Emotionale Diskussionen

Der Satz des vatikanischen Kardinalstaatssekretärs Pietro Parolin, die Abstimmung der Iren über die Homo-Ehe sei eine "Niederlage für die Menschheit", sorgt für mächtigen Wirbel. Die Kritik - auch aus der Kirche - hält an.

Homosexuelle | Bonn - 28.05.2015

Mit einer solchen Reaktion hatte Pietro Parolin wohl nicht gerechnet. Wegen seiner Formulierung, die Abstimmung der Iren über die sogenannte Homo-Ehe sei eine "Niederlage für die Menschheit" steht der Kardinalstaatssekretär seit Dienstag in den Schlagzeilen. Für seine Kritik an dem Votum der Inselbewohner erntet er nun selbst Widersprich – auch aus der Kirche.

Nachdem am Mittwoch der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer das Statement als "völlig unangemessen" bezeichnet hatte, meldete sich am Donnerstag der emeritierte Münchener Moraltheologe Konrad Hilpert zu Wort. Gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur nennt er Parolins Wortwahl eine "allzu dramatische Formulierung".  Sie sei wohl vor allem dem "Entsetzen" darüber geschuldet, dass die katholischen Iren anders votiert hätten als es die Kirche gewünscht habe.  "Aber bei ‚Niederlagen für die Menschheit‘ fallen mir doch andere Szenarien ein", sagt Hilpert.

Ehesakrament ist einzigartig

Gleichwohl betont er wie Parolin die Einzigartigkeit des Sakraments der Ehe. Dieses beziehe sich auf Verbindungen zwischen Mann und Frau, die darauf aufgelegt sind, Kinder zu zeugen. "Die Hervorbringung gemeinsamer Kinder ist aber bei schwulen und lesbischen Partnerschaften ausgeschlossen, und zwar prinzipiell", sagt Hilpers. Das sei kein Hindernis, das man mithilfe von Samenbanken und Leihmutterschaft aus dem Weg räumen könne. So argumentiert auch der Freiburger Theologe Eberhard Schockenhoff. Die Ehe solle etwas "symbolisch Eigenes" bleiben, um ihre "unverzichtbare Bedeutung" für die Gesellschaft deutlich zu machen. Eine Nivellierung könnte "vielleicht eine gewisse symbolische Genugtuung bieten, bedeutete aber keinen wirklichen Fortschritt", argumentiert Schockenhoff.

Pietro Parolin ist seit 2013 Kardinalstaatssekretär.
 picture alliance / dpa

Dass das Thema "Ehe" viele Menschen auch emotional berührt, zeigen die Reaktion in den sozialen Netzwerken. Sowohl die Abstimmung der Iren als auch das Statement Parolins werden dort scharf diskutiert. Der Hashtag #NiederlagefuerdieMenschheit landete für einige Stunden in den Twitter-Trends der meistgetweeteten Themen.

Auf den katholisch.de-Seiten auf Facebook und Twitter ist die Homo-Ehe in dieser Woche das meistkommentierte Thema. Einige Netzwerker kritisieren Parolins Wortwahl und merkten ähnlich wie Theologe Hilpert an, eine Niederlage für die Menschheit seien wohl eher Kriege, Hunger und andere Katastrophen. "Solche Aussagen sind eine ‚Niederlage für das Christentum‘", fasst eine Nutzerin ihre Meinung kurz und prägnant zusammen.   

Reform der eingetragenen Lebenspartnerschaften

Gerade in Deutschland fallen das irische Referendum und die Aussagen Parolins in eine Zeit, in der ohnehin über die Rechte Homosexueller debattiert wird. Am Mittwoch hat das Kabinett eine Reform der eingetragenen Lebenspartnerschaften auf den Weg gebracht, die es in Deutschland seit 2001 gibt. Der Entwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) sieht etwa Erleichterungen im Zivil- und Verfahrensrecht vor. So sollen homosexuelle Paare die Möglichkeit erhalten, eine Bescheinigung zu beantragen, wenn sie im Ausland eine Partnerschaft begründen wollen.

Auch innerhalb der katholischen Kirche war schon in den vergangenen Wochen kontrovers diskutiert worden, nachdem das Zentralkomitee der deutschen Katholiken eine Segnung für homosexuelle Partnerschaften gefordert hatte. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hatte dieses Anliegen als "unvereinbar" mit der Lehre und Tradition der Kirche zurückgewiesen.

Abzuwarten bleibt nun, wie lange die Debatte nachhallt und ob sie auch die Agenda der Bischofssynode zu Familienthemen im Herbst im Vatikan beeinflusst. Der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper jedenfalls meint, die Kirche habe über den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren zu lange geschwiegen. Während der ersten Bischofssynode 2014 habe das Thema nur am Rand eine Rolle gespielt, "aber jetzt wird es zentral", sagte er der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera". Moraltheologe Hilpert warnt im Hinblick auf die Synode, "die emotionale Art und die starke Aufladung, mit der das Thema derzeit in vielen Ländern diskutiert wird", könnte dem Anliegen schaden. Es bleibt also spannend. (mit Material von KNA)

Burke spricht von einer "Missachtung Gottes"

Kardinal Raymond Leo Burke hat das Ergebnis des irischen Referendums scharf kritisiert. Der US-Amerikaner könne es nicht verstehen, wenn Staaten versuchten die Ehe umzudeuten, berichtete das britische katholische Internetportal "The Tablet" am Donnerstag. Die Zulassung der "Homo-Ehe" sei eine "Missachtung Gottes", so der Kardinal weiter.

Vor der Kardinal-Newman-Gesellschaft, einer katholischen Bildungsorganisation in den USA, sprach Burke über das intellektuelle Erbe des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Wie "The Tablet" berichtet, habe er dabei "sichtliche bewegt" auch Anmerkungen zum irischen Referendum gemacht. "Es ist einfach unglaublich. Heiden mögen homosexuelles Verhalten zwar toleriert haben, aber niemals hätten sie gewagt, von einer Ehe zu sprechen."

Am Freitag hat sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, gegen eine Volksabstimmung über "Homo-Ehen" ausgesprochen. "Solche Entscheidungen über ein Referendum herbeizuführen, führt nur zu einem Kulturkampf", sagte Glück der "Augsburger Allgemeinen". "Das würde Gräben in der Gesellschaft aufreißen und gewaltige Polarisierungen mit sich bringen." (kim/dpa)

29.05., 13.50 Uhr: Ergänzt um die Aussagen von Kardinal Raymond Burke und Alois Glück.

Von Gabriele Höfling

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