"Antireligiöse Stimmung"

Die Beschneidungsdebatte hat nach Einschätzung des Schriftstellers Navid Kermani die eigentlichen Konfliktlinien in religionspolitischen Fragen aufgezeigt. "Sie verlaufen nicht zwischen den einzelnen Religionen, sondern zwischen den Religionen insgesamt und einer aggressiv auftretenden antireligiösen Haltung in der Gesellschaft", sagte der Kölner Orientalist am Freitagabend in Münster.

Beschneidung | Münster - 27.10.2012

Die Beschneidungsdebatte hat nach Einschätzung des Schriftstellers Navid Kermani die eigentlichen Konfliktlinien in religionspolitischen Fragen aufgezeigt. "Sie verlaufen nicht zwischen den einzelnen Religionen, sondern zwischen den Religionen insgesamt und einer aggressiv auftretenden antireligiösen Haltung in der Gesellschaft", sagte der Kölner Orientalist am Freitagabend in Münster.

Diese Haltung stelle die generelle religiöse Begründung von Handeln, Bekenntnissen und Motiven grundsätzlich in Frage. "Wenn metaphysische Begründungen, die nicht aus dem Hier und Jetzt rühren, gesellschaftlich nicht mehr als relevant wahrgenommen werden, betrifft das nicht nur Islam und Judentum, sondern es werden auch christliche Traditionen bald massiv in Frage gestellt", so Kermani weiter.

Auch die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck sprach von einer "antireligiösen Stimmung", die die Beschneidungsdebatte offenbart habe. Die deutsche Gesellschaft sei auf die "multireligiöse Wirklichkeit" noch nicht eingestellt. Darauf hätten sich die religiösen Traditionen in den kommenden Jahren einzustellen. Als Beispiel nannte die Rabbinerin Erfahrungen mit Medienvertretern, die kaum etwas über jüdische Traditionen und Feste wüssten. Das sei etwa in den Niederlanden anders, obwohl dort auch nur wenige Juden lebten.

Umgang mit religiöser Vielfalt üben

Kermani und Klapheck äußerten sich auf einer Podiumsdiskussion über "Blasphemie und Beschneidung" des Exzellenzclusters "Religion und Politik" der Universität Münster . Gemeinsam mit Wissenschaftlern erörterten sie vor rund 200 Zuhörern im Rathausfestsaal Konflikte, die womöglich aus der öffentlichen Sichtbarkeit von Religionen entstehen. Der Politologe Ulrich Willems stimmte Kermani und Klapheck in der Einschätzung der Beschneidungsdebatte zu. "Die Konflikte werden künftig nicht nur von den Religionen selbst ausgehen, sondern von einer quer durch Europa zu beobachtenden antireligiösen Militanz."

Elisa Klapheck, Prof. Dr. Fabian Wittreck, Katharina Jestaedt, Gisela Steinhauer, Prof. Dr. Franz-Josef Jakobi, Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger, Prof. Dr. Ulrich Willems und PD Dr. Navid Kermani (v.l.).
Elisa Klapheck, Prof. Dr. Fabian Wittreck, Katharina Jestaedt, Gisela Steinhauer, Prof. Dr. Franz-Josef Jakobi, Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger, Prof. Dr. Ulrich Willems und PD Dr. Navid Kermani (v.l.).
 Münster Marketing/Juliane Unkelbach

Gerade in Deutschland müsse der Umgang mit religiöser Vielfalt geübt werden. Öffentliche Symbole wie das Kopftuch einer Lehrerin sollten durchaus zugelassen werden. Sie könnten positive Gesprächsanlässe über eine fremde Religion geben. Großbritannien habe die Auseinandersetzung über religionspolitische Fragen besser politisch verankert, etwa auf lokaler Ebene. Das solle künftig auch hier geschehen.

Die Sprecherin des Exzellenzclusters, Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, hob in einer Einführung die Rolle der Medien in Fragen von Blasphemie und Beschneidung, Kreuz oder Kopftuch hervor. "Überall, wo Religion zum Konfliktgegenstand wird, bieten die Massenmedien diesem Konfliktpotenzial einen gigantischen Entfaltungs- und Verstärkungsraum. Kein Anlass ist so geringfügig, dass er nicht zum Gegenstand öffentlicher Empörung gemacht werden kann." Wichtig sei stattdessen eine sachliche und unaufgeregte Diskussion.

"Keine kirchlichen Privilegien"

Der Rechtswissenschaftler Fabian Wittreck und die stellvertretende Leiterin des Katholischen Büros in Berlin, Katharina Jestaedt, hoben hervor, das deutsche Religionsverfassungsrecht sei für die wachsende religiöse Vielfalt gut gerüstet. Historisch sei es zwar stark auf die christlichen Kirchen zugeschnitten worden, so Jestaedt, doch seien in der rechtlichen Anwendung andere Religionsgemeinschaften bereits einbezogen worden. Die Hürden für die islamischen Verbände seien nicht zu hoch. Insofern lasse sich nicht mehr von "Privilegien" der Kirchen sprechen. Rechtswissenschaftler Wittreck hingegen vertrat die Ansicht, die konkrete Anwendung des Religionsrechts müsse sich noch stärker auf Folgen einer wachsenden religiösen Pluralität einstellen.

Die Diskussion leitete Radiomoderatorin Gisela Steinhauer. Die Veranstaltung war Teil der Reihe "Dialoge zum Frieden", die die Stadt Münster und der Exzellenzcluster regelmäßig rund um den Jahrestag des Westfälischen Friedens abhalten. (stz)

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