Bischöfe sind verantwortlich

Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in ihren eigenen Reihen hat die katholische Kirche nach Skandalen in vergangenen Jahren viel unternommen. Jetzt wird eine weitere Lücke geschlossen: Der Vatikan richtet ein eigenes Gericht für Bischöfe ein, die Missbrauch vertuschen.

Missbrauch | Vatikanstadt - 11.06.2015

Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in ihren eigenen Reihen hat die katholische Kirche nach den erschütternden Skandalen der vergangenen Jahre viel unternommen. Doch eine Lücke blieb: Die strengsten kirchenrechtlichen Normen blieben wirkungslos, wenn sie der zuständige Ortsbischof nicht mit der nötigen Entschlossenheit anwendete. Konkret: wenn er Verdachtsfällen in seinem Bistum nur halbherzig oder überhaupt nicht nachging, wenn er sie gar vertuschte.

Damit soll nun Schluss sein: Der Vatikan richtet ein eigenes Gericht für Bischöfe ein, die sexuellen Missbrauch vertuschen. Angesiedelt ist die neue Instanz an der Glaubenskongregation. Diese Vatikanbehörde ist seit 2001 für die Ahndung von sexuellem Missbrauch in der Weltkirche zuständig. Dem Gericht sollen Kleriker aus aller Welt angehören, wie der Vatikan am Mittwoch mitteilte. Anzeige erheben künftig die für Bischöfe zuständigen Vatikanbehörden: die Bischofs- und die Missionskongregation.

Bislang gab es in solchen Fällen keine wirksame kirchenrechtliche Handhabe und keinen ordentlichen Prozess. Für Bischöfe, die ihr Amt missbrauchten, um straffällig gewordene pädophile Priester zu schützen, kannte das katholische Kirchenrecht keine Sanktionen.
Amtsmissbrauch von Bischöfen war nicht als eigener Straftatbestand vorgesehen.

Vatikan nähert sich harter US-Linie an

Aus Sicht der päpstlichen Kinderschutzkommission war dieser Zustand "unbefriedigend und dringend zu ändern", wie ihr Mitglied Pater Hans Zollner kürzlich in einem sagte. Das Gremium hatte den Vorschlag für eine Ergänzung des geltenden Kirchenrechts in den Kardinalsrat eingebracht. Nachdem der Entwurf von den zuständigen Vatikanbehörden geprüft wurde, stimmte der Papst nun zu.

Mit diesem Schritt nähert sich der Vatikan der harten Linie der US- Bischöfe in Sachen Missbrauch an. Sie forderten die Verantwortlichkeit von Bischöfen für die Taten ihrer Untergebenen schon seit längerem ein. Vorbild ist das weltliche angelsächsische Recht, in dem dieses Prinzip eine große Rolle spielt.

Kardinal Sean Patrick O'Malley gilt als Schlüsselfigur im Kampf gegen Missbrauch.
  picture alliance / landov

Als Schlüsselfigur gilt der Bostoner Kardinal Sean Patrick O'Malley. Seine Doppelfunktion als Vorsitzender der päpstlichen Kinderschutzkommission und Mitglied des Kardinalsrates macht den Kapuziner zum einflussreichsten Akteur im Kampf gegen Missbrauch. Als Nachfolger von Kardinal Bernard Law (83) weiß O'Malley auch aus eigener Anschauung, wovon er spricht: Law war in den USA der Inbegriff eines Bischofs, der sich weigert, die Verantwortung für die Missbrauchsfälle in seinem Bistum zu übernehmen.

Dass Handlungsbedarf besteht, hatte zuletzt unter anderem der Fall des US-Bischofs Robert Finn (62) gezeigt, der weltweit Aufsehen erregte. Der Leiter des Bistums Kansas City-Saint Joseph wurde 2012 von einem US-Gericht zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch einen Priester seines Bistums nicht rechtzeitig anzeigte. Daraufhin leitete der Vatikan eine Untersuchung ein. Erst im April 2015 trat Finn schließlich zurück - ohne dass die genauen Umstände bekanntwurden.

Bisheriges Verfahren behinderte eine zügige Aufarbeitung

Fälle wie die von Finn landeten bislang ohne ordentlichen Prozess nach einer ersten Sichtung durch die zuständigen Vatikanbehörden beim Papst. Dieser fällte dann die Entscheidung. Dazu konnte er nach eigenem Ermessen Berater hinzuziehen. Eine solche Handhabung behinderte jedoch eine zügige und systematische Bearbeitung. Die betreffenden Unterlagen konnten durchaus längere Zeit in einem Aktenstapel lagern, wie ein Kenner der Materie berichtet.

Dass ein solches Gericht für Bischöfe nicht schon früher eingerichtet wurde, etwa 2001 oder 2010, als die Normen zur Ahndung von sexuellem missbrauch verschärft wurden, hat wohl mehrere Gründe. Ein wesentlicher dürfte der Paradigmenwechsel sein, der damit verbunden ist. Bislang galt für den Vatikan, dass ein Bischof allein dem Papst unterstellt ist. Das war nicht nur einfach eine kirchenrechtliche Definition - es war eine grundlegende theologische Aussage. Von daher mussten erst innerkirchliche Widerstände überwunden werden.

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Der Missbrauchsskandal erschütterte die katholische Kirche in ihren Grundfesten. Seit 2010 die ersten Fälle bekannt wurden, bemüht sich die Kirche um Aufarbeitung der Geschehnisse. Katholisch.de dokumentiert die wichtigsten Etappen.

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Von Thomas Jansen (KNA)

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