"Und dann kam mein Moment"

Eigentlich wollte Iris Blum "Priesterin" werden. Doch weil das nicht ging, beschritt sie einen anderen Weg - und wurde geweihte Jungfrau. Im Interview spricht sie über die Entscheidung ihres Lebens.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 05.08.2017

Frage: Frau Blum, warum haben Sie sich zur Jungfrauenweihe entschlossen?

Blum: Ich war immer schon sehr engagiert in meiner Kirchengemeinde als Organistin, als Kirchenmusikerin, Chorleiterin und in der Kinder- und Jugendarbeit. Schon sehr früh wollte ich auch mehr Verantwortung in der Gemeinde übernehmen und dachte, es wäre schön, wenn Frauen in der katholischen Kirche auch Priesterinnen werden könnten. Dass das eine Wunschvorstellung ist, die sich nicht realisieren lässt, wusste ich. Mein damaliger Ortspfarrer hat mir nahegelegt, darüber nachzudenken, ob ich nicht in ein Kloster gehen möchte. Das war jedoch ein Schritt, der für mich zur damaligen Zeit nicht in Frage kam. Im Zusammenhang mit den Überlegungen, was ich nach dem Abitur beruflich machen  möchte, sagte mir mein Vater, der evangelisch ist, sehr pragmatisch gedacht: "Werde doch einfach evangelisch und Pastorin". Ich habe wirklich darüber nachgedacht, weil ich zu dieser Zeit auch in der evangelischen Kirche als Organistin aushalf. Aber ich merkte, dass es einer evangelischen Gemeinde gegenüber nicht fair wäre nur deshalb zu konvertieren, um eine Gemeinde zu übernehmen, da ich in meinem Herzen immer katholisch bleiben würde.

Frage: Weil Sie nicht Priesterin werden konnten, wurden Sie geweihte Jungfrau?

Blum: Das klingt jetzt so nach Kompromisslösung, aber es war ein langer Weg dorthin. Schon seit meiner Kindheit gehörte der Glaube zu meinem Leben. Angeregt durch eine Dokumentation im Kinderfernsehen über einen muslimischen Jungen, der morgens und abends im Koran las, wollte ich das mit ungefähr neun Jahren auch versuchen. Ich habe begonnen morgens und abends in meiner Kinderbibel zu lesen. Genau seit dieser Zeit habe ich bis heute meine festen Gebetszeiten, nur dass ich heute neben der Bibel auch das "Kleine Stundenbuch" lese. Später habe ich dann das Studium für das Lehramt an Gymnasien für die Fächer Mathematik und Katholische Religion an der Universität Kassel begonnen. Heute arbeite ich als Lehrerin an einem staatlichen Gymnasium in Fritzlar und bin dort auch Stellvertretende Schulleiterin. Ich lebe ohne Partnerschaft und ohne eigene Familie, aber irgendetwas fehlte in meinem Leben. Der Ruf nach Mehr wurde immer lauter in mir. Ich habe deutlich gespürt, dass ich das, was ich innerlich lebte, auch nach außen zeigen wollte, ich wusste nur noch nicht genau, wie. Eine Bekannte erzählte mir von einer Jungfrauenweihe, die sie miterlebt hatte, und hat mich gefragt, ob das denn nicht auch etwas für mich wäre. Ich habe abgewehrt, denn ich war der Ansicht, dass mein Leben so, wie ich es mit Jesus lebte, in Ordnung war. Aber ein Funke begann innerlich in mir zu brennen. Ich habe angefangen mich mit der Jungfrauenweihe zu beschäftigen. Aber so richtig dazu entscheiden konnte ich mich nicht. Und dann kam mein Moment.

Frage: Was ist genau passiert?

Blum: Es war bei einem ganz normaler Wanderurlaub mit meinen Eltern. Weil es regnete, machten wir einen Ausflug zur bekannten Wieskirche. Ich kannte diese Kirche nur als Wallfahrtskirche und als sehr beliebte Hochzeitskirche. Ich ging hinein und beim Betrachten der Votivtafeln und des Wallfahrtsbildes passierte plötzlich etwas in mir. Diese Ruhe dort hat mich tief drinnen angerührt. Ich begann innerlich die Bitte zu formulieren: "Wenn du willst, Gott, dass ich diesen Weg gehe und geweihte Jungfrau werde, dann mach doch dies und jenes." Ich hätte nie damit gerechnet, aber es traf wirklich ein. Ich war baff. Es war nichts Spektakuläres nach außen hin, aber innerlich fiel in diesem Moment meine Entscheidung, diesen geistlichen Weg nun ernsthaft anzugehen. Das war mein Berufungserlebnis. Zu Hause angekommen, habe ich mit meinem Ortspfarrer über meinen Entschluss gesprochen und dieser hat mich ermutigt, Kontakt mit dem Bischof von Fulda aufzunehmen, ihm einen Brief mit meinem Wunsch zur Jungfrauenweihe zu schreiben und ihn um ein Gespräch zu bitten.

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Frage: Was haben Sie dem Bischof im ersten Gespräch gesagt?

Blum: Ich habe Bischof Heinz Josef Algermissen gesagt, dass ich mich dazu entschieden habe, die ersten Schritte hin zur Jungfrauenweihe zu gehen. Und dann habe ich ihn gefragt, ob ich denn nicht schon zu alt dafür wäre? Er meinte, dass ich genau das richtige Alter dafür hätte, denn so habe er das gute Gefühl, dass meiner Entscheidung ein wohlüberlegter Prozess vorausgegangen sei.

Frage: Hatten Sie es sich denn gut überlegt?

Blum: Natürlich hatte ich Zweifel, und viele Fragen waren noch offen. Ich hatte mich ja lange genug gegen diesen geistlichen Weg gesträubt. Aber im Rückblick sehe ich deutlich den roten Faden meiner Berufung, der sich durch mein Leben zieht. Aber auch während meiner Vorbereitungszeit, die mir der Bischof auferlegt hatte und für den er mir einen geistlichen Begleiter, einen Mentor, zur Seite gestellt hatte, gab es immer noch Dinge, gegen die ich mich sträubte. Zum Beispiel habe ich mich lange vor den Exerzitien gedrückt. Doch irgendwann gab es keine Ausreden mehr. Exerzitien gehörten zur Vorbereitung auf die Weihe unabdingbar dazu. Hilfreich war der Zuspruch meines Ortspfarrers: "Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit Jesus in den Urlaub. Sie nehmen sich Zeit füreinander und bringen das zur Sprache, was Ihnen Zweifel oder Sorgen bereitet." Ich machte dann meine Exerzitien im Benediktinerkloster Münsterschwarzach und habe dabei eine spirituelle Dimension in mir entdeckt, die ich bislang noch gar nicht kannte. Jetzt konnte ich mein Leben ganz in Gottes Hände legen und mich in der Jungfrauenweihe ganz Jesus Christus anvertrauen.

Frage: Hatten Sie keine Zweifel mehr vor der Weihe?

Blum: Doch. Meinen Mentor, den ich etwa alle sechs Wochen zur Vorbereitung auf die Weihe traf, löcherte ich andauernd mit Fragen. Zum Beispiel wollte ich wissen, warum ich diesen Schleier als Braut Christi bei der Weihe tragen sollte. Für mich war der Schleier mit vielen negativen Vorurteilen besetzt. Erst als mir klar wurde, dass dieser Schleier mir beim Beten helfen kann, weil er mein Gebet mit Gott intim macht, konnte ich ihn akzeptieren. Es ist tatsächlich ein anderes Beten mit Schleier als ohne.

Frage: Tragen Sie den Schleier heute auch noch?

Blum: Bei meiner Jungfrauenweihe am 18. Oktober 2015 habe ich den Schleier auf den Kopf gelegt, als er mir überreicht worden ist. Heute lege ich ihn immer straff über meine Schultern, wenn ich in den Gottesdienst gehe. Außerdem bekam ich auch das Stundenbuch vom Bischof überreicht und einen Ring, denn die Jungfrauenweihe ist die Vermählung mit Christus. Wie Ehepaare ihre Eheringe seit ihrer Hochzeit tragen, trage auch ich diesen Ring seit meiner Jungfrauenweihe als äußeres Zeichen meiner inneren Verbundenheit mit Jesus Christus. Meine Weihe fand in meiner Pfarrgemeinde und in meiner Heimatkirche statt. Hier bin ich getauft worden und zur Erstkommunion gegangen. Diese Kirche ist mir Heimat in freudigen und leidvollen Stunden.

Iris Blum (48) ist geweihte Jungfrau und kommt aus Nordhessen. Hier bei ihrer Weihe mit Bischof Heinz Josef Algermissen.
 Iris Blum

Frage: Wie haben Ihre Kollegen in der Schule darauf reagiert?

Blum: Meinen Kollegen habe ich per Brief über meine Entscheidung informiert. Ich wollte ihnen die Angst nehmen und habe ihnen erklärt, dass sich für sie nichts ändert, da ich ja meine innere Berufung schon immer gelebt habe und sie jetzt nur öffentlich machen möchte. Ich habe das verglichen mit zwei Menschen, die schon lange ohne Trauschein zusammen leben, bei denen dann aber der Wunsch entsteht, ihre Liebe durch die Heirat auch für alle nach außen hin zu besiegeln. Meinen "neuen" Familienstand habe ich verkürzt dargestellt als den einer Nonne in der Welt, ohne Habit und ohne Kloster. Zudem habe ich sie ermutigt bei Fragen zu mir zu kommen. Es war schön, als einige mit ihren Fragen zu mir kamen. Meine Kollegen haben sich für mich gefreut, und selbst diejenigen, die der Entscheidung kritisch gegenüberstanden, haben sie akzeptiert. Meine Sekretärin und mein Schulleiter sowie einige Kollegen waren auch bei meiner Weihe anwesend. Schön war auch, dass meine Heimatgemeinde mir zu meiner Weihe ein wunderschönes Fest bereitet hat. 

Frage: Sind Sie nun glücklich mit der Jungfrauenweihe oder wollen Sie mehr?

Blum: Ich bin angekommen. Heute weiß ich, dass mein Wunsch, katholische Priesterin zu werden, für mich weniger damit verbunden war, der Messe vorzustehen, als vielmehr in einem zölibatären Leben ganz für eine Gemeinde beziehungsweise für die Menschen in meinem Umfeld dazu sein. So habe ich als geweihte Jungfrau alles erreicht, was ich erreichen wollte. Ich werde nie am Altar stehen und ich werde nie die Wandlungsworte wie ein Priester sprechen, aber ich bin für meine Gemeinde und für die Menschen, mit denen ich im Beruf und auch sonst zu tun habe, da im Sinne eines geweihten Lebens in der Welt. Was das bedeutet, muss sich jeden Tag neu erschließen und bedacht werden. In allen meinen Entscheidungen schwingt die Frage mit, ob ich sie im Sinne des Lebens als geweihte Jungfrau in einer Partnerschaft mit Jesus Christus rechtfertigen kann. Ob ich mich für eine Priesterweihe entscheiden würde, wenn sie eines Tages für Frauen möglich wäre, weiß ich nicht. Das ist mir zu spekulativ.

Von Madeleine Spendier

Die Jungfrauenweihe

Die Jungfrauenweihe ist eine besondere Form des gottweihten Lebens, das vom Diözesanbischof nach liturgischem Ritus vorgenommen wird. Geweihte Jungfrauen oder gottgeweihte Frauen nehmen sich Christus zum Vorbild und weihen ihm ihr Leben und legen das Gelübde der Ehelosigkeit in der Welt ab. Mit der Weihe sind sie in den Stand der Jungfrauen aufgenommen und durch ein eheähnliches Band mit Christus verbunden. Eine Kandidatin sollte zwischen 30 und 50 Jahre alt sein, sie darf niemals die Ehe eingegangen sein oder offenkundig ein dem Stand der Jungfräulichkeit widersprüchliches Leben geführt haben. Während der mindestens einjährigen Vorbereitungszeit wird sie von einem Mentor und einem geistlichen Begleiter unterstützt. Bei der Weihe sieht das Pontifikale die Übergabe des Ringes, des Schleiers und des kirchlichen Stundenbuchs als Insignien vor. Dabei sind Ring und Schleier Zeichen für die bräutliche, das Stundenbuch Zeichen für die kirchliche Bindung. Die Jungfrauenweihe stammt aus urchristlicher Zeit und wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil wiederentdeckt.

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