Die namenlosen Toten hinter der Düne

Er gehört zu den schönsten Sehenswürdigkeiten von Sylt: der "Friedhof für Heimatlose" für angeschwemmte Wasserleichen. Die Verstorbenen liegen aber nicht in geweihter Erde - aus einem ganz bestimmten Grund.

Geschichte | Westerland auf Sylt - 30.03.2017

Wasserleichen wurden früher regelmäßig an den Stränden von Sylt gefunden. Vor allem auf der Westseite der Insel, wo Wind und Gezeiten die toten Körper anspülten. Wenn sie entdeckt wurden, dann war es ein kleines Ereignis, zu dem Insulaner und Sommerfrischler herbeikamen. "Das hatte fast Volksfestcharakter", berichtet Heike Kamp (42), die gelegentlich Besuchergruppen durch die Stadt und zum Friedhof führt.

Blanker Hans fordert seinen Tribut

In früheren Jahrhunderten, wenn Segelschiffe und Fischerboote in schwere See gerieten, forderte der Blanke Hans seinen Tribut, und so mancher Seemann ging über Bord. Erst Tage oder Wochen später spie die Nordsee die Männer wieder aus. Für diese armen Menschen legte Stranddirektor Wulf Hansen Decker 1854 einen "Friedhof für Heimatlose" an - und zwar direkt hinter der Dünenkette bei Westerland. Entlang der deutschen Nordseeküste wurden eine ganze Reihe solcher Begräbnis- oder Gedenkorte eingerichtet, wobei einige inzwischen wieder aufgegeben wurden.

Eingangstor zu einem Friedhof für ertrunkene Seeleute auf Sylt.
Eingangstor zu einem Friedhof für ertrunkene Seeleute auf Sylt.
 KNA

Der Friedhof, der 1907 offiziell geschlossen wurde, gehört noch heute zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten der Insel Sylt. Er befindet sich direkt im Wohngebiet gegenüber der katholischen Kirche Sankt Christophorus. Als der Friedhof angelegt wurde, lag er noch vor den Toren des Ortes, erklärt Kamp. Dort wollte man den Menschen, deren Identität in der Regel unklar blieb, einen Ort der ewigen Ruhe gewähren. Allerdings nicht in geweihter Erde, "weil man ja nicht wusste, ob das Selbstmörder sind oder ob sie überhaupt getauft waren". Denn für Selbstmörder und Ungetaufte war auf dem Friedhof der alten evangelischen Dorfkirche Sankt Niels kein Platz.

Laut einer Gedenktafel auf dem Friedhof für Heimatlose wurde dort am 4. Oktober 1855 der erste unbekannte tote Seemann beigesetzt. Er war tags zuvor am Strand von Westerland gefunden worden. Am 2. November 1905 wurde der letzte Unbekannte an diesem Ort begraben. 23 Tote vom Westerländer Strand, 15 vom Rantumer Strand und 15 vom Hörnumer Strand haben auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden. Auf den Holzkreuzen stehen jeweils der Auffindeort der Leichen und das Datum. Und dann gibt es da noch Harm Müsker, der Einzige, dessen Identität geklärt werden konnte und an den ein persönlicher Gedenkstein erinnert.

Für weitere Wasserleichen war kein Platz mehr. Und an eine Ausdehnung des Areals war nicht zu denken, weil auch Westerland gewachsen war. Wie Stadtführerin Heike Kamp berichtet, werden Strandleichen, die bei Westerland angespült werden, seither in einem separaten Bereich auf dem neuen Friedhof hinter Sankt Niels beerdigt.

An der Ecke zwischen Elisabethstraße und Käpt'n-Christiansen-Straße

Die rumänische Königin Elisabeth zu Wied - die unter dem Pseudonym Carmen Sylva vor allem Versepen und Gedichte verfasste - war es übrigens, die seinerzeit einen Gedenkstein für den Friedhof stiftete. Nach ihr ist auch die Elisabethstraße benannt, an deren Ecke zur Käpt'n-Christiansen-Straße der Friedhof liegt.

Friedhof: Die letzte Ruhestätte

Was ist im Todesfall zu beachten? Welche Formen der Beisetzung gibt es in Deutschland? Wie hat sich die Bestattungskultur verändert und wie ist es heute um den Friedhof bestellt? Katholisch.de gibt in einem umfangreichen Dossier Antworten auf diese und andere Fragen.

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Von Marco Heinen (KNA)

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