Sünden gefordert worden war. Heute werden die Zertifikate vor allem als Erinnerung an eine besondere Reise und Anerkennung für die erbrachte körperliche Leistung angesehen. Katholisch.de hat eine kleine Auswahl von Pilgerurkunden zusammengestellt.

Santiago de Compostela

Die Mutter aller Pilgerurkunden ist die "Compostela". Das Domkapitel der Kathedrale von Santiago de Compostela stellt sie allen Wallfahrern aus, die wenigstens die letzten 100 Kilometer zum Grab des heiligen Jakobus zu Fuß gepilgert sind. Wer mit dem Fahrrad oder zu Pferd unterwegs war, muss die doppelte Kilometerzahl hinter sich gebracht haben. Ihren Ursprung hat die "Compostela" in den Beglaubigungsschreiben, die Pilgern seit dem 13. Jahrhundert ausgestellt wurden, um den erfolgreichen Abschluss der Wallfahrt zu dokumentieren. Zuvor hatte etwa die Jakobsmuschel – bis heute das Erkennungszeichen der Santiago-Pilger – in der Heimat als Beweis für die Reise gedient. Da sich mit der Zeit jedoch herausstellte, dass die Pilgermuschel keineswegs fälschungssicher ist, wurde sie durch die schriftliche Bescheinigung ersetzt.

Heute können sich Pilger in Santiago neben der "Compostela", für deren Erwerb offiziell eine religiöse Motivation verlangt wird, auch ein Zertifikat ausstellen lassen, das lediglich die zurückgelegte Strecke bescheinigt. Neben dem Namen und dem Ankunftsdatum werden in diesem Dokument auch der Ausgangsort der Reise, die benötigte Zeit und die Streckenkilometer bescheinigt. Die "Compostela" hat jedoch einen Vorteil gegenüber diesem Dokument: Mit ihr kommen Pilger in den Genuss, drei Tage lang kostenlos in einem Luxus-Hotel direkt neben der Kathedrale zu speisen. Das Gebäude, eine königliche Stiftung aus dem 16. Jahrhundert, war als Herberge für Pilger erbaut und 1954 von der staatlichen Parador-Hotelkette übernommen worden – mitsamt der Verpflichtung zur kostenlosen Verpflegung der Pilger. Doch wer wirklich umsonst essen will, muss schnell sein: Pro Mahlzeit werden nur die ersten zehn Pilger gratis beköstigt.

Für viele Reisende endet der Jakobsweg aber nicht in Santiago: Sie gehen weiter bis zum Kap Finisterre. In der Antike galt die etwa 60 Kilometer von Santiago entfernte Steilküste als Ende der Welt. Deshalb sollen schon die Kelten dorthin gepilgert sein. Wer heute den verlängerten Jakobsweg bis zum Kap weitergeht, kann sich auch in der Stadt Fisterra und im Marienwallfahrtsort Muxía eine Urkunde über seine Wanderung ausstellen lassen.

Eine junge Pilgerin am Ende ihres Jakobswegs bei Muxía in Galicien.

Manresa

Spanien hat für Pilger wesentlich mehr zu bieten als nur den Jakobsweg. Wer sich etwa auf die Spuren des heiligen Ignatius von Loyola begibt, erhält ebenfalls eine Urkunde, die den zurückgelegten Pilgerweg bescheinigt. In Entsprechung zur "Compostela" nennt sich das Zertifikat, das den Pilgern des seit 2011 bestehenden Ignatiusweges ausgestellt wird, "Ignaciana". Der Pilgerweg orientiert sich an der historischen Route, die der Gründer des Jesuitenordens im Jahr 1522 von seinem Geburtsort Loyola im Baskenland bis nach Manresa in Katalonien zurückgelegt haben soll. Nach einer schmerzhaften Kriegsverletzung hatte der stolze Ritter Ignatius eine religiöse Bekehrung erlebt und sich von seiner Heimatstadt in 27 Etappen zuerst zum Benediktinerkloster Montserrat begeben und danach mehrere Monate als Einsiedler in einer Höhle im nahegelegenen Ort Manresa gelebt. Danach reiste Ignatius nach Jerusalem, wo er jedoch nicht bleiben konnte und über Umwege zum Theologiestudium nach Paris kam. Dort gründete er schließlich die Gesellschaft Jesu, bis heute einer der größten und einflussreichsten Orden der Kirche.

Der Ignatiusweg verfügt über eine mehrsprachige Homepage, die jede der 27 Etappen der mehr als 650 Kilometer langen Route detailliert vorstellt. Praktisch für die Pilger sind besonders die auf der Internetseite eingebundenen aktuellen Wetterdaten, aber auch die Impulse aus der ignatianischen Spiritualität der Exerzitien. Orientierung bietet den Pilgern auf dem landschaftlich sehr abwechslungsreichen Weg durch fünf autonome Regionen Nordspaniens das Sonnensymbol der Jesuiten. Auf einigen der Etappen sind jedoch auch Jakobsmuscheln und gelbe Pfeile zu sehen, denn es gibt Überschneidungen mit dem Jakobsweg – wenn auch in entgegengesetzter Richtung. Eine Besonderheit ist, dass zum Erwerb der "Ignaciana" die notwendigen 100 Fuß- oder 200 Fahrrad-Kilometer bis nach Manresa nicht am Stück absolviert werden müssen, sondern mit der Zeit angesammelt werden können. Für Pilger, die nicht Manresa als Ziel haben, ist es ebenfalls möglich eine Pilgerurkunde zu erhalten, die die absolvierten Teilstrecken aufführt.

Vom Frauenheldenzum Geistlichen

Bevor Ignatius von Loyola den Jesuitenorden gründete, lebte er mehrere Monate als Einsiedler in einer Höhle in Manresa. Das Gemälde von Peter Paul Rubens zeigt ein Wunder des heiligen Ignatius.

Rom

Etwa alle fünf Jahre müssen die nationalen Bischofskonferenzen in den Vatikan reisen und den Papst bei den sogenannten "Ad-limina-Besuchen" treffen. Der Name bezieht sich auf die Türschwellen der Grabeskirchen der Apostel Petrus und Paulus, die in Rom beerdigt sind. Auch wenn alle anderen Katholiken nicht zu einer Reise zum Papst verpflichtet sind, ist ein Besuch in der Ewigen Stadt wohl immer ein empfehlenswertes Erlebnis, das dem Glauben zuträglich ist. Doch was nur wenigen bekannt ist: Auch für die Wallfahrt nach Rom gibt es eine Pilgerurkunde. Sie trägt den klangvollen Namen "Testimonium Peregrinationis Peractae ad limina Petri" – und ist somit ein "Ad-limina-Besuch", den auch Nicht-Bischöfe absolvieren können.

Das Dokument wird Wallfahrern ausgestellt, die zu Fuß mindestens 150 Kilometer und mit dem Fahrrad 400 Kilometer nach Rom gepilgert sind. Viele Pilger kommen auf der "Via Francigena" nach Rom, dem mittelalterlichen "Frankenweg", der im englischen Canterbury beginnt und über Frankreich nach Italien führt. Die offizielle kirchliche Urkunde für Romwallfahrer ist nach Vorlage des mit aussagekräftigen Stempeln gefüllten Pilgerpasses an mehreren Stellen erhältlich: Beim Pilgerbüro "Opera Romana Pellegrinaggi" unmittelbar am Petersplatz, in der Sakristei des Petersdoms oder per Post oder Email von der "Fabbrica die San Pietro" im Vatikan. Wer als Pilger zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Ewige Stadt kommt, kann zudem zwei Nächte kostenlos in der Herberge einer Pilgerbruderschaft im römischen Stadtteil Trastevere schlafen.

Blick auf den Petersdom in der Abendämmerung

Das Zertifikat für Rompilger wird auch in der Sakristei des Petersdoms ausgestellt.

Assisi

Italien bietet neben Rom noch viele weitere Pilgerziele, eines der bedeutendsten unter ihnen ist Assisi. Auch für Pilger in die Stadt des heiligen Franziskus und der heiligen Klara ist es möglich ein Zertifikat über die erfolgreiche Wallfahrt zu erhalten. Dabei gelten für Fuß- und Fahrradpilger auf dem Franziskusweg die gleichen Voraussetzungen wie auf dem Jakobsweg. Ausgestellt wird das Zertifikat vom Pilgerbüro an der Franziskus-Basilika. Alle Besucher von Assisi, die keine tagelange Pilgerreise zum Wallfahrtsort zurückgelegt haben, können trotzdem eine Urkunde erhalten: die "Chartula Peregrini". Sie soll den Besuchern zeigen, dass es nicht die zurückgelegte Distanz ist, die einen Pilger ausmacht, sondern der Geist, mit dem Assisi erreicht wird. Auf dem Zertifikat ist der berühmte Segen des heiligen Franziskus für Bruder Leo abgedruckt.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Franziskusweges und des Wallfahrtsortes Assisi ist, dass es auch für tierische Begleiter von Pilgern eine Urkunde gibt. Das "Zertifikat für vierbeinige Pilger" wird Hunden oder anderen Tieren ausgestellt, die ihre Besitzer bei deren Wallfahrt zum Grab des heiligen Franziskus begleitet haben. Selbst der Name des Tieres wird auf dem Dokument vermerkt. Dort ist zudem der für seine Freundschaft zu Tieren bekannte Heilige dargestellt, wie er den Wolf von Gubbio zähmt. Mit dem Zertifikat wollen die Franziskaner alle Pilger dazu animieren, gemeinsam mit ihrem Hund zu pilgern und so auf ganz besondere Art und Weise die franziskanische Liebe zur Schöpfung zu erfahren und zu leben.

Der heilige Franziskus von Assisi soll ein großer Freund der Tiere gewesen sein. Auf dem Fresko ist dargestellt, wie er einer Schar Vögeln eine Predigt hält.

Jerusalem

Jerusalem ist die Geburtsstätte des Christentums: Dort hat Jesus das Letzte Abendmahl gefeiert, wurde gekreuzigt und ist von den Toten auferstanden. Kein Wunder also, dass Jerusalem einer der bedeutendsten christlichen Wallfahrtsorte ist. Auch in der Stadt, die Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen als heilig gilt, gibt es für Pilger eine Urkunde als Anerkennung für ihre Reise. Dafür ist es nicht einmal notwendig, die Strecke zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt zu haben – eine "normale" Anreise mit dem Flugzeug genügt. Gegenüber dem Davidsturm in der Jerusalemer Altstadt können sich Pilger das Dokument im christlichen Informationszentrum der "Custodia Terræ Sanctæ", der Kustodie des Heiligen Landes der Franziskaner, ausstellen lassen.

In Jerusalem haben Pilger zudem die einzigartige Möglichkeit, einen päpstlichen Orden für ihre Wallfahrt ins Heilige Land zu erhalten. 1901 wurde das Jerusalem-Pilgerkreuz von Papst Leo XIII. gestiftet, um Gläubige zur Reise nach Jerusalem zu ermutigen. Das Recht zur Verleihung der Auszeichnung liegt ebenfalls bei den Franziskanern. Es gibt drei verschiedene Klassen: Beim ersten Besuch in Jerusalem wird der Orden in der Regel in Bronze, bei der zweiten Reise in Silber und beim dritten Mal in Gold ausgehändigt. Die Franziskaner verlangen allerdings eine Gebühr für die Verleihung des Pilgerkreuzes. Diese Spende wird für die Versorgung von Armen und Kranken im Heiligen Land verwendet. Fußpilger sind von dieser Zahlung jedoch befreit: Sie erhalten den päpstlichen Orden kostenlos.

Von Roland Müller

Pilgern: Auf dem Weg zu Gott

Ob nach Lourdes, Fatima, Santiago oder Kevelaer: Jährlich pilgern etwa 40 Millionen Christen. Katholisch.de stellt die Tradition der Wallfahrt, wichtige Bräuche und bekannte Pilgerziele vor.