• © Bild: Picture-Alliance / Photoshot

Die christlichen Vorläufer

Viel Tradition haben sie scheinbar nicht. Denn offiziell gibt es die Gedenktage für Mütter und Väter noch nicht einmal seit 100 Jahren. Doch wer tief in der europäischen Geschichte gräbt, der findet dort ein ähnliches Brauchtum. Und das ist christlich.

Geschichte | Bonn - 08.05.2016

Viel Tradition haben sie scheinbar nicht. Die beiden Gedenktage für Eltern gibt es offiziell noch nicht einmal seit 100 Jahren. Vielmehr scheint – wie bei so vielen Aktionen aus den USA – die Industrie hinter ihnen zu stecken: Blumenhändler beim Muttertag, die Tabakindustrie beim Vatertag. Doch wenn man Europas Brauchtum erforscht, zeigt sich, dass es durchaus christliche Vorläufer gibt.

Lange bevor Miss Anna Marie Jarvis aus Pennsylvania im Jahr 1907 den Muttertag erfand, der sieben Jahre später als Feiertag in den USA eingeführt wurde, gab es in England bereits den "Mothering Sunday". Während Kirchgänger normalerweise in ihre Pfarrkirche (englisch: daughter chruch) gingen, besuchte man an diesem Tag die sogenannte "mother church", also die Hauptkirche oder Kathedrale der Gegend. Laut dem Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti reicht diese Tradition bis in die Zeiten Heinrichs III. (1216-1239) zurück.

Das Datum für den Mothering Sunday war "Laetare", der vierte Sonntag der Fastenzeit, der inmitten der Bußzeit einen freudigen Charakter besitzt. Das strenge Fasten ist an diesem Tag gelockert und im Laufe der Zeit entstand aus dem religiösen Fest eine Art Mutter- oder Familientag. So bekamen etwa junge Dienstboten einen Tag frei, um erst ihre Mutterkirche zu besuchen und danach nach Hause zu gehen, wo sie ihre Familien treffen konnten. Zu dieser Zeit war es übrigens üblich, dass Kinder bereits nach dem zehnten Geburtstag ihr Haus verließen, um zu arbeiten.

Der Kirche wird für ihre Mutterschaft gedankt

So, wie an diesem Tag der Kirche für ihre Mutterschaft gedankt wurde, dankt man auch seiner leiblichen Mutter. Auf ihrem Weg nach Hause sollen die Kinder Wiesenblumen und Veilchen gepflückt haben, die sie dann ihrer Mutter schenkten, berichtet etwa der BBC in einer Dokumentation. Außerdem buken die Mädchen sogenannte "Simnel cakes", die sie ihren Eltern schenkten. Die reichhaltigen Zutaten des Kuchens verwiesen schon auf Ostern. Bis heute gehören auf den Obstkuchen elf oder zwölf Marzipankugeln, die auf Jesus und die Apostel – ohne Judas – verweisen.

Player wird geladen ...
Was bloß schenken zum Muttertag und worauf kommt es an? Katholisch.de hat nachgefragt.
 katholisch.de

Als der Brauch des "Mothering Sunday" in England und Irland fast vergessen war, wurde er ausgerechnet durch das Aufkommen des US-Muttertags wieder belebt: Constance Penswick-Smith, eine anglikanische Pastorentochter und Apothekerin, gründete eine entsprechende Bewegung und veröffentlichte 1920 ein Büchlein, das den Tag erneut bekannt machte. Bald sprangen die Händler auf, sodass die britischen Mütter seit den 1950er Jahren am vierten Fastensonntag genauso Blumen, Grußkarten und Pralinen bekommen wie die Mütter in Deutschland oder in den USA am zweiten Maisonntag.

Übrigens wurde auch der heute in der westlichen Welt gefeierte säkulare Muttertag von Anna Jarvis zu Beginn in einer Kirche begangen: 1908 drang sie darauf, dass in der Methodistenkirche in Grafton, West Virginia, allen Müttern eine eigene Andacht gewidmet wird. Hintergrund war der dritte Todestag ihrer eigenen Mutter, die sich ihrerseits bereits für einen Muttertag eingesetzt hatte. Schon kurze Zeit nach der Einführung des Feiertags ärgerte sich Jarvis über die Kommerzialisierung des Festes und brauchte ihr ganzes Geld für den Kampf gegen eben diesen auf.

Treiben am Vatertag aus Himmelfahrtsbrauchtum entstanden

Das Hochfest Christi Himmelfahrt ist bei vielen Menschen in Deutschland mittlerweile als Vatertag abgespeichert. Väter treffen sich mit Bollerwagen, Rad und Bierfass, und feiern auf dem Weg sich selbst. Dabei gibt es durchaus Hinweise darauf, dass ihr Treiben aus dem Himmelfahrtsbrauchtum entstanden ist. Bei den Flurumgängen ging es wohl ursprünglich darum, den Gang der elf Jünger zum Ölberg nachzuahmen, von wo aus sie Jesus zur Verkündigung aussandte (Mt 28,17-17). Schon 1534 schrieb der Chronist und Theologe Sebastian Franck, dass es bei den Umgängen durchaus recht fröhlich zugehen könne. Kirchliche Chroniken verraten bereits ab dem 17. Jahrhundert, dass Himmelfahrtsprozessionen in manchen Gemeinden ihren religiösen Sinn verloren und in Trinkgelagen geendet hätten.

Der Volkskundler Dietz-Rüdiger Moser schreibt, dass auch die "Herrenpartien" oder  "Schinkentouren", die im 19. Jahrhundert in manchen Großstädten und besonders in Berlin in Mode waren, in der Tradition der Apostelprozessionen stünden. Fuhrunternehmer organisierten am Himmelfahrtstag Ausflugsfahrten mit Pferdefuhrwerken aufs Land. Frauen waren nicht zugelassen. In den 1930er Jahren propagierten holländische Zigarrenfabrikanten und Metzger dann den Vatertag als Gegenstück zum etablierten Muttertag.

Stichwort: Muttertag

Die Idee des Mutetrtags stammt ursprünglich von der US-Frauenrechtlerin Anna Jarvis. Um ihre 1905 gestorbene Mutter zu ehren und auf Probleme von Frauen aufmerksam zu machen, forderte sie einen Festtag für alle Mütter. US-Präsident Woodrow Wilson führte 1914 auf Wunsch des Kongresses den zweiten Sonntag im Mai als nationalen Ehrentag für Mütter ein. Bald darauf gelangte die Idee nach Europa - zunächst nach England, Skandinavien und in die Schweiz. Den ersten deutschen Muttertag gab es 1923, organisiert vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber. (dpa)

Die Kirchen versuchen weiterhin, dagegenzuhalten. Christi Himmelfahrt wird traditionell mit Gottesdiensten in Pfarrgärten, in Gärten, im Wald oder auf Bergen gefeiert. Dazu gibt es auch Prozessionen durch Straßen, Felder und Weinberge. Und weil die Verkehrsunfälle an Vatertag einen Höhepunkt erreichen, mahnt etwa der Oberkirchenrat Matthias Kreplin von der Evangelischen Landeskirche in Baden: "Denjenigen, die diesen Tag exzessiv begehen, möchte ich zurufen: Überlegt mal, ob Vaterschaft den Sinn darin haben kann, sich zu betrinken."

In anderen Ländern gilt der Vatertag dagegen durchaus als ein Tag für die Familie und die Kinder, die ihren Papa ähnlich beschenken wie ihre Mütter am Muttertag: In Ländern wie Italien, Spanien, Liechtenstein, Bulgarien und Bolivien wird der Vatertag am Fest des heiligen Josef gefeiert. Da ist der Pflegevater Jesu der christliche Ursprung des Festtages. (mit Material von KNA und dpa)

Von Agathe Lukassek

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017