"Die eigene Bedürftigkeit wahrnehmen"

Im April sorgte eine bundesweite "Stress-Studie" mit katholischen Seelsorgern für Aufsehen. Jetzt liegt die zweite Teilstudie vor. Deren Kernaussage lautet: Unter katholischen Seelsorgern ist der Anteil unsicher-distanzierter Bindungen höher als normal.

Kirche | Bonn - 28.01.2016

Im April vergangenen Jahres sorgte eine bundesweite "Stress-Studie" unter katholischen Seelsorgern für Aufsehen. Rund 8.600 Priester, Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten aus 22 der 27 deutschen Diözesen haben daran teilgenommen. Untersucht wurde unter anderem, welchen Einfluss die berufliche Belastung, die Zufriedenheit mit dem Job und die Anerkennung durch andere auf die eigene Gesundheit haben.

Die Ergebnisse waren unerwartet: Nicht die äußeren Faktoren wie zum Beispiel die Pfarreigröße wurden als Hauptursache für psychosomatische Belastungen ausgemacht, sondern "die Art, wie der Betroffene die Belastung wahrnimmt, oder was er von sich selbst erwartet", wie Studienleiter Eckhard Frick damals im Gespräch mit katholisch.de erklärte. Eine entscheidende Rolle spielten dabei auch die sozialen Beziehungen der Seelsorger, die laut Studie Kraftquellen beim Bewältigen des Alltags sein können. "Und da haben Priester deutlich geringere Ressourcen", bilanzierte der Jesuit und Psychologe Frick.

Doch mit den vor einigen Monaten veröffentlichten Ergebnissen war die Studie "Sorge für die Seelsorgenden" noch nicht abgeschlossen. Denn an die breit gestreute Befragung (quantitativ), die mit Hilfe eines einheitlichen Fragebogens durchgeführt wurde, schloss sich eine kleinere, aber dafür sehr detaillierte Erhebung (qualitativ) an. Gerade das Thema "Beziehung" spielte dabei noch einmal eine größere Rolle. "Wir haben mit 83 Seelsorgern der ersten Studie strukturierte biographische Interviews geführt, um mehr auf ihre Lebensgeschichte eingehen zu können", erzählt Frick jetzt in einem erneuten Gespräch. Für eine qualitative Studie sei diese Zahl aus wissenschaftlicher Perspektive mehr als ausreichend gewesen.

Zusammenhang zwischen Bindungsverhalten und Gesundheit

Untersucht haben der Jesuit und sein Team den Zusammenhang von sogenannten Bindungsrepräsentanzen und psychosomatischen Belastungen. Die der Studie zugrunde liegende Bindungstheorie beruht dabei zunächst auf der Annahme, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. "Bindung entsteht bei Neugeborenen und Kleinkindern in Beziehungen, die Sicherheit gewähren", sagt Frick. Meistens sei es die Beziehung zur Mutter. Aus diesen Erfahrungen heraus entstünden innere Arbeitsmodelle.

Der Jesuit Eckhard Frick ist Professor für Spiritual Care am Uniklinikum München und Leiter der Studie "Sorge für die Seelsorgenden".
 KNA

Der Jesuit nennt ein Beispiel: "Wenn ich Hunger habe oder krank bin, weiß ich, dass meine Mutter kommt und mir hilft." Soweit das Ideal, die sichere Bindung. Es komme aber auch vor, dass die Mutter oder eine sonstige Bezugsperson eben nicht zur Stelle sei oder die Beziehungen gar missbraucht würden. Die Erfahrungen und Bindungsabläufe aus der Kindheit werden zu festen Bildern, die Psychologen als Bindungsrepräsentanzen bezeichnen. "Die Bilder braucht der Mensch im Alltag nur selten, da er in der Regel in einer sicheren Umwelt lebt", erklärt Frick. Doch bei Unsicherheiten und Belastungen greife man darauf zurück, um diese zu bewältigen.

Und genau damit haben überdurchschnittlich viele katholische Seelsorger ein Problem. Für die Studie wäre laut den Wissenschaftlern ein Anteil von etwa 50 Prozent sicheren Bindungsrepräsentanzen zu erwarten gewesen. Er liegt allerdings nur bei etwa 23 Prozent. "Stattdessen haben wir einen deutlich erhöhten Anteil unsicher-distanzierter Bindungen vorgefunden", sagt Frick. Der Anteil liege bei etwa 40 Prozent (Vergleichswert: rund 24 Prozent). Vielen Seelsorgern falle es demnach schwer, sich Hilfe zu holen oder aber auch gut ohne fremde Hilfe auszukommen. Die Konsequenz: eine erhöhte psychosomatische Belastung, zum Beispiel in Form von körperlichen Beschwerden, Angst oder Depressionen.

Priester stechen noch einmal heraus

Die Priester stechen dabei aus der Gruppe der Seelsorger noch einmal heraus. Bei ihnen liegt ein geringerer Anteil sicherer und ein höhere Anteil desorganisierter Bindungen vor als etwa bei Gemeinde- oder Pastoralreferenten. "Das kann sich zum Beispiel in Distanziertheit oder einer bürokratischen Versachlichung von Beziehungen ausdrücken", sagt Frick.

Die Wissenschaftler zeigen dabei auch einen möglichen Zusammenhang zwischen dem quantitativen und dem qualitativen Teil der Studie auf. Denn in den aktuell veröffentlichten Ergebnissen heißt es: "Auch wenn im Rahmen der vorliegenden Studie keine Aussagen über Kausalitäten möglich sind, ist denkbar, dass viele Faktoren der psychosomatischen Gesundheit von Seelsorgenden, etwa die Selbstwirksamkeitserwartung, Stresswahrnehmung, Spiritualität oder die Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung wesentlich in den frühkindlichen Bindungserfahrungen begründet liegen."

Linktipp: So gestresst sind unsere Seelsorger

Erreichbar sein, trösten können, spirituelle Orientierung geben: Die Anforderungen an Seelsorger sind hoch. Vielleicht zu hoch? Das wollten Wissenschaftler durch eine deutschlandweite Stress-Studie herausfinden, an der rund 8.600 katholische Seelsorger teilgenommen haben.

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Warum der Anteil der unsicheren Bindungen unter den katholischen Seelsorgern besonders hoch ist, lässt sich vorerst nur mutmaßen. Zwei Modelle sind laut Studie jedoch denkbar: Einerseits könne die zölibatäre Lebensweise für Menschen mit unsicher-distanzierten Bindungen einladend wirken, da sie ihr Berufsumfeld relativ autonom gestalten und beispielsweise auf erotische Intimität verzichten können. In diesem falls spiegele sich die jeweilige Bindungsrepräsentanz bereits in der Berufswahl wider. Andererseits könne der Beruf aber auch eine kompensatorische Funktion haben. Viele der Befragten gaben demnach an, dass "die katholische Kirche, vor allem im ländlichen Raum und in Gestalt des Heimatpfarrers, ein gewisses Maß an Stabilität und Kontinuität ermögliche, wenn die familiären Beziehungen von einer besonderen Instabilität gekennzeichnet waren".

"Du musst nicht vollkommen sein"

Frick betont, dass es sich bei den Befunden nicht um Krankheitsbilder, sondern lediglich um Verhaltensweisen handele. Für ihn sind die notwendigen Konsequenzen aus den Studienergebnissen dennoch klar: "Wir dürfen bei den Seelsorgern nicht nur auf die Leistungsfähigkeit und die Loyalität schauen, sondern müssen auch deren eigene Bedürftigkeit wahrnehmen." Priester seien ebenso erlösungsbedürftig wie alle anderen Menschen. Der Jesuit erhofft sich von der Studie, dass die Kirche genau das künftig stärker berücksichtigt.

Bisher fand die zweite Teilstudie jedoch ausschließlich in psychologischen Fachzeitschriften Beachtung. Die Wissenschaftler hoffen, dass sich das noch ändern wird. "Nur wenn wir das Thema in das öffentliche Bewusstsein rufen, besteht die Chance, dass es nicht mehr tabuisiert wird", sagt Frick. Das sei eine Entwicklungschance, die vielleicht dazu führe, dass künftige Priestergenerationen leichter über ihre Sorgen und Probleme sprechen, aber auch besser mit ihren eigenen Grenzen umgehen könnten. Fricks Vorschlag für eine mögliche Botschaft der Kirche an ihre Seelsorger lautet deshalb: "Du musst nicht vollkommen sein, aber offen für die Begegnung mit Gott und den Menschen."

Von Björn Odendahl

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