Der Patron des Internets

Er bewahrte das Wissen der Antike: Der heilige Isidor von Sevilla. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum er der Patron für das Internet werden könnte. Doch der Kirchenlehrer hat Konkurrenz.

Isidor von Sevilla | Bonn - 28.02.2015

Wer in Zeiten des Frühmittelalters etwas googeln oder in der Wikipedia nachschlagen wollte, stand vor einem Problem: Fast anderthalb Jahrtausende sollte es noch dauern bis zur Erfindung des Internets. Fast so gut bedient wie mit einem Internet-Zugang war, wer auf das gesammelte Wissen des heiligen Isidor von Sevilla (560-636) zurückgreifen konnte. Der Ordensmann, der an der Schwelle zwischen Antike und Mittelalter lebte, machte  Karriere im hispanischen Westgotenreich: Mit 30 Abt seines Klosters, mit 40 Bischof von Sevilla als Nachfolger seines Bruders Leander.

Wer immer bei Gott sein will, muss viel beten und viel lesen. Wenn wir beten, sprechen wir mit Gott, wenn wir lesen, spricht Gott mit uns.

Isidor von Sevilla, Sententiae, Buch III, 8.3

Doch nicht seine Ämter machen ihn auch heute noch zu einer herausragenden Gestalt der Kirchengeschichte. Isidor, der als letzter Kirchenvater des Westens die Zeit der Patristik abschließt, sammelte das Wissen seiner Zeit. Nicht nur das theologische: Sein wichtigstes Werk ist ein zwanzigbändiges Lexikon, die Etymologiae, in dem der gelehrte Kirchenmann das Wissen der Welt zusammentragen wollte. Die "sieben freien Künste", Medizin und Recht, Geschichte und Geographie, Theologie und Naturwissenschaft – all das und noch mehr decken die Etymologiae ab. Vieles, was die Wissenschaft heute noch aus der Antike weiß, ist nur durch Isidors Sammlung erhalten, über Jahrhunderte war das von seinem Schüler und Freund Braulio, dem Bischof von Saragossa, fertiggstellte Werk ein wichtiges Handbuch und Nachschlagewerk für die Wissenschaft.

Der heilige Isidor von Sevilla, Patron des Internets
Der heilige Isidor von Sevilla, dargestellt als Patron des Internets. Die Darstellung wurde für katholisch.de von dem amerikanischen Ikonenmaler Antoun Rezk im koptischen Ikonenstil gemalt. Der Gedenktag des Kirchenvaters ist am 4. April.
 Tony Rezk/katholisch.de, CC-BY-SA 4.0

Die zwanzig Bände seines Hauptwerks sind jedoch nur ein Ausschnitt aus dem Werk Isidors: Geschichtswerke, Biographien berühmter Männer, eigenständige philosophische und theologische Werke, Studien über Kirchengeschichte und Kirchenrecht, die erste Gesamtschau christlicher Lehre und Moral, sogar eine einflussreiche Ordensregel machen den in Cartagena im Südosten Spaniens geborenen Wissenschaftler zu einem der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren des Mittelalters.

Papst Benedikt XVI. beschrieb seine Gelehrsamkeit so: "Der Reichtum an kulturellen Kenntnissen, über die Isidor verfügte, gestattete es ihm, ständig die christliche Neuheit mit dem klassischen griechisch-römischen Erbe zu vergleichen, auch wenn es scheint, dass er mehr als die wertvolle Gabe der Synthese jene der 'collatio' besessen habe, das heißt die Gabe der Sammlung, die in einer außerordentlichen persönlichen Bildung zum Ausdruck kam, die nicht immer so geordnet war, wie man es sich hätte wünschen können."

Nicht der einzige Kandidat

Isidors Werk und Wirken nimmt vieles vorweg, was erst weit später selbstverständlich wird: Er bewahrt das Wissen der Antike, noch bevor es verloren geht und ihr Geist wiedergeboren werden muss. Jahrhunderte vor dem Konzil von Trient legt er Wert auf die qualifizierte Ausbildung seiner Ordensbrüder und seines Diözesanklerus, er gründet Schulen, Bibliotheken und Seminare. Lange bevor die französischen Enzyklopädisten das Wissen der Welt sammeln wollen – und dabei für das Heilige wenig Respekt haben –, wird er zum Enzyklopädisten. Und lange, bevor der Jesuit Roberto Busa bei der Erforschung der Schriften Thomas von Aquins zum Datenbankpionier in den Geisteswissenschaften wird, erfindet er für seine enzyklopädische Sammlung datenbankartige Zugriffsmechanismen. Schließlich: Zu einer Zeit, da das Wissen der Welt verloren zu gehen drohte, sammelte er, was er finden konnte, in seinen Werken und Bibliotheken.

Kein Wunder, dass Isidor, der 1722 zum Kirchenlehrer ernannt wurde, ein heißer Kandidat für das noch nicht vergebene Patronat für das Internet ist. Tatsächlich: Ein Medium, das in den letzten Jahrzehnten so gut wie jeden Aspekt des Lebens gründlich verändert hat, muss noch ohne offiziellen Schutzpatron auskommen! Ältere Medien stehen besser da: über das Radio wacht der Erzengel Gabriel, für das Fernsehen ist die heilige Klara zuständig, und die Presse kann sich vertrauensvoll der Fürsprache des heiligen Franz von Sales anvertrauen.

Die Isidor-Basilika im spanischen León
Die Isidor-Basilika im spanischen León. Hier liegen die Gebeine des Heiligen.
 KarSol/Fotolia.com

Isidor von Sevilla ist nicht der einzige, der als Patron des Internets im Gespräch ist: der ähnlich bildungsbeflissene Karl Borromäus, der heute vor allem als Patron der Seminaristen bekannt ist; der spanische heilige Pedro Regalado, der (als wäre er online!) an zwei Orten zugleich erschienen sein soll; der in Auschwitz ermordete Journalist und Franziskaner Maximilian Kolbe; der in Dachau ermordete Karmeliter Titus Brandsma, der Kirchenzeitungen vor dem Einfluss der Nazipropaganda bewahren wollte; der Gründer der Gesellschaft vom heiligen Paul, Giacomo Alberione, ein Pionier des Medienapostolats in Funk und Fernsehen – sie alle werden als mögliche Kandidaten genannt, wenn es um das Internet-Patronat geht.

Patron per Crowdsourcing

Die Katalanen wollen auch hier separate Wege gehen: Ein Online-Schrein ist der heiligen Thekla, "Patrona dels Internautes Catalans", gewidmet. Die besonders im katalonischen Tarragona verehrte frühchristliche Märtyrerin hat vor allem eine Qualifikation für das Netz-Patronat: Auf Katalanisch bedeutet ihr Name Tecla (auf griechisch eigentlich "Gott die Ehre") auch "Taste" – und von der Tastatur bis ins Netz ist es anscheinend nicht weit.

Isidor hat gegebüber den anderen Kandidaten allerdings einen Vorteil: Quasi per "Crowdsourcing" ist er von der Gemeinschaft der Gläubigen als Patron adoptiert worden. Eine gewisse Zeit über gab es einen nach Isidor benannten Software-Preis, noch heute verleiht der Interessensverband AFCEA, der sich mit militärischer Informations- und Kommunikationstechnologie beschäftigt, den "Saint Isidore Army Cyber Award". Sogar ein Ritterorden hat sich gegründet: Der "Order of Saint Isidore of Seville" wurde im Jahr 2000 gestiftet, um, so beschreiben es die Ritter, "den Beginn des dritten Jahrtausends Christi zu feiern, den heiligen Isidor von Sevilla als Patron des Internets zu ehren und die Ideale christlicher Ritterlichkeit durch das Medium des Internets zu fördern."

Und noch etwas zeichnet Isidor vor den anderen möglichen Patronen aus: Sein Name kursiert auch im Vatikan. Im Jahr 2000 bereitete der päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel die ersten vatikanischen Texte über das Internet vor und im Zuge dessen wurde auch nach einem Patron für das Netz gesucht, wie verschiedene Zeitungen damals berichteten. Der damalige Präsident des Päpstlichen Medienrates, Erzbischof John Foley, hoffte auf eine baldige Entscheidung. 2002 kam es dann auch zu einem Beschluss – zwei Dokumente mit den Überschriften "Ethik im Internet" und "Kirche im Internet" wurden zeitgleich mit der Botschaft zum  36. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel veröffentlicht. Was leider fehlte: Jegliche Erwähnung eines Schutzpatrons. Zwar liest man in Isidors möglichem Einsatzgebiet, dem Internet, immer wieder, dass er bereits 2001 durch den Papst zum Patron bestellt wurde – doch das ist eine Ente (vor der der heilige Franz von Sales, Patron der Journalisten, bewahren möge).

Bis heute steht das Internet so ohne offiziellen heiligen Beistand da. Aber immerhin: Das Militärbischofsamt in Argentinien hat Isidor zum Patron der Datenverarbeitungsspezialisten erkoren. Und auch ohne offizielles Patronat: Der große Heilige und Kirchenlehrer hat sicher ein offenes Ohr, wenn man angesichts von Fakenews oder allzu langsamer Downloads eine Fürbitte zu ihm schickt.

Von Felix Neumann

Der Artikel erschien zuerst am 4. April 2017 und wurde zum 4. April 2018 aktualisiert.

Linktipp: Virtueller Start mit drei Engeln

Die Internet-Ära des Vatikan begann vor 20 Jahren mit drei Computern. Technisch ist der Auftritt auf dem neuesten Stand, aus manchen Diensten hat er sich freilich ausgeklinkt. (Artikel von März 2017)

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