"Es ist das Sakrament der Sendung"

Von der Idee seines Augsburger Kollegen Georg Langenhorst, die Firmung wieder zwischen Taufe und Erstkommunion zu spenden, hält Religionspädagoge Patrik Höring nichts. Er macht einen anderen Vorschlag.

Sakramente | Sankt Augustin - 29.06.2016

Taufe - Firmung - Erstkommunion: Diese ursprüngliche Reihenfolge der Sakramente will der Augsburger Religionspädagoge Georg Langenhorst wieder einführen und die Firmung viel früher spenden als heute üblich. Sein Kollege Patrik Höring von der Philosophisch-Theologische Hochschule St. Augustin hält davon nicht viel. Wieso, erzählt er im Interview.

Frage: Herr Höring, Ihr Kollege Georg Langenhorst hat im Interview mit katholisch.de vorgeschlagen, die ursprüngliche Reihenfolge der Initiationssakramente wieder einzuführen und die Firmung rund um die Einschulung zu spenden. Was halten Sie davon?

Höring: Der Vorschlag wird immer mal wieder von Liturgiewissenschaftlern oder Dogmatikern gemacht. Er ist also nicht neu. Meist gibt es zwei Argumente dafür: das der Tradition, nach der früher alles besser und richtiger war. Und das der Praxis, indem man meint, mit einem früheren Firmalter eine größere Zielgruppe erreichen und volkskirchliche Strukturen am Leben erhalten zu können. Ich sehe das anders. Die zentralen Fragen – nämlich was die Firmung bewirken will und warum nach ihrem Empfang in der Pubertät niemand mehr wiederkommt – werden weder durch eine geänderte Reihenfolge noch durch ein niedrigeres Firmalter gelöst.

Frage: Aber hinter der Tradition steckt ja auch Theologie. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. bezeichnet die Eucharistie in seinem Apostolischen Schreiben "Sacramentum caritatis" (2007) als "Fülle der christlichen Initiation" und als "Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche". Er rät dazu, die Reihenfolge der Sakramente zu überdenken, da "wir im Hinblick auf die Eucharistie getauft und gefirmt werden".

Höring: Auch hinter der gegenwärtigen Praxis steckt Theologie. Benedikt sagt nämlich auch, dass die Reihenfolge der Sakramente "keinen eigentlich dogmatischen Stellenwert" habe. Er gibt keine Reihenfolge vor, sondern fordert dazu auf, die Wirksamkeit der aktuellen Initiationswege im Blick auf eine "eucharistische Lebenseinstellung" zu überprüfen. Aus meiner Sicht sind zwei Dinge viel entscheidender: dass der Firmling begreift, was mit dem Sakrament inhaltlich verbunden ist und dass er in der Gemeinde Strukturen vorfindet, die einen entsprechenden Begleitungsprozess ermöglichen.

Patrik C. Höring ist Professor für Katechetik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Philosophisch-Theologischen Hochschule SVD St. Augustin. Er hat zum Thema "Firmung - Sakrament zwischen Zuspruch und Anspruch. Eine sakramententheologische Untersuchung in praktisch-theologischer Absicht" habiliert.
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Frage: Das Alter ist die eine Sache. Aber empfangen junge Gläubige die Eucharistie nicht über Jahre quasi als "Halb-Initiierte", weil die Erstkommunion vor der Firmung stattfindet?

Höring: Faktisch ist es doch so, dass wir heute in jedem Fall unterschiedliche Grade der Zugehörigkeit zur Kirche haben. Es gibt Gläubige, die regelmäßig in den Gottesdienst gehen und solche, die nur zu den Feiertagen kommen. Es gibt die, die sich in der Gemeinde aktiv engagieren und jene, die immerhin durch ihre Kirchensteuer einiges zum Leben der Kirche beitragen. Deshalb sehe ich die Firmung eher als Chance, diesen realen Unterschieden Rechnung zu tragen. Mit der Taufe sind wir alle Glieder der Kirche. Mit der Firmung lassen sich einige dann noch einmal in besonderer Weise aussenden.

Frage: Womit wir bei der theologischen Bedeutung der Firmung wären…

Höring: Mit Blick auf die Theologie seit dem Frühmittelalter bis hin zur Dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium" des Zweiten Vatikanischen Konzils wird deutlich, dass die Firmung das Sakrament der Sendung in die Welt hinein ist, die Beauftragung zum Apostolat. Der Blick auf die Ästhetik der Feier und die liturgischen Texte unterstützt diesen Eindruck. So findet sich etwa die Handauflegung – seit frühester Zeit Zeichen der Geistmitteilung und Beauftragung – in der Firmung, aber auch bei der Priesterweihe wieder. Wenn man bei der Firmung also von der Vollendung der Taufe spricht, dann nicht in dem Sinne, dass der Taufe vorher etwas gefehlt hätte, sondern dass die Firmung Bekenntnis zu etwas ist, was in der Taufe grundgelegt ist.

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Macht es Sinn, die Firmung während der Pubertät zu spenden? Nein, sagt Religionspädagoge Georg Langenhorst. Er plädiert für ein radikales Umdenken – auch in Bezug auf die Reihenfolge der Sakramente.

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Frage: Was resultiert daraus für den richtigen Zeitpunkt der Firmung?

Höring: Wenn man vom Gedanken der Sendung ausgeht, tue ich mich mit dem Vorschlag schwer, das Sakrament rund um die Einschulung spenden zu wollen. Wir sollten eher über die späte Jugend oder das frühe Erwachsenenalter sprechen, die auch noch andere Vorteile bieten. Erstens kommt man entwicklungspsychologisch in ein ruhigeres Fahrwasser. Zweitens erreichen junge Menschen dann einen Punkt, an dem der Kindheitsglaube in eine neue, reifere Phase treten kann. Viele legen mit der Volljährigkeit den Glauben ad acta. Kirche hätte hier die Chance, mit den jungen Leuten eine neue, selbstentdeckte, dem Erwachsenenalter kompatible Form des Glaubens zu entdecken.

Frage: Georg Langenhorst weist aber nicht zu Unrecht darauf hin, dass junge Erwachsene häufig andere Dinge im Kopf haben. Sie sind zum Beispiel auf der Suche nach einem Beruf oder einem Lebenspartner…

Höring: In der Schweiz oder auch in vielen norddeutschen Diözesen hat man durchaus gute Erfahrungen mit einem höheren Firmalter gemacht. Die Zahlen der Firmlinge gingen dort nicht rapide bergab und auch mit der Berufs- oder Partnerfindung gab es keine Konflikte. Denn die Frage, ob die Firmvorbereitung als zusätzliche Belastung wahrgenommen wird, hängt stark vom katechetischen Konzept ab. Wenn Katechese als förderlich, lebensrelevant und alltagsnah empfunden wird, kann sie in diesen Lebensphasen sogar eine stützende Funktion haben. Allerdings würde ich auch nur ein Mindestalter – vielleicht 17 Jahre – für den Empfang der Firmung vorschlagen, den Zeitpunkt nach oben hin aber offen lassen.

Frage: Warum nur ein Mindestalter?

Höring: Weil Biographien und Glaubenswege der Menschen immer verschlungener werden. Daher sind Prozesse der Glaubensbildung differenziert und den individuellen Bedürfnissen entsprechend zu konzipieren. Irgendwelche Automatismen und das "Jahrgangsdenken" funktionieren nicht mehr. Deshalb sollten wir – auch im Blick auf eine sich verstärkende Diasporasituation der Kirche in Deutschland – schon jetzt auf mehr Offenheit und Flexibilität setzen. Auch wenn das für die Gemeinden sicher aufwendiger werden wird.

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Frage: Wie könnte das Ganze denn in der Praxis aussehen? Man kann ja nicht zur Einzelkatechese übergehen…

Höring: Doch, genau das kann man. Die Idee dahinter ist, dass in der Gemeinde zwar noch immer bestimmte Menschen die Hauptverantwortung für die Katechese tragen, die eigentlichen Lernprozesse im Glauben aber durch individuelle Begleiter stattfinden. Jeder Firmand bekommt für eine gewisse Zeit einen Mentor zugeteilt. Dadurch lässt sich auch die bisher sehr verschulte Form der Katechese aufbrechen. Bei dieser urchristlichen Form, den Glauben zu lernen, geht es dann nicht mehr darum, primär Wissen zu vermitteln, sondern Fertigkeiten und Einstellungen kennenzulernen. Es geht um die Auseinandersetzung mit anderen Lebensentwürfen, um einen eigenen, vom Glauben inspirierten Lebensstil zu entwickeln. Besonders dafür geeignet sind etwa auch diakonische Projekte, die durch Begegnungen mit Menschen in Grenzsituationen oder mit menschlichem Leid Lernprozesse anstoßen.

Frage: Das hört sich nach einer großen Herausforderung an. Was braucht es in den Gemeinden, damit sich so eine Form der Katechese wirklich umsetzen lässt?

Höring: Zunächst braucht es natürlich lebendige Zeugen des Glaubens in den Gemeinden. Der Gedanke ist nicht neu. Allerdings haben wir immer geglaubt, dass diese Zeugen von selbst kommen. Das ist aber leider nicht so. Die erste Herausforderung ist also die existenzielle Glaubensbildung der Gemeindemitglieder – zum Beispiel durch Exerzitien, Exerzitien im Alltag oder geistliche Schriftlesung. Die zweite ist dann, transparent zu machen, was ich selbst glaube. Auch das können nur wenige. Es ist nicht damit getan, einem Katecheten irgendein Heft in die Hand zu drücken oder einzelne Methoden auszuprobieren. Unsere Gemeinden müssen wieder lernen, miteinander im Glauben zu kommunizieren. Eigentlich sind diese beiden Aufgaben seit Entstehung der Gemeindekatechese in den 1970er Jahren bekannt. Umgesetzt sind sie dagegen noch nicht.

Von Björn Odendahl

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