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Angst vor dem Sterben nehmen

Für einen flächendeckenden Ausbau der Hospiz- und Palliativarbeit hat sich Benno Bolze, der Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV) ausgesprochen. Man solle nicht dafür sorgen, dass sich Menschen das Leben nehmen, sondern dafür, "dass den Menschen die Angst vor dem Lebensende genommen wird", sagte Bolze im Gespräch mit katholisch.de.

Sterbebegleitung | Berlin/Bonn - 28.10.2014

Für einen flächendeckenden Ausbau der Hospiz- und Palliativarbeit hat sich Benno Bolze, der Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV) ausgesprochen. Man solle nicht dafür sorgen, dass sich Menschen das Leben nehmen, sondern dafür, "dass den Menschen die Angst vor dem Lebensende genommen wird", sagte Bolze im Gespräch mit katholisch.de.

Die aktuelle Sterbehilfe-Debatte zeige auch, dass es noch großen Aufklärungsbedarf über die Möglichkeiten der Versorgung und Begleitung am Lebensende in der Bevölkerung gebe. "Begriffe wie aktive Sterbehilfe, Suizidbeihilfe und Sterbebegleitung werden noch allzu häufig durcheinander gebracht", so Bolze. Den Befürwortern der Beihilfe zum Suizid hält er entgegen, dass sich dadurch ältere und kranke Menschen unter Druck gesetzt fühlten, ihr Leben vorzeitig zu beenden.

Laut dem DHPV-Geschäftsführer zeigten die Erfahrungen der Hospiz- und Palliativarbeit dass der Wunsch nach einer vorzeitigen Beendigung des Lebens in den Hintergrund tritt, wenn eine den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen entsprechende Begleitung und Versorgung gegeben sei. Wichtig sei es dabei, "das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen zu stärken, zum Beispiel durch Patientenverfügungen".

Höver: "Das Gegenteil von Fremdbestimmung"

Auch dem emeritierten Bonner Moraltheologen Gerhard Höver fehlt es häufig an Wissen um die Hospiz- und Palliativmedizin. Es gebe starke Tendenzen zur Selbstbestimmung, und "alles Religiöse" werde schnell als Fremdbestimmung wahrgenommen, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. "Die hospizliche und palliative Praxis aber lebt von Spiritualität als Weg zum Einzelnen, also als Gegenteil von Fremdbestimmung", sagte der Theologe. Würde diese umfassende Begleitung sterbender Menschen vernachlässigt, sei die Gefahr groß, dass man zwar über die Betroffenen spreche, sie aber nicht wirklich erreiche und einbeziehe.

Der Bonner Pfarrer Wolfgang Picken ist seit 21 Jahren in der Sterbebegleitung tätig. Im Interview mit katholisch.de spricht er über die Notwendigkeit der spirituellen Begleitung an Lebensende.

Die Schmerz- oder besser Palliativmedizin definiert die Weltgesundheitsorganisation als einen Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität durch "Vorbeugen und Lindern von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, richtiges Einschätzen von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art."

Man müsse sich vor Augen führen, wovor die Menschen am Ende des Lebens wirklich Angst hätten, erklärte Bolze. "Vor Schmerzen, davor anderen zur Last zu fallen und der Apparatemedizin ausgeliefert zu sein." Um dieser Angst entgegenzuwirken, bedürfe es eines Ausbaus der Hospiz- und Palliativversorgung. Während man in Großstädten und Ballungszentren häufig gut aufgestellt sei, gebe es vor allem auf dem Land Nachholbedarf. "Dort sind die Wege oft sehr weit und wir brauchen noch mehr wohnortnahe Konzepte."

Zahlen zur palliativmedizinischen Versorgung dennoch schon beachtlich

Der Theologe Höver betont, dass prinzipiell jeder Sterbenskranke das Recht auf eine umfassende schmerzmedizinische, psychologische und spirituelle Begleitung haben müsse. Da in diesen Bereichen bisher viel versäumt worden sei, befürchte er, "dass wir eines Tages die Quittung dafür bekommen werden". Auch die Integration von Hospiz- und Palliativdiensten in Pflegeheime bezeichnete er als "drängende Aufgabe". Fachärztliche Unterstützung im Bedarfsfall anzufordern, funktioniere im Alltag der Einrichtungen kaum, weil sehr spezielle Hilfe gefragt sei. "Es wäre besser, wenn die Pflegeheime ihre eigenen Palliativkräfte hätten", so der Wissenschaftler, der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des DHPV ist.

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Mainzer Kardinal spricht über die Chancen der Pallativmedizin.
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Die Zahlen lesen sich jedoch bereits jetzt beachtlich. Deutschlandweit gibt es über 1.700 ambulante Palliativ- und Hospizdienste und über 200 stationäre Hospize. Allein die Zahl der Palliativstationen in den Krankenhäusern ist in den letzten zehn Jahren von rund 100 auf knapp 260 gestiegen. Außerdem gibt es knapp 20.000 Pflegekräfte und rund 8.000 Ärzte mit einer palliativmedizinischen Zusatzqualifikation.

"Weiterhin gibt es über 200 Teams der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV)", erklärt Bolze. Die seien besonders für eine aufwendige palliativmedizinische Versorgung Sterbender ausgebildet. "Wir brauchen jedoch über 300 Teams", sagt er. Nach aktuellen Schätzungen benötigten 10 bis 15 Prozent der Sterbenden in Deutschland diese spezialisierte Form der Versorgung.

Bolze fordert bessere Weiterbildung von Haus-, Fachärzten und Pflegekräften

Bolze fordert zusätzlich eine noch bessere Weiterbildung von Haus-, Fachärzten und Pflegekräften. Außerdem müsse das schon vorhandene Versorgungsnetz besser koordiniert werden. Krankenhäuser und Pflegeheime, ambulante Hospizdienste und stationäre Einrichtungen, Hausärzte, Fachärzte, Apotheken und Therapeuten müssten noch enger zusammenarbeiten. "Die ambulanten Hospizdienste können in Zusammenarbeit mit den SAPV-Teams diese Koordinationsleistungen weiter ausbauen", sagte Bolze.

Von den Kirchen wünscht sich der DHPV-Geschäftsführer auf verschiedenen Ebenen Unterstützung. "Zunächst einmal brauchen wir ihre klare Stimme, wenn es um die Würde des Menschen geht." Die Kirchen müssten sich intensiver in die aktuelle Debatte über ein Verbot gewerblicher und organisierter Formen der Beihilfe zum Suizid einmischen. Auch lobte Bolze die Arbeit der Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Trägerschaft von Caritas und Diakonie, die es "zu sichern und weiter auszubauen" gelte. Schließlich appelliert er aber auch an die einzelnen Gläubigen in den Pfarreien und Gemeinden. Dort gebe es zum Beispiel Krankenbesuchsdienste, die jedoch häufig nur denen zugutekämen, die sonst regelmäßig am Sonntag die Kirche besuchten, so Bolze. Stattdessen müssten die Pfarrgemeinden auch mehr als bisher den Auftrag verwirklichen, "für alle Menschen da zu sein und auch in dieser Weise missionarisch zu wirken". (mit Material von KNA)

Von Björn Odendahl

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