"Angst, aber keine Panik"

Auf Flugblättern in arabischer Sprache und mit der Flagge der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) werden Christen aufgefordert, Jerusalem zu verlassen. Als Frist wird das Ende des Fastenmonats Ramadan gesetzt. Andernfalls droht ihnen der IS mit der Ermordung.

Terrorismus | Jerusalem - 05.07.2015

Auf Flugblättern in arabischer Sprache und mit der Flagge der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) werden Christen aufgefordert, Jerusalem zu verlassen. Als Frist wird das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan (18. Juli) gesetzt. Andernfalls droht ihnen der "Islamische Staat in Palästina" mit der Ermordung. Im Interview nimmt der katholische Weihbischof Lateinischen Patriarchat von Jerusalem, der Palästinenser William Schomali, zur Lage Stellung.

Frage: Herr Weihbischof Schomali, wie reagieren Jerusalems Christen auf die IS-Drohschreiben?

Schomali: Die Reaktionen sind moderat. Natürlich sind die Menschen sensibilisiert durch das, was in den Nachbarländern passiert, aber auch durch die Enthauptung eines Fabrikbesitzers in Frankreich. Die sozialen Medien beschleunigen die Verbreitung schlechter Nachrichten. Die Menschen haben Angst, aber es gibt keine Panik.

Frage: Nimmt die Ortskirche die Drohung ernst?

Schomali: Wir nehmen sie ernst, aber nicht in frenetischer Weise, zumal es Zweifel gibt, ob die Flugblätter nicht dazu dienen sollen, den Blick von anderen Ereignissen abzulenken.

Frage: Sie meinen die Brandstiftung in Tabgha?

Schomali: Ja, wie auch der emeritierte Patriarch Michel Sabah in Reaktion auf die Flugblätter gesagt hat. Wir warten also ab.

Der Weihbischof von Jerusalem: William Schomali im Porträt.
William Schomali ist Weihbischof von Jerusalem. Er ist in Sorge: Der "Islamische Staat" hat die Christen aufgefordert, die Stadt zu verlassen.
 KNA

Frage: Andere Gerüchte sagen, der Verursacher sei ein Muslim, der sich an den Rosenkranzschwestern rächen wolle, die seiner Tochter untersagt haben, mit Kopftuch in die Schule zu kommen...

Schomali: In einer zweiten Mitteilung wird die Oberin die Rosenkranzschwestern genannt, das ist richtig. Es gab vor einem Jahr Probleme wegen der Kopftuchfrage, die zu einer angespannten Stimmung in Jerusalem geführt haben. Es gab verschiedene Treffen, und es konnte dank der Intervention einiger patriotischer Muslime eine Lösung gefunden werden. Die Mädchen durften ihre Haare mit einem kleinen Tuch bedecken, dessen Farbe die Schwestern bestimmen durften. Keiner hat verloren, keiner hat gewonnen. Im September zum Schuljahresbeginn sind die Mädchen ohne Kopftuch zur Schule gekommen und im Oktober haben sie wieder Kopftuch getragen. Auch jetzt bei den Feiern zum Schuljahresende sind sie mit Kopftuch gekommen. Das ist ein Präzedenzfall, der für Verletzungen gesorgt hat. Es gibt Christen, die das nicht wollen und Muslime, die beharren, es sei ihr Recht. Es kann sein, dass jemand davon profitiert hat, um Streit und zu stiften und die Schwestern zu warnen, nicht zu weit zu gehen. Das ist eine andere Fährte.

Frage: Hat die Ortskirche beim Staat oder der Polizei Schutz gefordert?

Schomali: Nein. Wir haben keine Namen, nur Phantome. Wir können der Polizei nicht sagen: folgt den Phantomen. Im Übrigen bedroht der IS in gleicherweise Israelis, Christen und die moderaten Muslime, die die Mehrheit sind. Der IS ist noch nicht die Mehrheit.

Al Azhar als höchste Instanz des sunnitischen Islam hat oft genug gesagt, dass der IS gegen den Islam ist. Das beruhigt uns.

William Schomali, Weihbischof von Jerusalem

Frage: Trotzdem hat sich die Lage in Jerusalem für die Christen im letzten Jahr verschlechtert...

Schomali: Eine leichte Verschlechterung können wir nicht von der Hand weisen. Ein Beleg ist, dass einer der Prediger der Al-Aksa-Moschee in Kairo zur Gewalt auch gegen friedliche Nichtmuslime aufgerufen hat, weil diese bekehrt werden müssten. Viele Muslime sprechen sich aber gegen diese Ideologie aus. Es ist eine Ideologie, die nicht von allen geteilt wird. Wäre das der Fall, hätten wir allen Grund zur Panik.

Aber auch viele Muslime denken, dass der IS bekämpft werden muss. Al Azhar als höchste Instanz des sunnitischen Islam hat oft genug gesagt, dass der IS gegen den Islam ist. Das beruhigt uns.

Frage: Gestern hat es im Sinai Raketenbeschuss auf Israel gegeben, für den der IS die Verantwortung übernimmt. Es wäre der erste direkte Angriff des IS auf Israel. Ändert das die Bedrohungslage?

Schomali: Es ist ein Präzedenzfall. Aber es ist eher eine Bedrohung gegen Ägypten. Jede IS-Gruppe hat ihre eigenes Erscheinungsbild. Der IS Syrien und der IS Irak bedrohen weder Israel, noch greifen sie es an. Der IS Syrien richtet sich vor allem gegen Präsident Assad. Wen es danach trifft, wird man sehen.

Der IS Irak richtet sich vor allem gegen die Kurden, der IS Ägypten gegen die Regierung und gegen Israel. Antichristlich ist eher die Gruppe Boko Haram in Nigeria, die die gleiche Ideologie vertritt. Letztendlich handelt es sich um eine gewalttätige islamistische Ideologie, gewalttätiger als Al Kaida, viel gewalttätiger als die Hamas, die überall Angst sät. Sogar Europa hat Angst vor dem IS. Aber: Da sie alle bedrohen, hat sich unsere Angst gemäßigt. Je genereller die Bedrohung wird, sagen wir uns: Wir sind wie die anderen.

Von Andrea Krogmann (KNA)

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