Orden

Franziskus, der Jesuit

Jesuiten-Provinzial Stefan Kiechle über den Papst und seinen Orden

München - 10.08.2015

Papst Franziskus ist der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri. Doch nicht nur diese Tatsache macht ihn besonders. Auch seine Art zu reden, sein Umgang mit Menschen und nicht zuletzt seine vielen Pläne für die Kirche sorgen immer wieder für Diskussionen. Einer, der den Papst gut kennt, ist der deutsche Jesuiten-Provinzial Stefan Kiechle. Katholisch.de hat mit ihm über seinen berühmten Ordensbruder gesprochen.

Frage: Pater Kiechle, Sie haben ein Buch mit dem Titel "Grenzen überschreiten" über ihren Ordensbruder Papst Franziskus geschrieben. Wie ist der Titel gemeint?

Kiechle: Der Titel greift ein Grundwort des Papstes auf, der immer wieder davon spricht, an die Ränder und Grenzen hin zu Menschen zu gehen, die fern sind vom Reich Gottes, fern von der Kirche, von Frieden, Gerechtigkeit und einem guten Leben. Diese Grenzen gilt es in den Augen des Papstes zu überschreiten. Dazu möchte er die Gläubigen aussenden.

Frage: Manchmal sagt Franziskus aber auch Dinge, die man ihm negativ als "Grenzüberschreitung" auslegen könnte, weil sie nicht zu einem Papst passen. Zum Beispiel, dass sich Katholiken nicht vermehren müssten wie die Karnickel. Oder dass ein "würdevolles" Schlagen von Kindern in Ordnung sei. Wie erklären Sie sich das?

Kiechle: Der Papst ist ein spontaner Mensch, was grundsätzlich schön und begrüßenswert ist. Das führt aber mitunter dazu, dass er "frei von der Leber weg" spricht und dabei manchmal unglückliche Formulierungen zustande kommen. Außerdem kommt der Papst aus einem anderen Kulturkreis. Was in Lateinamerika vielleicht selbstverständlich oder plausibel ist, trifft bei uns in Europa auf Empfindlichkeiten, mit denen er gar nicht rechnet.

Frage: Der Papst ist aber nicht nur ein spontaner, sondern auch ein sehr spiritueller Mensch. Sie suchen in Ihrem Buch nach seinen spirituellen Quellen. Haben Sie sie gefunden?

Kiechle: Franziskus schöpft seine Kraft vor allem aus den spirituellen Quellen des Jesuitenordens. Das sind zum Beispiel die Exerzitien unseres Gründers Ignatius von Loyola. Als Jesuit hat man eine sehr persönliche Weise, wie man mit der Heiligen Schrift und dem Glauben umgeht, wie man betet, wie man sich vom Herrn in die Nachfolge rufen und senden lässt. Daraus erwächst dann die Aufgabe des Einzelnen in der Kirche und der Welt – auch für den Papst. Bei dem, was er sagt und tut, an seiner Art, die Kirche zu führen, merkt man, dass er Jesuit ist.

Pater Stefan Kiechle SJ ist Buchautor und Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten.  Jesuiten

Frage: Franziskus hat nicht nur mehrfach betont, dass er aus den Exerzitien Kraft schöpft, sondern auch die Kurienspitze dazu "verdonnert". Hatte die Kurie das nötig?

Kiechle: Schon Ignatius von Loyola war es sehr wichtig, dass Priester und Seelsorger authentisch sind und den Glauben, den sie verkündigen, selbst leben und bezeugen. Denn das ist die Grundlage, von der auch der Papst geprägt ist und die er sich für die gesamte Kirche wünscht. In diesem Sinne sind auch seine Mahnreden an die Kurie und den Klerus zu verstehen. Ich selbst kenne die Kurie zu wenig, um wirklich sagen zu können, dass Kritik und Exerzitien nötig waren. Aber ich gehe davon aus, dass der Papst seine Gründe dafür hatte. Er wurde ja auch deshalb zum Papst gewählt, damit er in die Kirche einbringt, was ihm als Jesuit wichtig ist.

Frage: Und was genau ist das? Woran erkennt ein "Insider" wie sie, dass der Papst Jesuit ist?

Kiechle: Seine biblische Verwurzelung ist ein ganz wichtiges Merkmal. Der Bezug zur Heiligen Schrift und dann ganz konkret zur Person Jesu kommt in seinen Ansprachen und Weisungen immer wieder zum Tragen. Auch dass die Kirche zu den Armen gesandt ist, um ihnen zu einem besseren Leben zu verhelfen, steht in der spirituellen Tradition des Ignatius. Ein dritter Punkt ist die sogenannte Unterscheidung der Geister: Der Papst hört erst sehr genau hin und lässt sich beraten, um in bestimmten Situationen bestmöglich vorgehen zu können. Er nimmt die Ratschläge dann mit ins Gebet hinein, um nach dem Willen Gottes zu fragen. Wenn er dann aber entscheidet, kann er auch autonom und bestimmend sein.

Frage: Bei der Familiensynode im vergangenen Herbst konnte man diese Unterscheidung der Geister beobachten. Der Papst hat sich sehr zurückgehalten. Wird sich das Ihrer Einschätzung nach bei der Synode in diesem Oktober ändern?

Kiechle: Es war in der Tat sehr auffällig, dass Franziskus sich bei der Synode im vergangenen Jahr alles mit stoischer Miene angehört hat. Man kann aber sicher sein, dass er die vorgetragenen Gedanken mit ins Gebet genommen hat und in sich hat reifen lassen. Außerdem hat er noch einmal ein ganzes Jahr Informationen darüber gesammelt, welche Erfahrungen die Kirche weltweit mit dem Thema Ehe und Familie gemacht hat. Bei der kommenden Synode ist deshalb zu hoffen, dass auch Entscheidungen fallen. Ob und wie Franziskus das macht, weiß aber auch ich nicht.

Frage: Kann der Papst bei der Synode denn überhaupt theologische Akzente setzen? Kardinal Gerhard Ludwig Müller soll behauptet haben, das Pontifikat von Franziskus theologisch strukturieren zu müssen…

Kiechle: Franziskus ist theologisch sehr gebildet, hat viel studiert und viel gelesen. Das wirkt bei ihm vielleicht etwas anders, als wir Europäer das gewohnt sind, weil er weniger systematisch-begrifflich und strukturiert vorgeht. Manches kommt eher spontan und spirituell. Dennoch steckt sehr viel Theologie, Erfahrung und auch Weisheit dahinter.

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Ignatius von Loyola - Ein Porträt des Gründers der Jesuiten.  

Frage: Ihr Ordensgründer, Ignatius von Loyola, war vor seiner Bekehrung ein Frauenheld. Er hat Buße getan und eine zweite Chance bekommen. Glauben Sie, dass der Papst das im Hinterkopf hat, wenn bei der Synode im Herbst auch über das Thema wiederverheiratete Geschiedene gesprochen wird?

Kiechle: Unser Ordensgründer soll tatsächlich in den ersten 30 Jahren seines Lebens sehr wild gelebt haben. Dann hat es aber einen großen, inneren Umkehrprozess gegeben, so dass er danach in vielen Dingen streng mit sich selbst und anderen war. Er hat sein Leben aber auch radikal für andere eingesetzt. Der Papst lebt diesen radikalen Einsatz für andere ebenfalls. Wie sich das auf der Synode zeigen wird, bleibt abzuwarten. Klar ist aber, dass man im Leben Fehler macht - auch ohne eigenes Verschulden. Klar ist auch, dass es Brüche im Leben geben kann und Neuorientierungen geben muss. Das weiß jeder, der wie der Papst in der Seelsorge gearbeitet hat. Daher hoffe ich, dass die Kirche ihren zentralen Auftrag, die biblisch grundgelegte Barmherzigkeit zu leben, wahrnimmt und den Mut hat, auf der Synode neue Schritte zu gehen.

Frage: Franziskus hat bereits viele Veränderungen angestoßen. Die von vielen Gläubigen erhoffte Revolution ist aber bisher ausgeblieben. Kommt sie noch?

Kiechle: In Europa und gerade auch in Deutschland haben wir bestimmte Reizthemen, bei denen wir dringend Reformen erwarten und anmahnen. Das sind aber nicht unbedingt die Themen der Weltkirche. Und auch der Papst kommt aus einem anderen Kulturkreis. Ich vermute deshalb, dass Franziskus manche Erwartungen enttäuschen wird. Dennoch ist er dabei, Vieles zu erneuern und weiterzuentwickeln. Da muss man ihm die Freiheit lassen, aus seinem Glauben heraus dort anzupacken, wo er es für richtig und notwendig hält. Wir müssen darauf vertrauen, dass es zum Segen der Kirche wird, auch wenn unsere konkreten Vorstellungen nicht so erfüllt werden, wie wir es wollen.

Frage: Was wird der Papst denn ihrer Meinung nach noch anpacken wollen und müssen?

Kiechle: Es wird wohl die Kurienreform vorantreiben, damit sich die Art und Weise, wie die Behörden arbeiten, weiter verbessert. Denn unserer Kirche muss noch transparenter, kooperativer und kollegialer werden. Auch in der Medien- und Öffentlichkeitspolitik gibt es noch viel zu tun, damit Pannen, die es in der Vergangenheit gegeben hat, künftig vermieden werden. Beim Thema Familie muss die Kirche die gesellschaftlichen Realitäten besser wahrnehmen, die Veränderungen nicht ignorieren und gute Antworten darauf finden. Auch das wird Franziskus angehen. Da bin ich mir sicher.

Von Björn Odendahl

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