Die Kirchensteuer ist nur der Auslöser

Verstehen statt Verurteilen: Eine neue Studie geht der Frage nach, warum Menschen aus der katholischen Kirche austreten – und was die Verantwortlichen in der Kirche dagegen tun können.

Gesellschaft | Essen/Freiburg - 18.02.2018

Für die katholische Kirche ist es jedes Jahr eine schmerzliche Prozedur: die Zahl der Kirchenaustritte bekanntzugeben. Nach Missbrauchsskandal, Finanzaffäre um das Limburger Bischofshaus und Änderungen beim Kirchensteuereinzug stieg sie 2014 auf fast 220.000 und erreichte damit einen Höchstwert. Auch wenn in den Folgejahren wieder weniger Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben, sehen die Verantwortlichen ein großes Problem. Eine umfangreiche Studie des Bistums Essen wirft ein Licht auf die Motive von Ausgetretenen und Austrittswilligen – und empfiehlt auf dieser Basis der Kirche Änderungen.

"Es kann doch nicht sein, dass uns innerhalb der Kirche völlig egal ist, wenn eine erschreckend hohe Zahl getaufter Katholikinnen und Katholiken enttäuscht, frustriert oder gar zornig zum Amtsgericht geht, um den Austritt aus der Kirche zu erklären", begründet der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer, warum seine Diözese die Studie in Auftrag gegeben hat. Ausgetretene und Austrittswillige müssten für die Kirche wichtige Ansprechpartner sein – trotz ihres äußerst kritischen Feedbacks.

Ein langer Weg der Entfremdung

Entsprechend finden sich unter den rund 3.000 online befragten Personen aus dem Ruhrgebiet nicht nur Kirchenmitglieder, sondern auch rund 450 Ausgetretene. Zusätzlich wurden rund 40 Tiefeninterviews geführt und schon frühere Untersuchungen zum Thema ausgewertet. Ergebnis: Die Kirchensteuer ist nicht Grund für den Austritt – wohl aber ein Auslöser. Hauptursache seien ein langer Weg der Entfremdung und eine fehlende emotionale Bindung – gepaart mit Glaubenszweifeln.

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Entscheidend sei zudem das Erscheinungsbild der Kirche. Besonders die Sexualmoral werde als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Zu den am meisten genannten Austrittsgründen zählen das Frauenbild der Kirche sowie ihre Haltung zu Homosexualität, wiederverheirateten Geschiedenen und Zölibat. Jeder Zehnte nannte die Missbrauchsfälle oder die Limburger Finanzaffäre als Motiv.

Eine große Zahl der Mitglieder sind laut der im Freiburger Verlag Herder erschienenen Studie nur noch formal Teil der Kirche. So besuchen mehr als 90 Prozent der Getauften keine oder nur wenige Gottesdienste. Nicht selten hänge die Zugehörigkeit am seidenen Faden. Wenn persönliche Gottesdienste wie Taufen, Trauungen, Beerdigungen oder Erstkommunionfeier durch schwerwiegende Enttäuschungen getrübt würden, folge oft ein Austritt.

Gerade diesen Menschen müsse die Kirche mehr Aufmerksamkeit schenken – insbesondere den 25- bis 35-Jährigen. Denn zwischen Karriere- und Familienplanung liege die Zahl der Kirchenaustritte besonders hoch. Das Ruhrbistum hat erste Versuche gestartet, auf diese Altersgruppe einzugehen. So kommt sie frisch gebackenen Eltern nicht gleich mit der Taufe ihres Kindes, sondern bietet ihnen zunächst nur eine Segnung an.

Laut der Studie muss die Kirche klarer machen, warum sich ein Leben nach ihren Normen lohnt.
 KNA/Harald Oppitz

An der Studie "Kirchenaustritt – oder nicht?" sind Forscher mehrerer Institutionen beteiligt, darunter die Uni Siegen, die CVJM-Hochschule Kassel, das Bochumer Zentrum für angewandte Pastoralforschung und das Philosophisch-theologische Institut M.-Dominique Chenu in Berlin. Entsprechend dem Untertitel "Wie Kirche sich verändern muss" mahnen die Autoren die Verantwortlichen, massiv an ihrem Image der Rückschrittlichkeit zu arbeiten.

Barmherziger Umgang mit "Sollbruchstellen"?

Ihnen ist durchaus bewusst, dass sich in den Positionen zu Homosexualität und wiederverheirateten Geschiedenen "Kernideale einer römisch-katholischen Spiritualität und Lebensphilosophie" niederschlagen. "Sie sind nicht beliebig verhandelbar." Doch könne ein barmherziger Umgang mit "diesen Sollbruchstellen" Menschen durchaus in der Kirche halten. Ratsam sei aber auch ein offensiver Umgang mit der katholischen Sexualmoral. Statt Verbote zu formulieren, sollte die Kirche positiv sagen, warum ein Leben nach ihren Normen sich lohnt.

Während die einen Reformen verlangen, fordern andere zur Überraschung der Wissenschaftler das genaue Gegenteil. So finden einige Befragte die Kirche nicht mehr traditionell und spirituell genug. Die Antwort der Forscher darauf: Auch diese Zielgruppe benötige eigene Angebote.

Von Andreas Otto (KNA)

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