"Franziskus hat die Diskussion wieder eröffnet"

Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat ausführlich über die Rolle der Frau in der Kirche geforscht. In den Äußerungen des Papstes rund um einen Diakonat für Frauen sieht er den Beginn einer neuen Debatte.

Diakonat | Münster - 14.05.2016

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat in seinem Buch "Krypta" ausführlich über die Rolle der Frau in der Kirche berichtet. Im Interview sieht Wolf in den jüngsten Äußerungen von Papst Franziskus über eine mögliche Öffnung des Diakonenamtes für Frauen den Beginn einer neuen Debatte.

Frage: Herr Professor Wolf, Papst Franziskus will eine Kommission zum Frauendiakonat in der alten Kirche einsetzen. Was könnte diese Kommission in der Kirchengeschichte finden?

Wolf: Zunächst ist es interessant, dass damit eine neue Möglichkeit aufgetan wird. Es wurde ja von hochrangigen Kurialen immer wieder der Eindruck erweckt, dass die 1994 von Papst Johannes Paul II. festgestellte Unmöglichkeit der Priesterweihe für Frauen auch für das Diakonat gelten würde. Wenn dem so wäre, dann bräuchte man keine Kommission. Aber wenn der Papst nun eine solche fordert, ist es zumindest theoretisch möglich, dass die Ergebnisse dieser Kommission zu Änderungen führen. Franziskus hat eine Diskussion wieder eröffnet, die viele für beendet hielten...

Frage: ...und was könnte diese Kommission nun finden?

Wolf: Die Forschung zum Thema ist in den letzten Jahren sehr breit gewesen. Wir wissen, dass es in der Kirchengeschichte sehr unterschiedliche Typen von Diakoninnen gab: verheiratete Frauen, die Bischöfen zugearbeitet haben, Frauen mit der Jungfrauenweihe, vor allem aber Äbtissinnen. Deshalb ist es hochinteressant, dass Papst Franziskus sich dazu vor 900 Ordensoberinnen geäußert hat. Damit greift er eine Tradition auf, nämlich dass die Äbtissinnenweihe der Diakoninnen- oder sogar der Bischofsweihe sehr ähnlich war. Der Forschungsstand lautet kurz zusammengefasst: Es besteht kein Zweifel, dass es über Jahrhunderte in der Kirche Diakoninnen gab, die in einem analogen Ritus wie dem für Männer ordiniert wurden: Diakoninnen gab es in der alten Kirche, in der Ostkirche ohnehin und bei uns in der Westkirche bis ins 12. oder 13. Jahrhundert.

Link: "Es wird der Kirche gut tun, das zu klären"

Papst Franziskus hat sich am Donnerstag zu einer möglichen Öffnung des Diakonats für Frauen geäußert. In einer Audienz für Ordensoberinnen antwortete er auf die entsprechende Frage einer Oberin. Nun hat der Vatikan den Wortlaut der Antwort veröffentlicht. Lesen Sie hier die deutsche Übersetzung.

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Frage: Ist eine solche Prüfung also längst fällig gewesen?

Wolf: Wenn das jetzt geprüft wird, freut mich das als Kirchenhistoriker. Franziskus versucht, Traditionen in der Kirchengeschichte anzuschauen. Und damit knüpft er - auch wenn das jetzt etwas verrückt klingt - an Johannes Paul II. an, der beim historischen Schuldbekenntnis im Jahr 2000 gesagt hat: "Die Kirche fürchtet gewiss nicht die Wahrheit, die aus der Geschichte kommt."

Frage: Ein Weiheamt von Frauen wird meist mit dem Argument verworfen, dass Jesus nur Männer zu seinen Aposteln berufen hat. Kann es also überhaupt geweihte Frauen geben?

Wolf: Wenn das Ergebnis der historischen Überprüfung wäre, dass es in der Tradition über 1.000 Jahre Frauen gegeben hat, die eine sakramentale Diakonatsweihe gehabt und vielleicht auch während der Messe das Evangelium verkündet haben - eine der vornehmsten Aufgaben dieses Amtes - dann kommt man an diesem Faktum nicht vorbei. Dann stellt sich auch die Frage nicht mehr, ob es dies geben darf oder nicht. Wenn der Papst sagt, wir wollen eine historische Untersuchung, dann heißt das: Wir stellen offene Fragen, bei denen wir die Antworten noch nicht kennen. Und hat es Frauen gegeben, die als Diakoninnen gewirkt haben, dann muss man diese Tradition erst einmal würdigen und kann nicht so tun, als sei es immer schon so gewesen, wie manche es gerne hätten.

Frage: Bei dem Treffen mit den Ordensoberinnen am Donnerstag hat der Papst noch einmal die Lehre seiner Vorgänger bekräftigt, dass die Priesterweihe für Frauen nicht möglich ist. Lässt sich der Diakonat davon trennen?

Wolf: Der Diakonat ist eine eigene Weihestufe. Oft wird so getan, als ob es immer nur um die Vorstufe zur Priesterweihe ginge, also ein Durchgangsstadium. Aber das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat auch den in früheren Zeiten gängigen Ständigen Diakonat wiederentdeckt - als eigenständiges Amt. Dann kann es doch zumindest auch theoretisch einen Ständigen Frauendiakonat geben, der nicht automatisch zur Priesterweihe führen muss.

Hubert Wolf im Porträt
"Wir wissen, dass es in der Kirchengeschichte sehr unterschiedliche Typen von Diakoninnen gab: verheiratete Frauen, die Bischöfen zugearbeitet haben, Frauen mit der Jungfrauenweihe, vor allem aber Äbtissinnen", so Hubert Wolf.
 KNA

Frage: Kardinal Kasper hat zuletzt eine Art "Diakonat light" für Frauen vorgeschlagen - also ein Amt, das aber nicht mit einer sakramentalen Weihe verbunden wäre. Wie schlüssig ist dieser Vorschlag aus Sicht eines Kirchenhistorikers?

Wolf: Das Modell ist nicht neu. Der Münchener Kardinal Michael Faulhaber hat schon vor 90 Jahren eine solche Form in seiner Diözese vorgeschlagen. Aber der Papst stellt ja jetzt eine andere Frage: Wie war das wirklich mit den Diakoninnen in der Geschichte der Kirche? Lassen wir doch die kirchliche Tradition selbst seine Frage beantworten, dann braucht es vielleicht kein Diakonat light für Frauen.

Frage: Welche Argumente für das Diakonat der Frau finden sich noch?

Wolf: Mich interessieren da zum Beispiel die Kartäuserinnen heute: Werden sie zumindest in Italien nicht automatisch zu Diakoninnen geweiht und haben immer noch in der Messfeier das Recht, das Evangelium zu verkünden? Wenn das so ist, dann gibt es doch offenbar Frauen als Diakoninnen. Und dann die Frage: Welches Weiheformular wird bis heute bei den Kartäuserinnen verwendet? Ich lese jedenfalls in der Literatur, dass die Bischöfe das gleiche Pontifikale wie bei den Männern verwenden.

Zur Person

Hubert Wolf (*1959) ist Direktor des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Weitere Informationen zu Hubert Wolf

Von Christian Wölfel (KNA)

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