"Eminenz, warum haben Sie das gemacht?"

Vier Kardinäle fordern den Papst öffentlich auf, sein Schreiben "Amoris laetitia" zu erläutern. Der Dekan der Römischen Rota findet das skandalös. Von einem deutschen Kardinal ist er besonders enttäuscht.

Vatikan | Vatikanstadt - 01.12.2016

Vier Kardinäle - die Deutschen Joachim Meisner und Walter Brandmüller sowie Raymond Leo Burke und Carlo Caffarra - haben den Papst aufgefordert, seine Aussagen zu wiederverheirateten Geschiedenen zu präzisieren. Dieser beispiellose Vorgang hat auch das vatikanische Gericht der Rota erreicht, das unter anderem für Ehesachen zuständig ist. Im Interview erklärt Dekan Pio Vito Pinto, weshalb er die Aktion als skandalös betrachtet - und warum die vier doch nicht um ihr Kardinalsbirett fürchten müssen.

Frage: Exzellenz, vier Kardinäle wünschen vom Papst eine Klärung zu seinem Schreiben "Amoris laetitia". Wo ist das Problem?

Pinto: Sie haben dem Papst geschrieben, und das ist in Ordnung und legitim. Aber nachdem ein paar Wochen eine Antwort ausblieb, haben sie die Sache publiziert. Und das ist eine Ohrfeige. Der Papst kann sich mit seinen Kardinälen beraten; das ist etwas anderes, als ihm eine Beratung aufzuzwingen.

Frage: Die Autoren des Briefs würden sagen, es blieb ihnen keine andere Wahl.

Pinto: Sie sind kein Gremium, das zu irgendetwas qualifiziert wäre. Vielmehr sind sie als Kardinäle noch in höherem Maß zu Treue gegenüber dem Papst verpflichtet. Er steht für die Gabe der Einheit, das Charisma des Petrus. Darin müssen die Kardinäle ihn unterstützen, nicht ihn behindern. Auf was berufen sich die Autoren des Briefs? Dass sie vier Kardinäle sind? Das reicht nicht. Ich bitte Sie. Natürlich können sie dem Papst ihre Fragen schreiben, aber ihn zu einer Antwort verpflichten und die Sache veröffentlichen, das ist ein Skandal.

Von Kardinal Joachim Meisner (Bild) zeigt sich der Dekan der Römischen Rota, Pio Vito Pinto, enttäuscht.
 dpa/picture alliance

Frage: Könnte dahinter nicht eine breitere Front von Unzufriedenen stehen, von denen die vier nur eine Speerspitze sind?

Pinto: Das sagen die Medien. Bleiben wir bei den Fakten. Fakt ist: Der Papst hat zu den Fragen um Ehe und Familie eine Befragung in allen Diözesen weltweit durchführen lassen und - was einmalig ist - gleich zwei Synoden dazu veranstaltet. Die absolute Mehrheit der ersten Synode und eine Zweidrittelmehrheit der zweiten, in der gewählte Mitglieder der Bischofskonferenzen saßen, hat genau jenen Thesen zugestimmt, die die vier Kardinäle jetzt anfechten. In der Kirche gab es immer offene und enge Geister. Es ist viel Geduld nötig, und Franziskus übt keinen Druck aus. Auch nicht bei der Anwendung von "Amoris laetitia". Manche Bischöfe tun sich schwer damit, einige stellen sich taub. Aber der Papst zwingt nicht, und noch weniger verurteilt er.

Frage: Jetzt hieß es, Sie hätten gedroht, den vier Kardinälen könne ihre Kardinalswürde entzogen werden.

Pinto: Dass eines klar ist: Ich bin nicht der Typ, der drohen kann. So etwas zu schreiben, ist eine ziemliche journalistische Freiheit und nicht seriös. Was ich gesagt habe, ist vielmehr: Franziskus ist ein Leuchtturm an Barmherzigkeit und hat unendliche Geduld. Es geht ihm um Zustimmung, nicht um Zwang. Dass die vier ihr Schreiben veröffentlichten, war ein schwerwiegender Akt. Aber zu meinen, dass Franziskus ihnen die Kardinalswürde entzieht - nein. Ich glaube nicht, dass er das je tun wird.

Frage: Aber möglich wäre es?

Pinto: Pius XI. entzog Kardinal Louis Billot das Birett - ein großer französischer Theologe, der allerdings zur extremistischen Action Francaise eine Linie vertrat, die der Papst nicht teilte. Pius XI. rief ihn zur Audienz, Billot lenkte nicht ein, und an einem bestimmten Punkt sagte er: "Eminenz, Sie verlassen diese Audienz als Jesuitenpater." An und für sich kann ein Papst so etwas machen. Wie ich Franziskus kenne, wird er das nicht tun.

Linktipp: "Amoris Laetitia": Kardinäle bitten Papst um Klärung

Mehrere Kardinäle haben an den Papst appelliert, mehr Klarheit über den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen zu schaffen. Dazu haben sie konkrete Fragen zum Schreiben "Amoris laetitia" formuliert.

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Frage: Umgekehrt hat Kardinal Burke eine formelle "Korrektur" des Papstes angekündigt, falls er seine Aussagen nicht präzisiert.

Pinto: Eine Verrücktheit. Es gibt kein Kardinalskollegium, das den Papst zur Rechenschaft ziehen könnte. Aufgabe der Kardinäle ist, dem Papst in seiner Amtsausübung zu helfen - nicht ihn zu behindern oder Vorschriften zu machen. Und Tatsache ist: Franziskus steht nicht nur in völligem Einklang mit der Lehre, sondern mit allen seinen Vorgängern im 20. Jahrhundert, und das war - von Pius X. an - ein Goldenes Zeitalter von herausragenden Päpsten.

Frage: Sind Sie enttäuscht von den vier Briefeschreibern?

Pinto: Ich bin bestürzt, vor allem über die Geste Meisners. Meisner war ein großer Bischof einer bedeutenden Diözese - betrüblich, dass er mit dieser Aktion einen Schatten auf seine Geschichte gelegt hat. Meisner, ein großer Oberhirt! Dass er dahin kommt, hätte ich nicht erwartet. Er stand Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sehr nahe, und er weiß, dass Benedikt XVI. und Franziskus, was die Frage der Ehe angeht, in Analyse und Folgerungen völlig übereinstimmen. Und Burke - wir haben zusammen gearbeitet. Er schien mir immer ein umgänglicher Mensch. Jetzt würde ich ihn fragen: Eminenz, warum haben Sie das gemacht?

Frage: Wie soll man mit der Sache nun umgehen?

Pinto: Ein bisschen mehr beten, ruhig bleiben, basta. Offiziell hat diese Aktion keinen Wert. Die Kirche braucht Einheit, keine Mauern, sagt der Papst. Er wird den Vieren das Kardinalat nicht entziehen. Wir wissen, wie Franziskus ist. Er glaubt, dass Menschen sich bekehren können. Ich weiß, dass er für sie betet.

Von Burkhard Jürgens (KNA)

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