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Brückenbauer und Moderator

Religiös unmusikalisch sei er, sagte der Soziologe Jürgen Habermas, den anderen großen deutschen Soziologen Max Weber zitierend . Seine Erziehung nennt er "liberal-protestantisch", aber ohne viel Reden von Gott. Über seinen Glauben befragt, spricht er von sich als Agnostiker. Und dennoch ist Habermas heute, an seinem 85. Geburtstag, auch für Christen ein wichtiger Denker, ein Moderator und Brückenbauer zwischen Christen und Nichtgläubigen.

Philosophie | Bonn - 18.06.2014

Religiös unmusikalisch sei er, sagte der Soziologe Jürgen Habermas, den anderen großen deutschen Soziologen Max Weber zitierend . Seine Erziehung nennt er "liberal-protestantisch", aber ohne viel Reden von Gott. Über seinen Glauben befragt, spricht er von sich als Agnostiker. Und dennoch ist Habermas heute, an seinem 85. Geburtstag, auch für Christen ein wichtiger Denker, ein Moderator und Brückenbauer zwischen Christen und Nichtgläubigen.

Habermas ist keiner von denen, die mit polemischer Ablehnung von Religion hausieren gehen. Er, der linke Professor in der Tradition der Frankfurter Schule Adornos und Horkheimers, ist auch keiner, der aus der Tradition des Marxismus verächtlich und mitleidig auf Glaubende blickt. Vielmehr steht er für eine Philosophie, die die Werte und Überzeugungen von Gläubigen ernst nimmt und für ihren Beitrag und ihre Würdigung in der Öffentlichkeit einsteht.

Den aufrechten Gang von Christen lernen

Während seines Studiums in Bonn lernt Habermas die Theologen Helmut Gollwitzer und Hans Joachim Iwand kennen. Ihn beeindruckt ihr Widerstand gegen das Nazi-Regime und später ihre Kritik an der behäbigen Bonner Republik, in der viele sich nach früher zurücksehnen. "Von solchen Theologen habe ich den aufrechten Gang gelernt", schreibt er. Später in seiner Karriere korrespondiert er mit Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann, als das Reden von Gott in der akademischen Soziologie schon anrüchig war.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit hat es dennoch lange gedauert, bis er der Religion einen großen Stellenwert einräumte: Sein philosophisches Hauptwerk "Die Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) setzt noch ganz auf eine völlig säkulare Vernunft. Im "herrschaftsfreien Diskurs" sollten Argumente geprüft, die schlechten aussortiert werden und die guten sich behaupten – unter der Voraussetzung völlig rationaler Diskussion. Religiöse Argumente und Werte, die der Vernunft nicht zugänglich sind, passten da nicht recht dazu.

Der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger und der renommierte Philosoph Jürgen Habermas trafen am 19. Januar 2004 zu einer Diskussionrunde in der Katholischen Akademie Bayern in München zusammen.  KNA

Wende zur Wertschätzung der Religion

Habermas' Wende zur Wertschätzung der Religion wird auf das Jahr 2001 datiert. Kurz nach den Terroranschlägen des 11. September nahm er in Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegen. Vor der Folie des islamistischen Terrors, aber auch des erstarkenden christlichen Fundamentalismus in den USA denkt er neu über die Religion nach. Er sieht nicht mehr nur, wie naturwissenschaftliche Weltdeutungen immer stärker werden, sondern dass auch der Glauben nicht verschwindet. Habermas spricht daher nicht mehr von einer säkularen, sondern von einer "postsäkularen" Gesellschaft.

Beide Sichten auf die Welt, die extrem säkulare wie die religiös-fundamentalistische, verbinde ihr absoluter Geltungsanspruch. Eine Versöhnung scheint nicht möglich, und Habermas stellt sich die Frage, wie religiös motivierte Spannungen in der Gesellschaft zu verhindern sind. Hier wird die Religion relevant für Habermas' Lebensthema: Die Frage danach, wie eine Gesellschaft verantwortlich gestaltet werden kann aus dem Geist von Verständigung und Diskurs.

Moderator zwischen Gläubigen und Säkularen

Der späte Habermas zeigt sich als Moderator zwischen Gläubigen und Säkularen. In seiner Frankfurter Dankesrede unter dem Titel "Glauben und Wissen" fordert er Verständnis für religiöse Überzeugungen. Der Moderne bescheinigt er ein "säkularistisch verhärtetes und exklusives Selbstverständnis". Religion leiste Sinnstiftung, und auch Nichtreligiöse müssten sich ein Bewusstsein dafür bewahren, was Gläubige in ihrer religiös aufgeladenen Sprache aussagen wollten.

Darin bleibt Habermas seiner Diskurstheorie treu: Er verlangt, wenn schon keine Einigkeit über die letzten Gründe der Welt und des Daseins hergestellt werden kann, dass alle Seiten zumindest offen und wohlwollend die Argumente der anderen zu hören hätten: "Säkulare Mehrheiten dürfen keine Beschlüsse fassen, bevor sie nicht dem Einspruch von religiösen Opponenten Gehör geschenkt haben." Bevor es zu einer Entscheidung kommt, müssten auch Ungläubige versuchen, die Argumente der Gläubigen zu verstehen.

Freilich, so ergänzt er später diese Gedanken, seien die Religiösen auch in der Pflicht, ihre religiösen Werte so zu übersetzen, dass sie auch von Nicht-Religiösen verstanden werden. Paradebeispiel ist für Habermas hier die Würde-Formel des Grundgesetzes, die eine säkulare Formulierung der Gottesebenbildlichkeit sei.

Im Gespräch mit Joseph Ratzinger

Auch praktisch – insofern ein Philosoph wie Habermas das sein kann – löste er seinen eigenen Anspruch ein: 2004 diskutiert er in der Katholischen Akademie in München mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, wieder über das Verhältnis von Glauben und Vernunft in der Öffentlichkeit. Dort würdigt er den Glauben: "Die Philosophie hat Gründe, sich gegenüber religiösen Überlieferungen lernbereit zu verhalten", und besonders würdigt er den Sinngehalt, der aus heiligen Schriften der Religionen spricht.

"Intuitionen von Verfehlung und Erlösung, vom rettenden Ausgang aus einem als heillos erfahrenen Leben" findet er in der Bibel, und damit eine Quelle für ein gutes Zusammenleben: "Deshalb kann im Gemeindeleben etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist." Kein noch so professionelles Expertenwissen könne das Gespür der Gläubigen für gelingendes und verfehltes Leben ersetzen. Für Habermas ist das der unersetzbare Beitrag der Religion zur Gesellschaft: Über sachliche Regeln und Recht hinaus Menschen ein Gefühl von richtig und falsch zu geben und so eine humane Gesellschaft zu prägen.

Ernsthaft die Gläubigen verstehen

Auch wenn er Agnostiker ist – wenn Habermas sich als religiös unmusikalisch bezeichnet, dann kokettiert er: Kaum ein Nicht-Gläubiger versucht mit so großem Ernst und so großer Wertschätzung, die Gläubigen zu verstehen. Mehr von dieser Einstellung wäre mancher Debatte um religiöse Werte in der säkularen Gesellschaft zu wünschen. Ob es um Beschneidung geht, das Tragen von Kopftüchern, die Haltung der Kirche zu Familie und Sexualität: Mit Habermas haben Gläubige kein Recht darauf, ihre Vorstellungen bedingungslos durchzusetzen. Sie haben aber ein Recht darauf, ernsthaft gehört zu werden, ihre Argumente vorzubringen und selbst so zu leben, wie sie es für richtig halten.

Auch die Kirche kann von Jürgen Habermas lernen: Eine Kirche, die Sauerteig in der Gesellschaft sein will, tut gut daran, auf ihn zu hören und religiöse Argumente so zu übersetzen, dass alle Menschen guten Willens sie nachvollziehen können. Heute wird Jürgen Habermas, ein Brückenbauer zwischen Gläubigen und Ungläubigen, 85 Jahre alt.

Von Felix Neumann

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