"Ein Sakrament der Ermutigung"

Beichten ist bei Katholiken in Deutschland in den vergangenen Jahren aus der Mode gekommen. Das weiß auch der Pater Ansgar Wiedenhaus. Im Interview spricht er über das Potential der Beichte und er erzählt, wer heute noch beichtet.

Sakramente | Nürnberg - 18.03.2016

Beichten ist bei Katholiken in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend aus der Mode gekommen. Das weiß auch der Nürnberger Jesuitenpater Ansgar Wiedenhaus, der dennoch die Chancen des Bußsakramentes betont. Im Interview spricht er über das große Potential der Beichte und er erzählt, wer heute noch beichten geht.

Frage: Pater Wiedenhaus, vor sechs Jahren haben Sie in Ihrem Buch "Immer wieder neu anfangen dürfen" über die Problematik der leeren Beichtstühle geschrieben. Wie stehen die Leute heute zur Beichte?

Wiedenhaus: Das ist nach wie vor ein Problem. Irgendwann wurde das Thema Beichte auch so ein bisschen aufgegeben. Ich glaube, man hat sich einfach daran gewöhnt, dass immer weniger Leute kommen. Wenn Pfarrer das bemängeln, frage ich sie schon, wann sie zum letzten Mal darüber gepredigt, also sozusagen Werbung gemacht haben. Der Bedarf nach Austausch und Gespräch, nach Zuspruch - auch nach sakramentalem Zuspruch -, der ist da. Aber es gibt noch überwiegend diese klassischen und traditionellen Beichten. Die sind für einen modernen Menschen dementsprechend unzugänglich.

Frage: Inwiefern?

Wiedenhaus: Viele Leute fragen sich, was und wie sie eigentlich beichten sollen. Sie schauen ins Gotteslob, in diesen Beichtspiegel. Da hat man ja schon den Eindruck von so einer "katholischen Kleinkriminalität", die so ein bisschen an unserer Lebenswelt vorbeigeht. Wir leben ja sowieso in einer Welt, in der Menschen vermittelt wird, dass sie nicht gut genug sind. Und dann soll ich ihnen im Beichtstuhl auch noch sagen: "Und Gott findet übrigens auch, dass du eine Niete bist." Das ist ja leider so dieses Image, das Beichte hat.

Frage: Was ist Beichte dann in Ihren Augen?

Wiedenhaus: Für mich ist die Beichte ein Sakrament der Ermutigung. Es soll den Menschen die Angst um sich selbst nehmen und keine neue Angst erzeugen. Dort finden sie einen Ort, wo sie sich wirklich einmal schwach zeigen können, mit ihren Ängsten, ihrer Schuld, aber auch mit ihren "dunklen Seiten". Dort bekommen sie Mut zugesprochen. Aber auch, dass zwischen ihnen und Gott nichts steht.

Frage: Wer kommt denn heute eigentlich noch zur Beichte?

Wiedenhaus: Es gibt Menschen, die seit Jahren kommen und immer auf dieselbe Art und Weise beichten. Dann kommen Leute, die neu zum Glauben oder zur Spiritualität gefunden haben, in deren Leben die Beichte einen festen Platz hat. Manche wissen auch nicht wirklich, was sie genau machen sollen und brauchen einfach jemanden zum Reden. Da schaue ich erst einmal, ob sie wirklich eine sakramentale Beichte oder ein Gespräch wollen. Und dann kommen Menschen, die seit 30 Jahren nicht mehr beichten waren, aber jetzt das Bedürfnis dazu haben. Da ist es oft etwas Größeres und ich versuche, einen anderen Termin mit mehr Zeit füreinander auszumachen. Dann findet die Beichte auch in meinem Büro statt.

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Frage: Warum sind unterschiedliche Beichtformen so wichtig?

Wiedenhaus: Es ist ein niedrigschwelliges Angebot. Wir bieten beides an: den Beichtstuhl mit Gitter oder die Gesprächszimmerform. Letzteres ist schon häufiger geworden. Aber ich würde nicht sagen, dass jetzt nur ältere Menschen das eine bevorzugen und Jüngere das andere. Das ist ganz gemischt.

Frage: Unterscheiden sich die Menschen in ihrer Art zu beichten?

Wiedenhaus: Ja, es gibt solche, die arbeiten wirklich diesen klassischen Beichtspiegel ab. Wenn ich dann frage, wie es ihnen eigentlich geht, dann kommen die Themen, die die Leute beschäftigen. Die Probleme einer alten, alleinstehenden Frau. Oder junge Menschen, die unter hohen Ansprüchen von allen Seiten oft zusammenzubrechen drohen. Ich kann und will niemandem seine klassischen Beichtgewohnheiten abgewöhnen. Aber das, was dann erzählt wird, ist meistens viel näher an den Menschen dran.

Frage: Beichte ist für Sie also auch ein Zugang zu den Menschen?

Wiedenhaus: Definitiv! Auch dass Menschen einen Ort haben, wo sie über Themen sprechen können, für die sie sonst kein Gehör finden. Wir haben kulturell wenige Plattformen, um Scheitern oder Angst zu thematisieren, ohne dass es gleich therapeutisch wird. Da hat die Beichte eine sehr wichtige Rolle.

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Was bedeutet Beichten? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".
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Frage: Wie wirkt eine Beichte psychologisch?

Wiedenhaus: Ich bin da immer ganz vorsichtig mit pauschalen Aussagen. Ich habe aber den Eindruck, dass es für viele schon eine erleichternde Erfahrung ist.

Frage: Was machen Sie, wenn ein Mensch ein Verbrechen beichtet?

Wiedenhaus: Ich bin ans Beichtgeheimnis gebunden. Punkt. Da geht nichts raus. Sogar, wenn jemand Opfer ist. Wenn derjenige meine Hilfe möchte, muss er mir das noch einmal außerhalb der Beichte erzählen.

Frage: Wie gehen Sie dann persönlich damit um?

Wiedenhaus: Ich muss gestehen, dass ich eine sehr gute Seelenhygiene habe. Sachen, die ich im Beichtstuhl höre, vergesse ich, sobald ich rausgehe. Ich bin schon dankbar, dass das so funktioniert.

Frage: Warum?

Wiedenhaus: Weil ich sonst meine Arbeit mit ins Bett nehme. Schlechte Idee.

Zur Person

Pater Ansgar Wiedenhaus (*1971) leitet seit Advent 2009 die Citykirche St. Klara in Nürnberg. Wiedenhaus trat 1996 in den Jesuitenorden ein. Nach dem Studium der Philosophie in München und der Theologie in Frankfurt am Main wurde er 2003 in Frankfurt zum Priester geweiht. Von 2005 bis 2007 war er Sozius des Novizenmeisters der Jesuiten in Nürnberg, anschließend wirkte er als Kaplan in St. Peter in Köln.

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Von Julia Haase (KNA)

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