Beobachter sehen offene Türen für den Papst

Kirchenvertreter aus unterschiedlichen Positionen werten die zu Ende gegangene Synode und ihren Abschlussbericht als Erfolg. Der Papst habe nun alle Freiheit, richtige und wichtige Entscheidungen zu treffen.

Familiensynode | Bonn/Berlin/Münster/Köln - 26.10.2015

Nach Abschluss der Familiensynode meldeten sich am Sonntag Theologen und Kirchenpolitiker mit Reaktionen zum Ergebnis zu Wort. Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch wertet das "intensive Geschehen" der Familiensynode als "ein positives Zeichen, dass die Familie wieder ins Zentrum der Kirche gerückt ist und dass die Familie Zukunft hat". Er könne jedoch verstehen, wenn Menschen wegen nicht erfüllter Hoffnungen enttäuscht seien, so Koch am Sonntag in einem Interview mit dem Schweizer "SRF".

Koch selbst sei nicht enttäuscht, dass die Vorschläge der deutschen Sprachgruppe, zu der er gehörte, nicht im Abschlussdokument übernommen wurden. Die Synode habe versucht, in schwierigen Fragen einen Konsens zu erreichen. "Ich bin froh, dass der Text so formuliert wurde, dass keine Türen zugegangen sind", so Koch weiter.  Die Arbeit der Sprachgruppe habe zudem nicht darauf abgezielt, eine neue Theologie zu entwickeln. "Sie haben ganz klar gesagt, dass sie die Lehre der Kirche beibehalten, aber dass sie in der Seelsorge neue Wege versuchen."

Das Abschlussdokument trage den Herausforderungen für eine differenzierte Seelsorge etwa im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen Rechnung. Die von der deutschen Gruppe vorgeschlagene Möglichkeit zur Wiederzulassung zur Kommunion im Einzelfall sei "durchaus im Text so drin". Die Frage sei jedoch "insofern noch offen, als dass der Papst dazu noch keine Stellung genommen hat".

Freiheit für Ortsbischöfe ist auch unbequem

Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, wies angesichts der wenig konkreten Ergebnisse der Familiensynode auf die daraus erwachsenden Chancen hin. Die Bischofsversammlung habe Papst Franziskus "den Freiraum gegeben, seine Schlussfolgerungen zu ziehen, indem sie keine Empfehlungen an ihn formuliert hat - was möglicherweise seinen Handlungsspielraum eingegrenzt hätte", sagte Glück der "Passauer Neuen Presse" (Montag).

Linktipp: "Wirklicher Schritt nach vorne"

In ersten Reaktionen sehen die deutsche Bischöfe die katholische Kirche nach der Synode auf einem guten Weg. Doch angesichts der hohen Erwartungen im Vorfeld rechnen sie auch damit, dass manche Gläubige über das Ergebnis enttäuscht sein könnten.

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Zudem werde im Abschlussdokument "auf die pastorale Ausgestaltung durch die jeweiligen Ortskirchen verwiesen". Glück: "Das bietet den Bischöfen Gestaltungsmöglichkeiten, ist aber auch unbequem, weil man nicht immer nur auf Rom verweisen kann." Auf die Frage, ob wiederverheiratete Geschiedene jetzt auf Zugang zu den Sakramenten hoffen können, antwortete Glück: "Das Schlussdokument eröffnet ausdrücklich die Einzelfallregelung für wiederverheiratete Geschiedene nach sorgfältiger Prüfung." Dies gebe der katholischen Kirche in Deutschland Gestaltungsmöglichkeiten.

Glück: Manche Kardinäle wollen den Papst diskreditieren

Dass es beim Thema Homosexualität keine gemeinsame Linie gibt, die über die Verurteilung von Diskriminierung hinausgeht, sei nicht überraschend: "Dafür sind die kulturellen Prägungen innerhalb der Kirche zu unterschiedlich." Und zum kircheninternen Widerstand gegen den Papst sagte Glück: "Zur Wirklichkeit in der katholischen Kirche gehört leider auch, dass es auch auf Ebene der Kardinäle Gruppierungen gibt, denen alles Recht ist, um den Papst zu diskreditieren, um auf diese erbärmliche Weise den kirchlichen Meinungsbildungsprozess zu gestalten."

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"Ich hoffe auf die Antwort vom Papst" - Kardinal Reinhard Marx blickt nach Höhen und Tiefen in den vergangenen Wochen positiv auf den vorliegenden Abschlussbericht der Familiensynode.
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Nach Ansicht der Theologin Marianne Heimbach-Steins ist den Bischöfen ein wichtiger Schritt bei der Annäherung von Lebenswirklichkeit und katholischer Lehre gelungen. Die Synodenväter hätten sich intensiv mit der Vielfalt in unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen beschäftigt, sagte die Professorin für Christliche Sozialwissenschaften von der Universität Münster der Deutschen Presse-Agentur. "Ich glaube, hierin liegt ein Schlüssel: Indem man die Vielfältigkeit der Wirklichkeit ernst nimmt, kann man keine einförmigen Antworten geben." Weiter sagte die Wissenschaftlerin: "Hier wird endlich ernst genommen, dass man nicht nach einer Blaupause agieren kann, sondern dass die Wirklichkeit der Menschen gesehen und mit den Betroffenen abgewogen werden muss."

Als einen Erfolg wertete der Arzt, katholische Theologe und Buchautor Manfred Lütz die Weltbischofssynode. Die Versammlung habe eine gute Streitkultur entwickelt, ohne dabei auseinanderzubrechen, sagte er am Montag im Deutschlandfunk. Für die katholische Weltkirche, die 1,2 Milliarden Mitglieder in ganz unterschiedlichen Kulturen umfasse, sei das eine große Leistung und ein hoffnungsvolles Zeichen. Es komme darauf an, dass die Kirche ihre Grundsätze wahre und etwa an der Gültigkeit eines Eheversprechens festhalte, gleichzeitig aber Einzelfällen gerecht werde, sagte Lütz, der auch Mitglied im Päpstlichen Laienrat ist.

BDKJ: Junge Menschen waren unterrepräsentiert

Laut dem Vorsitzenden des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Wolfgang Ehrenlechner, habe die Familiensynode vor allem die weltweiten Differenzen im Ehe- und Familienleben aufgezeigt. Es sei für den Verband "eine gute Nachricht, dass die kulturellen Unterschiede nun endlich auch seitens der kirchlichen Hierarchie anerkannt werden", sagte Ehrenlechner laut einer Mitteilung des BDKJ. Zugleich kritisierte er, dass junge Gläubige bei der Synode nicht ausreichend repräsentiert gewesen seien. Alle Bemühungen um eine neue Sprache über Ehe und Familie liefen "ins Leere, wenn es nicht auch Bewegung bei den Inhalten gibt", so Ehrenlechner weiter. Dies gelte etwa für Themen wie voreheliche Beziehungen und Verhütung, bei denen junge Menschen oftmals nicht mit der kirchlichen Lehre übereinstimmen würden.

Themenseite: Familiensynode

Vom 4. bis 25. Oktober 2015 trat die XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" zusammen. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

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Klaschka: "Auf der Bischofssynode sind wir Weltkirche geworden"

Für den Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Prälat Bernd Klaschka, habe die Synode die Vielfalt der Weltkirche gestärkt. Papst Franziskus führe die Kirche damit auf einen Weg der Dezentralisierung, heißt es in einer Mitteilung des Verbands vom Montag. Dieser Prozess zeige die Vorstellungen des Papstes von einer offenen und kultursensiblen Kirche. Klaschka lobte zudem die offene Debattenkultur der Familiensynode. Gegenüber dem Radiosender SWR sagte er: "Wir müssen uns daran gewöhnen, dass in der Kirche kontrovers diskutiert wird, und dass es unterschiedliche Meinungen selbst unter denjenigen gibt, von denen wir sagen, dass sie die Fülle des Heiligen Geistes empfangen haben." Die Kirche auf der ganzen Welt müsse sich außerdem der "komplexen Lebenswirklichkeit der Menschen, etwa der Wiederverheiratet-Geschiedenen, der alleinerziehenden Mütter – in Lateinamerika ein riesiges Problem -, oder der Kinder, die auf der Straße leben" annehmen.

Einen kritische Blick auf die Familiensynode nimmt der Vatikan-Experten Marco Politi ein. Die Bischofsversammlung habe ans Licht gebracht, wie dominant konservative Kräfte in der katholischen Kirche sind. "Die Synode hat ganz klar gezeigt, dass die konservative Kirche, die ängstliche Kirche, in der Mehrheit ist", sagte Politi der Deutschen-Presse-Agentur. Es gebe eine "Kirche der Barmherzigkeit", die Kirche von Papst Franziskus. Auf der anderen Seite streite eine "Kirche der Schriftgelehrten", sagte der deutsch-italienische Journalist und Buchautor. Es gebe sehr wohl einen Kampf zwischen zwei theologischen Richtungen. An der Situation wiederverheirateter Geschiedener werde der Abschlussbericht laut Politi nur wenig ändern. "Pragmatisch glaube ich, dass sich alle Priester, die schon heute wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion geben, sich bestärkt fühlen." Die Synode habe auch die Kraftverhältnisse in der Weltkirche und die Gegner des Papstes deutlich gezeigt. "Nicht alle, die den Papst vor zwei Jahren gewählt haben, würden ihn heute wieder wählen", erklärte Politi.

Frauenbund sieht Anknüpfungspunkte für "Gender-Theorie"

Mit "gemischten Gefühlen" hat der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) auf das Abschlussdokument der Synode reagiert, heißt es am Montag in einer Mitteilung des Verbandes. KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth begrüße zwar die offene Diskussion und die Reformorientierung des Dokuments, hätte sich jedoch "bei der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen eine deutlichere Formulierung gewünscht", heißt es in der Mitteilung. "Wir sehen aber, dass das Schlussdokument die Türen für weitere theologische und pastorale Überlegungen öffnet." Der KDFB sei zudem dankbar, dass der Text "Anknüpfungspunkte für eine sachliche Auseinandersetzung mit Gender-Theorien biete". (kim/dpa/KNA)

13:00 Uhr: Ergänzt um die Meldungen von Adveniat und Marco Politi.
14:30 Uhr: Ergänzt um die Meldung vom Katholischen Deutschen Frauenbund.

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